Klimawandel: Hüpfen für die Zivilisation

Teil des weltweiten Protestes: Schülerinnen und Schüler demonstrieren in Berlin im Rahmen der "Fridays for Future"-Bewegung gegen untätige Politiker und für die Zukunft des Planeten. Nach Veranstalterangaben waren es in Berlin 15 000 Demonstranten.
Kay Nietfeld/dpaAuf dem Pariser Platz liegen Kinderschuhe. Im Karree. Zwei Frauen und ein Mann stehen mit dem Rücken zum Brandenburger Tor und halten ein schwarzes Transparent. „Jede Stunde stirbt eine Schulklasse durch Krieg“ ist zu lesen. Die Initiative „Gemeinsam für Afrika“ nutzt die Gelegenheit, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Klimawandel zwar ein ernstes, aber nicht das einzige Problem der Menschheit ist.
Tausende springen in die Höhe
Auf der anderen Seite des Brandenburger Tores versammeln sich deutsche Schüler und Studenten, die sich der Bewegung „Fridays for Future“ verbunden fühlen. Immer wieder ruft jemand: „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ und Tausende springen rhythmisch in die Höhe. Die Sonne scheint. Der Protest macht Spaß.
An den ausfransenden Rändern der Kundgebung finden sich die solidarischen Vertreter der Vorgängergenerationen. Die „Pädagogen for Future“ oder die „Parents for Future“. Es sind "Omas gegen Rechts“ vertreten, Wackersdorf–und Gorleben–Veteranen. „Parteiwerbung wollen wir nicht“, sagt ein junger Ordner zu einem älteren Herrn, der einen ganzen Packen Flugblätter der „Marxistisch Leninistischen Partei Deutschlands“ mit sich herumschleppt. „Wer hat Dich legitimiert?“, brüllt der Mann los. Dann zieht der Altlinke ab. „Wir hatten auch welche von der AfD hier“, sagt der Ordner. Ansonsten halten sich die Parteien wunschgemäß zurück.
Franzi steht auf der Bühne und zeigt auf das Regierungsviertel. „Dahinten sitzen die Politiker, die uns seit Jahren belogen haben.“ Pfiffe. Buhrufe. „Wir machen klar, diese Europawahl ist eine Klimawahl.“
Das sieht auch Gernot Wolfer von der „Umweltgewerkschaft“ so. Der Metallfacharbeiter hat einige Erfahrung mit politischen Kämpfen. „Der Grundgedanke ist, dass Umwelt– und Arbeiterbewegung endlich zusammenkommen.“ Zum Beispiel durch „Streiks für radikalen Klimaschutz“. Der Ernst der Situation werde von vielen jungen Leuten begriffen, „nicht aber wie stark der Gegner ist.“
Als wieder gehüpft wird, wippt Angelika Thieme–Eitel mit. Sie ist 67, wohnt in Berlin–Schmargendorf und trägt ein Plakat. „Klimaschutz vor Profit“ steht darauf. Früher war sie in der Anti–AKW–Bewegung. Jetzt findet sie, dass man die jungen Demonstranten unterstützen muss. „Die Politiker denken, die kann man vertrösten, weil sie noch keine Wähler sind. Da müssen wir eben helfen.“
Klimaforscher am Mikrofon
Den wissenschaftlichen Beistand liefert Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Der 59–Jährige steht am Mikrofon und fängt mit dem aktuellen polit–medialen Aufrege–Thema an. „Wer von euch hat das Video von Rezo gesehen?“, ruft er. Es recken sich sehr viele Hände in die Höhe. „Wow“, sagt Rahmstorf. Und macht einen „Faktencheck“. Die Durchschnittstemperatur ist wirklich gestiegen, „die Temperaturerhöhung wird hunderte, wenn nicht tausende Jahre anhalten“, es wird mehr Naturkatstrophen geben und die Regierung tut nicht genug, um das Pariser Abkommen einzuhalten. Summa summarum: „Das, was Rezo in seinem Video zum Klima sagt, ist korrekt.“ Es komme nun darauf an, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. „Und jeder Politiker, der unser Vertrauen haben will, muss sich an diesem Ziel messen lassen. Denn es steht die Zukunft unserer Zivilisation auf dem Spiel.“
Nach ihm ruft Luisa zur nächsten Großaktion. „Heute haben wir zu einem Streik am 20. September aufgerufen. Ein Streik, bei dem alle mitmachen sollen. Die Klimakrise ist nicht nur ein Thema der Jugend.“ Aber erst einmal sei Europawahl. Da sollen die Eltern und Großeltern ran.