Wer die kleine, denkmalgeschützte Dorfkirche in Ilmersdorf (Landkreis Spree-Neiße) bei Drebkau besucht, kommt an der Gruft nicht vorbei.
Vom Altar aus führt der Mittelgang direkt dorthin. In vier Särgen mit gläsernen Deckeln liegen nebeneinander gut erhaltene Mumien. Die Gesichter sind noch zu erkennen. Auch die Prachtgewänder aus schweren Stoffen, Stiefel, Handschuhe und sogar der für das 18. Jahrhundert typische Papierblumenschmuck haben die Zeit fast unbeschadet überdauert.
„Bei den Toten handelt es sich um den Erbauer der Kirche und Besitzer des einstigen Rittergutes, Caspar Ernst von Normann, um zwei seiner sechs Kinder sowie um Schwiegertochter Ulrike Eleonore“, erklärt Pfarrer Robert Marnitz. Letztere sei 1765 im Kindbett gestorben, und gemeinsam mit ihrem Säugling bestattet worden. Das hätten Forschungen in den vergangenen Jahren ergeben, an denen auch das Brandenburgische Landesamt für Denkmalschutz beteiligt war, bestätigt Sprecher Christof Krauskopf. „Wie auch in anderen Grüften war es in Illmersdorf in der Vergangenheit zu Vandalismus gekommen. Um die Särge und die sterblichen Überreste erhalten zu können, waren aufwendige Konservierungen notwendig“, erklärt er.
Weitere Eichensärge in der Gruft enthalten demnach sechs Leichen derer von Normann, ebenfalls mumifiziert, aber nicht für die Öffentlichkeit zu sehen. Dass die Verstorbenen der Adelsfamilie in der Familiengruft der 1742 erbauten Kirche nicht verwesten, ist – wohl auch durch die mehrfache Öffnung der Särge - den Illmersdorfern schon lange bekannt. „Zu DDR-Zeiten hatte ein Nachbar den Kirchenschlüssel und ließ uns Kinder manchmal herein“ erzählt Verena Jolske-Dittrich, die regelmäßig Besucher durch die Kirche führt.
Auch Kunsthistoriker Andreas Stroebl kennt die Illmersdorfer Toten. Bei der Mumifizierung hätte niemand nachgeholfen, auch wenn darüber immer wieder spekuliert werde, sagt er. „Die Belüftung in der ansonsten trockenen Gruft hat diesen Prozess begünstigt“, sagt der Fachmann, der mit seinem Team von der „Forschungsstelle Gruft“ in Lübeck (Schleswig-Holstein) deutschlandweit bereits rund 40 Grüfte restauriert hat.
Auch in Brandenburg, so vermutet der Experte, gebe es noch Hunderte mumifizierte Leichname in Kirchengrüften. Genaue Zahlen lägen nicht vor, da stehe die Forschung noch ganz am Anfang. „Wenn Feuchtigkeit fehlt, verwesen Verstorbene einfach nicht. Das ist ein ganz normaler Vorgang“, erklärt er. Das bestätigt auch Krauskopf, der in diesem Zusammenhang nicht von Mumien sprechen will. „Mumien werden tatsächlich mit speziellen Techniken haltbar gemacht.“
Stroebl lehnt aus ethischen Gründen ein Zur-Schau-Stellen der Toten vehement ab. „Das hätten diese Leute sicher nicht gewollt und deshalb sollte ihnen auch die Totenruhe gewährt werden“, mahnt er. Artikel 1 des Grundgesetzes gelte auch nach dem Tode.
Die Totenruhe zu respektieren, dafür plädiert auch die Denkmalpflege. „Wir sind allerdings nicht der Eigentümer, können also nichts verbieten, nur fachlich beraten“, sagt Krauskopf. Letztlich entscheide die jeweilige Kirchengemeinde, wie mit den Toten in Grüften verfahren werde, ergänzt Stroebl. „Es ist immer eine Gratwanderung. Unsere Mumien sind von ihrem Erhaltungszustand her etwas Besonderes und wir gehen achtsam mit ihnen um“, meint Pfarrer Marnitz und verweist auf einen zustimmenden Eintrag der Normann-Nachkommen im Kirchen-Gästebuch. Als Ort für Gottesdienste habe die Illmersdorfer Kirche ausgedient. Als Ausflugsort sei sie jedoch reizvoll, vor allem auch wegen der Mumien, ist er überzeugt.
In Illmersdorf hatte sich der damalige Pfarrer Peter Krüger gemeinsam mit der Kirchengemeinde dafür entschieden, die Mumien öffentlich zu machen, nachdem sie Mitte der 1990er Jahre für die Rettung der stark verfallenen Kirche gekämpft hatten. 2002 war die Sanierung der Außenhülle mit Hilfe von Fördermitteln abgeschlossen, inklusive Reinigung und Desinfizierung der Mumien. Damals hielten viele Freiwillige die Kirche für Besucher offen. Inzwischen gebe es im 100-Seelen-Ort keine eigene Kirchengemeinde mehr und auch die Mumien gerieten etwas in Vergessenheit, erzählt Pfarrer Marnitz, der allein für fünf Kirchen in seinem Pfarrsprengel verantwortlich ist.
Wichtigstes Projekt in Illmersdorf ist für ihn jetzt die Restaurierung des Kanzelaltars, der hölzernen Emporen samt Patronatsloge und der Kirchenbänke, allesamt stark vom Holzwurm durchlöchert. Ein Restaurierungskonzept soll erstellt werden - Grundlage für die Beantragung von Fördermitteln. „Die Kirche allein ist überfordert, alle Gotteshäuser zu erhalten, die ja auch Kulturdenkmäler sind“, macht er deutlich.
Am 3. Oktober - dem Tag der Deutschen Einheit - wird die Kirche erstmals wieder ohne Voranmeldung zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet. Der Einheitstag sei bedeutsam, weil zu DDR-Zeiten die Kirche wie das gesamte Dorf dem Tagebau weichen sollte, erklärt der Pfarrer.