Historisches: Archäologen legen am Molkenmarkt Berliner Stadtgeschichte frei
Neben einer Telefonmuschel liegt eine halb verrottete Kettentasche. "Die war sicher für den Opernbesuch“, vermutet Vera Hubensack. Doch noch mehr als von der Operntasche ist die Archäologin von den roten Steinen auf dem Tisch nebenan. „Dass wir hier noch historische Teile vom Roten Rathaus finden, hätte ich nicht gedacht“, sagt Hubensack.
Sie ist eine von insgesamt 14 Männern und Frauen, die den Boden an der vielbefahrenen Grunerstraße durchpflügen. Denn unter den Parkplätzen und Gehwegplatten zwischen Rotem Rathaus, Altem Stadthaus und Klosterkirchenruine verbergen sich Spuren aus 800 Jahren Stadtgeschichte. Vier Meter tief, 200 Meter breit und 500 Meter lang ist das Untersuchungsfeld. Bis 2023 sollen insgesamt 25 000 Quadratmeter durchgesiebt werden, bevor an Berlins Wiege die Straßen wieder verengt und die Freiflächen aus DDR-Zeiten bebaut werden.
Doch vorher wollen die Archäologen die Fundamente von Bürgerhäusern, Franziskanerkloster-Reste oder auch von technischen Anlagen freilegen. Unter dem ehemaligen Parkplatz des Roten Rathauses haben die Forscher gerade einen alten Schacht entdeckt. Über eine Leiter können sie in den Tunnel eines vor 100 Jahren stillgelegtes Elektrizitätswerkes klettern. „In dem Inspektionsschacht, der sich unter dem ganzen Werk hindurch zog, wurden damals die Rohre kontrolliert“, erklärt Eberhard Völker, Grabungsleiter von Baufeld 2. Eine alte Aufnahme von Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt, wie vor dem Roten Rathaus dunkler Dampf aus zwei Schornsteinen steigt. Die bis neun Meter langen Dampfturbinen, die mit Kohle betrieben wurden, erzeugten je 1500 PS. „1919 wurde das Kraftwerk stillgelegt und abgerissen, weil es inzwischen billiger wurde, den Strom auch von weiter weg zu beziehen“, erklärt Völker.
Nun zeugen nur noch die Reste alte Schalttafeln und Isolatoren von der Technikgeschichte. Die Überbleibsel, die Besucher bei kostenlosen Führungen immer freitags besichtigen können, werden von den Archäologen-Teams dokumentiert, digitalisiert und mit alten Karten abgeglichen. Auch jüngere Geschichtszeugnisse sollen geborgen und archiviert werden. „Sie stellen mittlerweile eine wichtige Quelle für die moderne Geschichtsforschung dar“, erklärt Landeskonservator Christoph Rauhut.
Besondere Funde könnten auch über „archäologische Fenster“ erhalten bleiben, die in Neubauten integriert werden. Auf dem Baufeld 1 vor dem Alten Stadthaus, dem heutigen Sitz des Innensenators, haben die Buddeler ein altes Hofpflaster entdeckt. "Es könnten bis zu 400 Jahre alt sein“, schätzt Grabungschef Björn Zängle auf den ersten Blick. „Wir hoffen, dass darunter vielleicht noch Latrinen oder Abfallgruben aus dem Mittelalter erhalten sind.“
Es ist der Ort, wo Berlin angefangen hat zu leben. Bis in die 1930er-Jahre war die Gegend, auf der künftig ein neues Stadtquartier mit Tram-Anbindung entstehen soll, dicht bebaut. In einem Bombentrichter fanden die Archäologen aber auch ein historisches Straßenschild der vier U-Bahnstationen entfernten Friedrichstraße. Auf dem Weg zum „Mont Klamott“, dem Trümmerberg im Volkspark Friedrichshain, sei es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wohl auf halbem Weg im Bombentrichter entsorgt worden, vermuten die Spurensucher.
Kostenlose Führungen
Bevor in Berlin-Mitte in den kommenden Jahren zwischen Molkenmarkt und Rathauspassage ein neues Wohnquartier gebaut wird, machen sich Archäologen im Baugrund auf die Suche nach den Spuren aus 800 Jahren Stadtgeschichte. Interessierte können im Rahmen von kostenlosen Führungen die Grabungsstätten besuchen und die ersten Schätze besichtigen. Treffpunkt ist jeden Freitag um 14 Uhr an der Jüdenstraße (nahe U-Bahnhof Klosterstraße) am westlichen Nebeneingang des Alten Stadthauses, unterhalb des Turms. Eine Anmeldung ist nicht notwendig, dafür aber festes Schuhwerk. ⇥neu


