Interview
: Umweltministerin Svenja Schulze will die Digitalisierung nachhaltiger machen

Blauer Engel fürs Online-Shopping, ein Recht auf Reparatur: Umweltministerin Svenja Schulze will die Digitalisierung nachhaltiger machen.
Von
Igor Steinle
Berlin
Jetzt in der App anhören

Umweltministerin Svenja Schulze fordert die große Koalition auf, den Ausbau der erneuerbaren Energien voran zu bringen.

Michael Kappeler/dpa

Frau Schulze, haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie Netflix schauen?

Nein, das habe ich nicht. Ich will auch niemandem verbieten, Netflix oder Youtube zu schauen. Ich will die Rechenleistung, die dahintersteht, nachhaltiger machen.

Statt des Autos kann man die Bahn benutzen. Gibt es beim Internet nachhaltige Alternativen?

Im Moment ist das alles noch wenig transparent. Wenn ich in einem Online-Shop einkaufe, kann ich nicht mal sehen, ob das Produkt nach EU-Regeln zugelassen ist. Ich weiß auch nicht, welchen Strom mein Anbieter nutzt. Anders als in der analogen Welt, wo ich sehe, dass nachhaltiges Papier etwa den Blauen Engel hat. Im Netz gibt es solche Zertifikate nicht. Das muss sich ändern.

Sie sprechen davon, Nachhaltigkeit in die Algorithmen zu bringen. Was genau meinen Sie damit?

Ein Beispiel: Wenn Online-Shops Suchergebnisse anzeigen, könnten sie etwa berücksichtigen, ob Produkte das Umweltsiegel Blauer-Engel tragen und diese dann als Alternative anbieten. Wer sagt, so etwas greife in die individuelle Freiheit ein, dem antworte ich: Heute ist es so, dass wir zum Mehrkonsum angeregt werden durch Hinweise wie „Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen“ oder „Wird oft zusammen gekauft“. Warum sollte es stattdessen nicht auch den Anreiz in Richtung Nachhaltigkeit geben, etwa durch den Hinweis „Ist eine umweltfreundlichere Alternative“?

Von Fridays for Future hört man wenig zum Thema Digitalisierung. Liegt es an der stärkeren Betroffenheit der jungen Aktivisten?

Die meisten Menschen sehen noch nicht, dass eben mal etwas im Internet zu suchen, etwas Herunterzuladen, in die E-Mails zu schauen, dass das alles Energie kostet. Deswegen müssen wir das transparenter machen. Sonst wird die Digitalisierung bald genauso viel CO2 ausstoßen wie der Autoverkehr, 2025 könnte es schon so weit sein. Deswegen habe ich genau jetzt eine umweltpolitische Digitalagenda auf den Tisch gelegt. Wir dürfen nicht warten, bis der Schaden angerichtet ist. Jetzt haben wir die Chance, die Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit zu beeinflussen. Wir sind die ersten in Europa, die Umwelt und Digitalpolitik so konkret zusammendenken.

EU-Vizepräsidentin Margrethe Vestager warnt auch vor digitalem Energiehunger.

Es reicht nicht, davor zu warnen. Wir müssen jetzt was tun. Zum Beispiel bei Handys. Einen Akku auszutauschen ist so teuer, dass es oft günstiger ist, einen neuen Vertrag mit einem neuen Handy abzuschließen. Solche Mechanismen zu durchbrechen, etwa mit einem Recht auf Reparierbarkeit, das wäre ein enormer Schritt. Oder ein Recht auf Updates. Warum müssen ältere Menschen, die sich an ihr Tablet gewohnt haben, ein neues kaufen, nur weil es nicht mehr upgedatet werden kann? Das könnte man über die EU-Ökodesign-Richtlinie ändern. Da sind Handys und Tablets bislang noch gar nicht drin.

Ist die Regulierung, die Sie vorschlagen, nicht etwas kleinteilig? Weniger hochaufgelöste Videos, kein Autoplay,… Das klingt arg detailverliebt.

Entweder sagt man mir, ich solle nicht abstrakt reden und Beispiele nennen, wenn ich das dann tue, ist es detailverliebt. Wir brauchen solche kleinteiligen Beispiele, weil sich sonst in der Umweltszene niemand etwas unter Digitalisierung vorstellen kann. Eine Ihrer ersten Fragen war ja, wie ich Nachhaltigkeit in Algorithmen bringen will.

Sie wollen, dass alle Rechenzentren mit Ökostrom laufen. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Dafür brauchen wir erstmal eine Übersicht über die Rechenzentren, die es in Deutschland gibt. Wir wissen, dass es ungefähr 50 000 sind. Viel mehr wissen wir aber auch nicht. Weder wie energieeffizient sie sind, noch wie groß ihre Rechenleistung ist. Deswegen kann man auch nur schwer Effizienzstandards festlegen oder die Abwärme der Rechenzentren nutzen, um damit andere Gebäude zu heizen. Dafür müsste man ja erstmal wissen, dass es so ein Zentrum in der Nähe gibt.

Müsste die Regierung nicht erst Erneuerbare Energien ausbauen, vor allem wegen des  Strombedarfs durch Digitalisierung?

Der Stromverbrauch wird steigen, so sehe ich das auch. Der Wirtschaftsminister setzt eher darauf, dass man das über effizientere Geräte wieder rausholt. Mehr Ehrgeiz bei der Energieeffizienz brauchen wir in der Tat, aber ich denke nicht, dass das reichen wird. Heute ist erst gut die Hälfte der Weltbevölkerung im Netz. Der globale Datenverkehr wird massiv zunehmen, denn: Jeder und jede sollte das Recht auf Informationen und digitale Dienste haben.

Wie bringt man den Ausbau der Erneuerbaren wieder in Schwung?

Die Koalition muss eine Lösung finden, die die Länder mittragen. Ein Ausweg könnte sein: Wenn jedes Land einen Beitrag für das Ziel von 65 Prozent Ökostrom bis zum Jahr 2030 beisteuert, können sie selbst entscheiden, wie sie das machen. Die momentane Arbeitsteilung, wonach der Norden die Windenergie herstellt und der Süden sich zurücklehnt und hofft, dass irgendwann die Stromtrassen fertig werden, wird nicht funktionieren.

Ein erfolgreiches Jahr liegt hinter ihr

Svenja Schulze konnte jüngst Erfolge feiern. Gegen großen Widerstand hat die 51-Jährige ein Klimaschutzgesetz und CO2-Preis durchgesetzt. Dabei kommt die rheinische Frohnatur mit Wohnsitz Münster aus der Forschungspolitik. 2010 bis 2017 war sie Wissenschaftsministerin in NRW. Auch im Koalitionsvertrag hat sie den Forschungsteil mit ausgehandelt. Umwelterfahrung konnte sie 2005 bis 2010 als umweltpolitische Sprecherin im Landtag sammeln. Vor der Politik arbeitete als Unternehmensberaterin.