Hitze in Brandenburg
: Zahl der Toten vervierfacht – nicht nur alte Menschen sind gefährdet

Im Jahr 2022 starben im Land Brandenburg viermal so viele Menschen an den Folgen der Hitze wie im langjährigen Durchschnitt. Wo sind die drängendsten Handlungsfelder?
Von
Ulrich Thiessen
Potsdam
Jetzt in der App anhören

Bei hohen Temperaturen sind nicht nur Senioren gefährdet. (Symbolfoto)

Frank Rumpenhorst/dpa

Dieser Juni ist in vielen Regionen bislang einer der sonnenreichsten und trockensten. Hitzetage nach der Definition des Deutschen Wetterdienstes waren in Brandenburg nur in einigen Orten darunter. Dazu muss die Tagesdurchschnittstemperatur über 23 Grad Celsius liegen. In den kommenden Wochen könnte dieser Wert in Brandenburg nach jetzigen Prognosen mehrfach überschritten werden.

Damit setzt sich der Trend der heißen Sommer fort. Das Statistische Landesamt hat für 2022 insgesamt 15 derartige Hitzetage in Brandenburg zusammengetragen. Das sind fast doppelt so viele wie im Jahresdurchschnitt zwischen 1985 und 2021. Die Hitze verursachte im vergangenen Jahr insgesamt 219 Hitzetote. Das waren viermal so viele wie im Durchschnitt der vergangenen 35 Jahre. Der Spitzenwert wurde 2018 mit 362 Toten in Folge der hohen Temperaturen erreicht.

Berlin hat fast doppelt so viele Hitzetote wie Brandenburg

Im dicht bebauten Berlin wurden 2022 ganze 23 Hitzetage gezählt. Die Zahl der Menschen, die wegen der hohen Temperaturen starben, lag bei 416. Damit liegt sie viermal höher als der langjährige Durchschnitt von je 98 Hitzetoten. Der höchste Wert wurde in der Bundeshauptstadt 1994 mit 877 Hitzetoten erreicht.

In Berlin soll ein Aktionsbündnis Hitzeschutz in diesem Jahr verstärkt über die Risiken durch hohe Temperaturen informieren. Geplant sind Flyer, Postkarten und Spots in den U-Bahnen. Empfohlen wird ausreichendes Trinken, leichte Kost und Abkühlung durch lauwarme Duschen und vor allem Pausen bei körperlichen Anstrengungen. Während es im vergangenen Jahr nur ein Krankenhaus mit einem Hitzeplan gab, sind inzwischen alle Berliner Kliniken entsprechend aufgestellt.

Das brandenburgische Gesundheitsministerium hatte im letzten Jahr ein Gutachten für einen landesweiten Hitzeaktionsplan erarbeiten lassen. Erstes Ziel in der Umsetzung ist der Aufbau eines Netzwerkes Hitzeaktionsplan. Das soll helfen, Aktionspläne insbesondere auf kommunaler und institutioneller Ebene wie Pflegeeinrichtungen zu forcieren.

Ältere alleinlebende Menschen müssen erreicht werden

In einem Video des Gesundheitsministeriums weist Beatrice Manke von Hebammenverband Brandenburg darauf hin, dass neben Alten und chronisch Kranken auch schwangere Frauen besonders unter der Hitze leiden, nicht zuletzt, da viele Krankenhäuser einschließlich der Kreißsäle nicht über Klimaanlagen verfügen. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) macht darauf aufmerksam, dass es eine große Anzahl alleinlebender älterer Menschen gibt, die bei Problemen durch hohe Temperaturen kaum erreicht werden.

Die nächsten Hundstage kommen bestimmt. Brandenburg ist erst am Anfang, sich auf vermehrte Hitztage einzustellen.

Stephan Jansen/dpa

Im Hitzeaktionsplan des Landes wurde festgeschrieben, wie Schwangere und Mütter von Kleinkindern auf die Problematik hingewiesen werden sollen. Im Schulbereich soll das Schulamt Cottbus einen leicht verständlichen Brief an Lehrer und Schüler erarbeiten. Außerdem sollen Pläne entwickelt werden, welche Maßnahme bei welche Hitzewarnstufe zu ergreifen ist.

Verschattungen, frei zugängliche Trinkbrunnen und das Anlegen von Schulgärten wird den Trägern empfohlen. Auch die Kita-Träger sollen für das Thema sensibilisiert werden. Die Nutzung der Hitze-Warn-App des Deutschen Wetterdienstes soll mit verschiedenen Notfallszenarien kombiniert werden. Zudem soll das Bildungsministerium das Thema mit dem Landessportbund diskutieren und Hitzeschutz beim Bau von Sporteinrichtungen fördern.

Die Arbeitgeber der Öffentlichen Hand werden aufgefordert, ihre Mitarbeiter über Risiken und Schutzmöglichkeiten zu informieren, beispielsweise die Mitarbeiter bei der Müllabfuhr. Ein Handbuch soll alle Mitarbeiter im Bereich Pflege über Problemfälle und Hilfen informieren.

Genauere Daten zu Krankheiten und Wetter nötig

Die Kliniken werden aufgefordert, ein System zu erstellen, das Krankheitsbilder und Einweisungen im Zusammenhang mit Temperaturen erfasst. Damit sollen genauere Daten über hitzebedingte Krankheiten und Todesfälle erlangt werden.

Die Linke im Landtag forderte in dieser Woche ein Landesprogramm, mit dem Bahnsteige beschattet werden können. Als Beispiele wurden Sonnensegel genannt. Außerdem müssten auch dort in Zusammenarbeit mit der Bahn Trinkbrunnen errichtet werden.

Anfang Juni hat die Landeshauptstadt als erste Kommune ein Hitzeschutzprogramm aufgestellt. Das enthält unter anderem ein Hitzetelefon, das sich an alle Menschen über 75 Jahren richtet, die in der eigenen Häuslichkeit leben. Insgesamt wurden 13.626 Briefe mit Anschreiben, Informationsflyer und einer Postkarte zu diesem Service versandt. Nach vorheriger Anmeldung erhalten alle registrierten Personen ein Beratungsgespräch zum Thema Hitze, mit Tipps und Hinweisen. Das Programm soll in den kommenden Jahren sukzessive ausgebaut werden.