Hund und Katze aus Tierheim Berlin
: Alles über Aufnahme-Stopp, Adoption, unerfahrene Halter

InterviewDas Tierheim Berlin lädt zum Tag der Offenen Tür ein. Im Interview berichtet Leiterin Mareen Esmeier über Aufnahmestopp, Tier-Adoptionen und die Probleme mit unerfahrenen Haltern.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Mareen Esmeier, Leiterin des Berliner Tierheimes, hier mit ihrem Hund Leo, den sie selbst aus dem Tierheim adotiert hat.

    Mareen Esmeier, Leiterin des Berliner Tierheimes, hier mit ihrem Hund Leo, den sie selbst aus dem Tierheim adotiert hat.

    Tierheim Berlin
  • Pfötchen aus dem Tierheim Berlin  ist ein Dobermann-Rottweiler-Mix und sucht ein neues Zuhause.

    Pfötchen aus dem Tierheim Berlin ist ein Dobermann-Rottweiler-Mix und sucht ein neues Zuhause.

    Tierheim Berlin
  • Die Tierschutzberaterin des Tierheims Berlin Rica Lenz mit ihrem Hund Eddie bei einer Agility-Vorführung. Die Interessengemeinschaft „Flinke Pfoten“ werden auch beim Tag der Offenen Tür 2023 im Tierheim Falkenberg wieder ihr Können unter Beweis stellen.

    Die Tierschutzberaterin des Tierheims Berlin Rica Lenz mit ihrem Hund Eddie bei einer Agility-Vorführung. Die Interessengemeinschaft „Flinke Pfoten“ werden auch beim Tag der Offenen Tür 2023 im Tierheim Falkenberg wieder ihr Können unter Beweis stellen.

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Nach Corona hat sich die Lage im Tierheim Berlin weiter noch verschärft. Auf einer Fläche von mehr als 16 Hektar versorgt Europas größte Einrichtung derzeit rund 1400 Tiere wie Hunde, Katzen, Hamster und Vögel. Leiterin Mareen Esmeier berichtet über Aufnahmestopp, die Vorteile der Tier-Vermittlung und was es beim Tag der Offenen Tür zu erleben gibt.

Frau Esmeier, wie ist die derzeitige Situation im Tierheim Berlin?

Dramatisch. Wir haben derzeit alleine über 300 Hunde, die bei uns im Heim sowie in Kurzzeit-Pflegestellen auf ein neues Zuhause warten. Wie auch in Brandenburg haben wir seit dem vergangenen Jahre in Berlin einen Aufnahmestopp. Derzeit stehen über 100 Hunde, um die sich die Besitzer nicht mehr kümmern können oder wollen, auf der Warteliste.

Warum hat sich die Situation in den vergangenen Jahren noch einmal so verschärft?

Man sagt, dass in der Corona-Zeit deutschlandweit rund eine Million zusätzliche Haustiere in die Haushalte gekommen sind. Doch jetzt, wo der alte Lebensstil zurückgekehrt ist, werden viele Tiere für die Menschen wieder überflüssig. Manche Halter haben aber auch einfach die Belastungen unterschätzt, wie zum Beispiel den zeitlichen Aufwand, oder auch die Kosten. Dazu kommt, dass viele Hundebesitzer auch zu wenig Erfahrung haben.

Wie meinen Sie das?

Häufig haben die Leute so eine romantische Vorstellung und stellen sich vor, wie schön es wäre, zum Beispiel mit einem Hund am See zu liegen. Doch dass viele Hunde auch ein Beutefangverhalten haben und allem hinterher wollen, was sich bewegt, merken sie erst später.

Kosten sparen durch Tierheim-Adoption

Hat es finanzielle Vorteile, wenn ich ein Tier aus dem Heim wähle?

Für uns zählt in erster Linie die gute Tat, denn wir finden, es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Haustieren ein Heim zu geben. Aber natürlich es gibt Vorteile: Unsere Hunde sind alle gechipt, geimpft, entwurmt und entfloht. Wer bei einem seriösen Züchter einen Welpen kauft, zahlt 1200 bis 2000 Euro. Im Tierheim zahlt man 450 Euro.

Und wie ist das bei älteren Hunden?

Die Gebühr für einen erwachsenen Hund beträgt 300 Euro. Bei einem alten, kranken Hund nehmen wir manchmal auch nur symbolisch 100 Euro. Die Beträge sind sowieso nur eine Art Schutzgebühr, um die Hunde vor Menschen mit falschen Absichten zu schützen, die die Tiere nur aus dem Heim holen und dann versuchen, sie gewinnbringend weiterzuverkaufen.

Am Sonntag ist bei ihnen Tag der offenen Tür. Kann man da schon ein Tier mit nach Hause nehmen?

Nein, dazu ist generell an diesem Tag viel zu viel Trubel auf dem Gelände, für die Mitarbeiter und die Tiere. Es gibt zwar Katzen, die kann man nach einem Tag schon übergeben. Aber bei Hunden dauert eine Tieradoption generell länger und ist mit mehreren Besuchen und Test-Spaziergängen verbunden.

Wie läuft so eine Hundeadoption genau ab?

Als Erstes fragen wir nach den Haltungsbedingungen und der Wohnsituation. Zum Beispiel danach, ob der Hund täglich durch ein Treppenhaus eines Miethauses muss. Denn manche sind sehr territorial orientiert, so dass es dann zu Konflikten mit den Nachbarn kommen könnte. Im nächsten Schritt werden mehrere passende Tiere vorgestellt.

Wenn man sich dann in einen Hund verliebt hat, erfolgen erste gemeinsame Spaziergänge, und man schaut, ob die Chemie stimmt. Wichtig ist auch, welche weiteren Personen sich noch um den Hund kümmern möchten. Wir würden zum Beispiel niemals einen Hund mit Bissvorfällen an eine Familie mit kleinen Kindern vermitteln, die noch nie einen Hund hatte.

Kann man die Tierheim-Tiere denn überhaupt noch erziehen?

Ja, wir bekommen sehr viele Hunde mit Bissvorfällen. Das Problem liegt aber fast immer auf der anderen Seite der Leine. Wenn sie schon als Welpen falsch erzogen wurden, kommt es spätestens in der Pubertät zu Problemen. Doch die kann man mit dem richtigen Umgang und einer bedachten Vermittlung auch wieder beheben. Wir bieten für die Halter ehemaliger Heimbewohner unter anderem regelmäßig Hundetraining an.

Gibt es sonst noch eine Nachbetreuung?

Ja, wir geben in der ersten Zeit nach der Vermittlung Hilfestellung. Dazu gibt es Infoblätter zum Charakter der Tiere, Merkblätter mit Tipps ... und Tricks für die Eingewöhnung und Hilfe bei besonderen Verhaltensmerkmalen wie zum Beispiel übertriebene Ressourcenverteidigung der Tiere oder Leinenaggression.

Was kann ich als Tierbesitzer tun, wenn ich meinen Liebling zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst versorgen kann?

Man sollte immer schon vorher einen Plan B haben, also jemand anderen, der sich zur Not kümmern kann, auch wenn man nur mal zwei Wochen ins Krankenhaus muss. Wir vermitteln auch Tiere an über 80-Jährige, doch es ist wichtig, sich schon vorher Gedanken über eine weitere Betreuungsmöglichkeit zu machen, bevor man sich ein Haustier anschafft.

In das Tierheim werden ja regelmäßig auch entlaufene Hunde und Katzen gebracht? Was sollte ich als erstes tun, wenn ich mein Haustier vermisse?

Da das Tier ja hoffentlich registriert und gechipt ist, muss man eine Information an das entsprechende Register senden. Dann die zuständigen Tierheime und die Polizei abtelefonieren, zum Schluss bleibt nur, Such-Plakate aufzuhängen.

Tag der Offenen Tür im Tierheim

Was erwartet die Besucher am Sonntag?

Es gibt 30 Infostände sowie spannende Vorträge und Diskussionsrunden, zu denen unter anderem auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und mehrere Schauspieler erwartet werden. Dazu können Besucher sich am Infopoint für Führungen über das Gelände anmelden, bei denen man auch Orte sieht, die sonst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Es gibt Mitmachaktionen, ein Kindertierschutzland mit Rallye, Hüpfburg und Wasserbällebad, Marktstände zum Shoppen sowie zehn Foodtrucks.

Gibt es auch wieder Tiershows?

Ja, es gibt unter anderem ein Team von privaten Hundehaltern, die auf unserem Trainingsparcours choreographierte Vorführungen zeigen. Viele der Tiere waren selbst mal Heimbewohner.

Wie kann ich das Tierheim unterstützen, vielleicht auch direkt vor Ort?

Wir bieten zum Beispiel ab 10 Euro im Monat Tierpatenschaften an. Für 20 Euro im Jahr kann man Mitglied im Tierschutzverein werden. Oder auch ehrenamtlich helfen. An einem Stand wird auch um neue Mitarbeiter geworben. Ansonsten kann man sich auch einfach nur für die Tiere interessieren und später vielleicht eines adoptieren.

Wer sucht bei Ihnen schon besonders lange ein neues Zuhause?

Da gibt leider viele Beispiele. Eines ist Pfötchen, eine fünfjährige Dobermann-Rottweiler-Hündin. Sie wurde 2021 von den Behörden sichergestellt, weil sie entweder misshandelt oder/und unter unwürdigen Bedingungen gehalten wurde. Sie ist sehr unsicher. Fremde greift sie auch mal an. Sie braucht lange, um Vertrauen aufzubauen. Aber dass sie das kann, sehen wir bei unseren Mitarbeitern und den ehrenamtlichen Gassi-Gängern. Bei ihnen ist Pfötchen ganz lieb und verschmust.

Tag der Offenen Tür von 11 bis 17 Uhr

Der Tierschutzverein für Berlin lädt am Sonntag, den 10. September, zum Tag der offenen Tür ein. Von 11 bis 17 Uhr haben Besucher*innen die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen des Tierheims im Hausvaterweg 39 in Falkenberg (Lichtenberg) zu werfen.

Wegen begrenzter Parkmöglichkeiten wird darum gebeten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Von der S-Bahn-Station Ahrensfelde (S7) fährt zusätzlich zur bestehenden Buslinie 197 ein kostenloser Pendelbus zum Tierheim.

Alles Infos unter tierschutz-berlin.de.