Familien in Berlin
: Paten-Großeltern – mehr als nur Babysitting

Barbara Gutsche betreut seit 15 Jahren Paten-Enkel. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen mit Kindern und Eltern und warum das Ehrenamt auch ihr eigenes Leben bereichert.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Barbara Gutsche und ihre Paten-Enkelin Alina (4) trinken im Familienzentrum in Berlin-Lichtenberg Tee und Essen Lebkuchen. Wenn sie nicht in der gemeinnützigen Einrichtung spielen und lesen, gehen sie unter anderem auf Spielplätze oder ins Schwimmbad.

    Barbara Gutsche und ihre Paten-Enkelin Alina (4) trinken im Familienzentrum in Berlin-Lichtenberg Tee und Essen Lebkuchen. Wenn sie nicht in der gemeinnützigen Einrichtung spielen und lesen, gehen sie unter anderem auf Spielplätze oder ins Schwimmbad.

    Maria Neuendorff
  • Barbara Gutsche (66) und Alina (4) breiten im Familienzentrum in Berlin einen Spiele-Teppich aus. Die Leih-Großeltern des Vereins Berliner Familienfreunde e. V. können die Räume kostenlos nutzen, um sich mit ihren Patenkindern zu treffen.

    Barbara Gutsche (66) und Alina (4) breiten im Familienzentrum in Berlin einen Spiele-Teppich aus. Die Leih-Großeltern des Vereins Berliner Familienfreunde e. V. können die Räume kostenlos nutzen, um sich mit ihren Patenkindern zu treffen.

    Maria Neuendorff
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„Wann gehen wir wieder schwimmen?“, fragt Alina aufgeregt, nachdem sie von Barbara Gutsche von der Kita abgeholt wurde. „Vielleicht am Wochenende, das muss ich erst mit deinen Eltern absprechen“, antwortet die 66-Jährige. Es ist Mittwoch, und heute fahren Leih-Oma und Paten-Kind gemeinsam mit dem Bus ins Familienzentrum nach Berlin-Lichtenberg.

In dem neuen Flachbau in der Plattenbausiedlung in Ost-Berlin ist es warm und gemütlich, es gibt eine Tobeecke mit Bällebad und Minirutsche und eine Einbauküche, in der Barbara Gutsche Tee kocht, bevor sie gemeinsam mit der Vierjährigen den Spielteppich auf dem Boden ausrollt, um das Puppenhaus aufzubauen. „Ich hab Hunger“, sagt Alina. „Das dachte ich mir, mein Schatz. Schau mal, ich habe doch schon was auf den Tisch gestellt“, sagt ihre Patenoma und zeigt auf einen Teller mit Lebkuchen.

Seit 15 Jahren Leih-Oma

Dass Kinder nach der Kita erst einmal was in den Magen brauchen, weiß sie aus langjähriger Erfahrung. Barbara Gutsche ist selbst Mutter und seit über 15 Jahre Patenoma. Zig kleine Menschen hat sie schon beim Aufwachsen begleitet, war mit ihnen auf Spielplätzen, in Museen und im Kino oder hat sie zum Sportverein gebracht.

Auch mit der vierjährigen Alina und ihren fünf Geschwistern (11, 10, 9, 6 und 3) hat sie schon viele Abenteuer erlebt. „Reiner Egoismus“, antwortet Barbara Gutsche lachend, wenn man sie fragt, warum sie ihre Freizeit mit den Enkeln anderer Familien verbringt. Durch eine schwere Krankheit wurde die gelernte Kosmetikerin vorzeitig berentet. „Meine eigenen Kinder waren da gerade im Abnabelungsprozess. Ich habe eine sinnvolle Beschäftigung gesucht, und eine soziale Ader hatte ich schon immer“, erklärt die Berlinerin.

So war sie von Anfang an mit dabei, als sich der Verein Berliner Familienfreunde vor rund 15 Jahre gründete. Neben der Vermittlung von Patengroßeltern bieten die Mitglieder unter anderem auch „Flexi“-Betreuung für alleinerziehende Mütter und Väter an, damit diese Termine zum Beispiel beim Arzt, Job-Center oder zur Physiotherapie wahrnehmen oder einfach mal Freunde treffen können.

Wer sich als Pate engagieren will, wird erstmal in das Familienzentrum geladen, dessen Räume der gemeinnützige Verein kostenlos nutzen kann. „Wir schauen, wie die Bewerber mit Kindern umgehen und in Stresssituationen reagieren“, berichtet Gutsche. Dazu sind ein Erste-Hilfe-Kurs sowie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis nötig.

Gemeinsam mit den Paten in den Urlaub

Rund 20 Paten helfen so Familien in der Nachbarschaft. Auch immer mehr Paare sind dabei. Bei manchen halten die Verbindungen zu ihren Schützlingen auch, wenn diese längst flügge sind. „Ich kenne welche, die fahren zum Beispiel zusammen in den Urlaub.“ Im Gegensatz zu manchen anderen Paten-Projekten, die Leihomas und Opas gegen Lohn vermitteln, ist das Angebot für die Familien kostenlos. Inzwischen gibt es eine lange Warteliste.

Wie aufwändig und intensiv die Betreuung ist, wird individuell vereinbart. „Ich habe schon Kinder nur von der Kita abgeholt und an der Tür abgegeben. Es gab aber auch Paten, die haben Kinder ins Bett gebracht, damit die Mutter einen Job mit Schichtdiensten annehmen konnte.“ Barbara Gutsche hat mit einem Mädchen, das Figurprobleme hatte, dagegen an vielen Nachmittagen bei sich zu Hause gemeinsam gesunde Mahlzeiten gekocht.

Bei Alinas Familie, die aus Pakistan stammt, musste die deutsche Leihoma erstmal lernen, dass die Eltern enttäuscht sind, wenn sie abends nicht zum Essen bleibt. „Die Mama kocht toll“, berichtet Barbara Gutsche und schwärmt von scharfen Linsengerichten und gefüllten Teigtaschen.

Sie selbst nimmt zum Schwimmen immer Butterstullen und bunte Eier für alle mit. Inzwischen weiß sie auch, was Halal bedeutet. Als sie im Sommer gemeinsam mit ihrer eigenen und Alinas Familie im Park grillte, achtete sie darauf, dass sich das Schweinefleisch und das Lamm auf dem Rost nicht berührten. „Das habe ich meinen Schwiegersöhnen gleich mitanerzogen und ihnen erklärt, dass es mir wichtig ist, dass mir Alinas Familie vertraut“, erzählt Barbara Gutsche.

Paten-Kind Alina liebt es, wenn ihr Barbara Gutsche die Geschichten vom Schweinemädchen Peppa Wutz vorliest.

Maria Neuendorff

Alina bringt ein Buch mit Schweinchen Peppa und blättert die Seiten um, während Barbara Gutsche vorliest. Alina selbst hat noch eine „gruselige Geschichte“ von Peppa parat. Ihre Patenoma hört aufmerksam zu, während das Mädchen abenteuerliche Szenen mit Peppa Wutz schildert. „Wahrscheinlich hat sie bei ihren größeren Geschwistern etwas mit auf dem Handy gesehen und vermischt das jetzt“, vermutet sie.

Alinas Familie achte allerdings sehr auf die Erziehung ihrer Kinder, stellt Barbara Gutsche klar. Die größeren, die sie auch schon durch die Kita-Zeit begleitete, seien inzwischen Einserschüler. „Ich habe großen Respekt vor der Mutter, die täglich die Termine ihrer sechs Kinder organisieren muss. Sie macht das so toll“. Auch gerade deshalb will sie für Entlastung sorgen und Alina auch mal Zeit zu zweit schenken.

Fürsorge und Brettspiele

An diesem Mittwochnachmittag kann das aufgeweckte Mädchen mit dem langen dunklen Pferdeschwanz bestimmen, was gespielt wird. Es zeigt auf eines der Brettspiele im Regal, bevor die Autos und Spielzeugtiere auf dem Spielteppich ausgebreitet werden.

„Was hast Du da gemacht“, fragt Alina, als sie ein paar Kratzer auf dem Arm ihrer Leihoma entdeckt. Die Fürsorge beruht inzwischen auf Gegenseitigkeit. Auch als ihre Mutter vor Kurzem mit 93-Jahren gestorben sei, habe Alinas Familie großen Anteil genommen. „Sie wollten sie unbedingt kennenlernen. Wir haben noch alle zusammen Geburtstag gefeiert. Die Eltern bringen ihren Kindern jetzt schon bei: ,Wenn Barbara alt ist, dann müssen wir ihr auch helfen.‘“

Doch noch ist sie ausgesprochen fit und zu fast allen Schandtaten bereit. „Nur hoppe, hoppe Reiter geht nicht immer“, gesteht Barbara Gutsche, die durch ihre Krankheitschübe körperlich manchmal etwas eingeschränkt ist. Ungeachtet dessen betreut sie mittwochs neben Alina, meist noch deren dreijährigen Bruder Hamsa.

„Im Sommer pilgern wir dann auch gerne auf Spielplätze. Die regelmäßigen Aktivitäten helfen eher dabei, nicht über jedes Wehwehchen nachzudenken“, findet Barbara Gutsche. Sie schaut dann auch nicht auf die Uhr. „Manchmal wollen mir die Großen zum Beispiel noch zeigen, wie sie Fahrrad fahren. Dann bleibe ich abends auch manchmal so lange, bis mir selbst die Augen zuklappen.“ Auch Alinas Mama setzt sich inzwischen gerne mal zu ihr, um zu reden.

Die Paten-Vermittlung sei auch von Anfang an als „Drei-Generationen-Austausch“, gedacht gewesen. Doch das sei auch kein Muss, so die Lichtenbergerin. Einmal habe sie die Flinte ins Korn werfen müssen, als eine junge Mutter regelmäßig Übergabetermine platzen ließ. „Da stand man dann bei Minusgraden draußen und wartete umsonst“. Mutter und Kind seien aber zum Glück im betreuten Wohnen untergebracht gewesen und hätten so auch andere Hilfen gehabt.

Was sie anderen Leihgroßeltern raten würde? „Seid nicht so verkopft, hört mehr auf eurer Gefühl und habt auch mit den Eltern Geduld. Alleine, dass sie uns ihrer Kinder anvertrauen, ist schon ein großer Vertrauensbonus“, sagt Barbara Gutsche, während sie Alina an den Füßen kitzelt, die nun leicht verschmust auf ihrem Schoss sitzt.

Ein Herz und eine Seele: Die vierjährige Alina und ihre Paten-Oma Barbara Gutsche.

Maria Neuendorff

Dass sie inzwischen drei eigene Enkel hat, tut ihren Treffen mit Alina und ihren Geschwistern keinen Abbruch. Im Gegenteil: „Am ersten Weihnachtsfeiertag werden wir alle zusammen feiern“, freut sich die Berlinerin. Zum Glück gibt es das Familienzentrum. „Wir werden wahrscheinlich locker 20 Leute. In meine Einraumwohnung hätten wir nicht mehr reingepasst.“