Jubiläum
: Bahnhofsmission am Ostbahnhof wird 125 Jahre

Die Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof ist die ältestes Einrichtung ihrer Art.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Hilfe für alle: Leiterin Ulrike Reiher vor der Bahnhofsmission am Ostbahnhof

Maria Neuendorff

Aufwärmen, ausruhen, etwas zu Essen, eine gebrauchte Jacke, ein Stück menschliche Geborgenheit: das ist es, was Menschen seit 125 Jahren in der Bahnhofsmission finden. Der Ursprung der Hilfe am Gleis, für die, deren Leben entgleist ist, liegt in Berlin. Deutschlands erste und älteste Bahnhofsmission befindet sich nicht etwa am berühmten Zoo, sondern ein paar S–Bahn–Stationen weiter auf der Rückseite des Ostbahnhofes.

Morgens um halb 9 bildet sich vor der gebogenen Glastür im alten Ziegelstein–Viadukt eine Schlange von Menschen, die nur ein paar Meter weiter unter Brücken genächtigt haben. Da ist zum Beispiel Horst, Ende 60. Er hält es nachts einfach nicht in geschlossenen Räumen aus, in die man kein Bier mitnehmen darf. Aber für die 30 Minuten, die er nun an einem der zwei Frühstückstische bei doppelt belegten Broten, Obst und Jogurt sitzt, kann er darauf verzichten.  Neben ihm sitzen Gäste, die noch ein Dach über dem Kopf, aber meist keine Kohle und sozialen Halt mehr haben. So wie Ronny, der Flaschensammler, der wegen psychischer Probleme weder mit Geld umgehen, noch einen regulären Job annehmen kann.

Schutz vor Missbrauch

Es war ein anderes Klientel, das die Berliner Christinnen 1894 im Auge hatten, als sie am damals noch Schlesischen Bahnhof die erste evangelische Bahnhofsmission eröffnen. Ihr Ziel war es, Frauen und Mädchen, die mit der Niederschlesisch–Märkischen Eisenbahn vom Dorf in die große Stadt kamen, vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen.

Um das Angebot bekannt zu machen, schwärmten die Diakonissenen zu den Zügen auf die Bahnsteige aus. Weil sie anfangs noch in voller Tracht erschienen, nahmen viele der Mädchen schnell Reißaus, aus Angst, im Kloster zu landen. Heute sind es überwiegend Männer, die auch am Nachmittag zu Kuchen und Tee kommen. Für offiziell einen Euro kann man die kleine  Dusche mit Spiegel benutzen und bekommt noch Unterhose, Socken, Handtuch und Rasierer dazu. „Bei Notfällen, wenn jemand zum Beispiel zum Arbeitsamtstermin muss, drücken wir auch ein Auge zu. Aber die, die regelmäßig bei uns duschen, bekommen den Euro meistens schnell am Bahnhof zusammengeschnorrt“, sagt Bahnhofsmissions–Leiterin Ulrike Reiher.

Seit 2011 ist die Juristin dabei. Eigentlich wollte sie sich in der Elternzeit nur ehrenamtlich betätigen. Nun ist sie eine von fünf Festangestellten. Mit ihren rund 20 freiwilligen Mitarbeitern kommt sie derzeit nur schwer über die Runden und kann dringend weitere Helfer gebrauchen. So musste die Tür zum Frühstücksraum vor kurzem geschlossen bleiben, weil sich die Mitarbeiter draußen um eine völlig verdreckte und desolate Frau im Rollstuhl kümmern mussten, bis der Krankenwagen eintraf. „Da konnten wir das Essen nur rausgeben.“ So sind vor allem Spenden geeignet, die die Gäste mitnehmen können, wenn sie nach 30 Minuten den Platz für den Nächsten freimachen müssen. „Immer gut sind gekochte Eier und Bananen“, erklärt Reiher.

Letzteres brachten die Senioren häufig von ihrem Westbesuch mit, die ab 1964 offiziell in die BRD reisen durften. Die Rentner aus den Intezonenzügen, die oft ohne Hilfe und Information ihr Ziel schwer erreichten, suchten ebenfalls Zuflucht am Ostbahnhof, wo die einzige Bahnhofsmission der DDR betrieben wurde.

Heute bringen sogenannte Umstiegshelfer ältere und gehbehinderte Menschen zum nächsten Zug, berichtet Reiher. „Aber auch die Mutter mit drei Kindern, die eine kurze Umsteigezeit hat und sich nicht auskennt, ruft bei uns an und bekommt Hilfe.“