Hartz IV: Mobiler Bus des Berliner Arbeitslosenzentrum bietet Sozialberatung vor Jobcentern

Ansprechpartner: Gulia Borri und Peter Beyer vor dem Beratungsbus des Berliner Arbeitslosenzentrums
Jacqueline WestermannSeit 2007 ist die mobile Sozialberatung unterwegs, seit diesem Jahr mit einem eigenen Bus, der aus Spendengeldern finanziert wurde. In Absprache mit den Ordnungsämtern und Jobcentern stehen sie jeweils zwei Tage vor den Jobcentern der Bezirke, jeweils von 8 bis 13 Uhr. Neben Themen des Sozialgesetzbuches (SGB) II gebe es auch Fälle zum Verhältnis von Rente zu Hartz IV oder aufenthaltsrechtliche Fragen, so Borri.
Weniger Klischeedenken erhofft
In diesem Jahr konnten sie pandemiebedingt erst verspätet mit dem Bus starten. Doch gerade in der aktuellen Zeit bemerkten sie, dass viele zum ersten Mal mit der Behörde zu tun haben, auch Hochqualifizierte die jetzt Arbeitslosengeld II beantragen müssten. „Die werden dann mit dem Verwaltungsuniversum konfrontiert“, sagt Borri. Vor allem die juristische Fachsprache wäre unabhängig vom Bildungsstand für viele eine Herausforderung. Sie habe die Hoffnung, dass die Corona-Zeit zu einem gesamtgesellschaftlichen Verständnis für die Thematik und das System Hartz IV führe und dass es künftig weniger Klischeedenken gebe.
Die Arbeit am Bus mache ihr Spaß, auch wenn es ein ernstes Thema sei. Aber sie schätze es, denn die Art und Weise ist „direkt, ansprechbar, niedrigschwellig“. Borri ist Sozialwissenschaftlerin, war an einer Beratungsstelle für Geflüchtete tätig, bevor sie sich mehr für die Thematik „Arm trotz Arbeit“ interessierte und zum BALZ kam. Für Beyer, der Rentner ist, ist es ein Erfolgserlebnis, wenn er hoffnungslosen Menschen einen Weg zeigen kann.
Der ehrenamtliche Richter hat viele sozialgerichtliche Fälle mitbekommen, weiß, dass viele Betroffene ihre Rechte nicht kennen, oft eingeschüchtert sind. „Manchmal müssen wir aber auch einige Zähne ziehen. Ein Bescheid fühlt sich vielleicht ungerecht an, aber das Jobcenter hat alles richtig gemacht“, erklärt Borri.
Zeugen der Verzweiflung
Plötzlich werden im Hintergrund, im Eingangsbereich des Jobcenters, Stimmen laut. Einer Familie wird der Zutritt verweigert, obwohl die Sachbearbeiterin sie herbestellt habe. Ohne Termin. In Covid-19-Zeiten etwas problematisch, da der Zugang zum Gebäude nur mit Termin möglich ist. Der Familienvater wird laut. Seit drei Monaten sei die Miete nicht überwiesen worden. Der Sicherheitsdienst versperrt weiterhin die Tür. Die Mutter hält das Telefon in der Hand, versucht, mit der Sachbearbeiterin zu kommunizieren.
„Genau deswegen“, flüstert Beyer, der mit Borri die Szene beobachtet. „Drei Monate keine Miete. Das ist doch verständlich, dass man da verzweifelt ist.“ Zwischenfälle wie diese hatten bei ihm Auswirkungen. Einige Schicksale nahm er mit nach Hause, entschied sich vor zwei für eine therapeutische Behandlung. Langsam gehe es ihm besser. Aber eine Szene wie diese bringt sein Blut wieder in Wallung, erklärt Beyer. Doch hilflos macht es ihn nicht, er wendet sich der Frau zu und erklärt, welche Möglichkeiten die Familie hat, schreibt die Nummer eines Rechtsanwaltes auf, der auf sozialrechtliche Fälle spezialisiert ist.
Berliner Arbeitslosenzentrum
Das Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise ist ein gemeinnütziger Verein, der seit 1980 Arbeitslose und Geringverdiener berät. Die kostenlosen Beratungen konzentrieren sich auf Arbeitslosengeld und Hartz IV. Das BALZ will über Rechte und Pflichten aufklären und bei der Durchsetzung individueller Ansprüche und Rechte helfen. Der mobile Beratungsbus ist von April bis Oktober unterwegs, im Winter berät das Team zum Beispiel in Vereinen oder in Obdachlosenunterkünften. In der BALZ-Geschäftsstelle in der Beusselstraße gibt es zudem das ganze Jahr über telefonische Beratungen.⇥jw
