„Könnt ihr Fiebermedikamente für Kinder besorgen? Hier bei uns gibt es keine mehr und die Vorräte sind aufgebraucht“, so lautet ein Hilferuf aus dem ländlichen Raum in Märkisch-Oderland, der in der Verwandtschaft weitergegeben wird. Die Familie möchte für den Notfall vorsorgen, ihren kleinen Kindern bei hohem Fieber direkt ein Zäpfchen oder einen Saft verabreichen können, um nicht gleich zum Arzt zu müssen.
Doch die erfragte Ware ist schwer zu bekommen. In Frankfurt (Oder) klappt es über mehrere Wege. In einer Apotheke in den Lenné-Passagen gibt es einen Fiebersaft für Kinder über zwei Jahren – nur Zäpfchen habe man nicht. Im Einkaufszentrum HEP verhält es sich genau umgekehrt.

Fiebersaft und Zäpfchen teilweise nur inoffiziell verfügbar

In anderen Städten Brandenburgs scheint man nicht nur auf Ausdauer, sondern gute Kontakte angewiesen zu sein. Aus Schwedt berichtet eine Frau, dass für sie die Fiebermedikamente für kleine Kinder von unterhalb des Ladentisches hervorgeholt wurden – sie ist aufgrund einer chronischen Erkrankung dort Stammkundin. Offiziell galten die Medikamente als vergriffen. Auch von einer Apotheke in Strausberg berichtet eine weitere Kundin ähnliches.
Wie ist die Situation auf der anderen Seite der Grenze, also in Polen? Eigentlich war der Plan, etwas weiter ins Land zu fahren. Möglicherweise haben sich schon kundige Frankfurter in Słubice eingedeckt und es könnte allein durch die Nachfrage Engpässe geben. Doch die Befürchtungen sind am 15. Dezember unbegründet. Direkt in der ersten Apotheke in der Kopernika-Straße hinter einer Shell-Tankstelle ist das einzige Problem die Sprachbarriere. Die Apothekerin spricht zum Glück etwas Englisch, fragt nach dem Alter des Kindes und holt prompt den in Deutschland begehrten Nurofen-Fiebersaft mit Ibuprofen hervor. Allerdings kostet dieser 34,99 Złoty, nach tagesaktuellem Kurs sind das 7,46 Euro. In Deutschland gebe es ihn für zwei bis drei Euro weniger – wenn er denn erwerbbar wäre.

Medikamente in Polen bestellen

Damit Sie auch das richtige Präparat bekommen, hier eine kleine Vokabelhilfe für Besuch einer Apotheke in Polen:
Guten Tag – Dzień dobry („dzjenn dobbre“)
Bitte – Proszę („Prosche”)
Zäpfchen für Kinder – czopki dla dzieci („tschoppki dla dzjetchi”)
Fiebersaft – sok na gorączkę („ßock na goronnschke”)
Schmerzmittel – lek przeciwbólowy („Leck Pschetschiv-bullowe”)
Danke - Dziękuję („Dzjänkuje“)
(Autorin: Nancy Waldmann)

Deutschland drückt die Preise

Ausgerechnet der günstige Preis zähle zu den Ursachen der aktuellen Knappheit in Deutschland, argumentiert der Interessenverband Pro Generika auf seiner Webseite. Seit Jahren würden die Preise und Herstellungskosten für Generika gedrückt werden. Ein Generikum besitzt denselben Arzneimittelwirkstoff wie ein Markenmedikament, ist aber meistens günstiger. Laut Verband deckten sie mittlerweile 80 Prozent der Versorgung ab, jedoch entfallen auf sie nur noch sieben Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Daher wurde die Situation für viele Hersteller immer unwirtschaftlicher, sodass sie aus der Versorgung ausstiegen.
Laut Pro Generika habe es vor zwölf Jahren noch elf Anbieter von Paracetamol-Säften gegeben. Im Mai 2022 hielt nur noch der Anbieter Teva mit der Marke Ratiopharm in Deutschland die Stellung. Schon im Frühjahr warnten Hersteller und Verband vor Engpässen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wiederum kann keinen „Lieferabriss“ erkennen. „[E]s werden kontinuierlich Arzneimittel auf den Markt gebracht“, heißt es in einer Mitteilung vom 12. Dezember. Die Ursachen sieht das BfArM vielmehr bei der sprunghaft angestiegenen Nachfrage, die „nicht in vollem Umfang“ kompensiert werden könne, sowie bei Vorratskäufen im Sommer, nachdem ein Anbieter ausgestiegen war.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD)hat nun angekündigt, mit einem neuen Gesetz die Lieferengpässe entspannen zu wollen.

Polen fährt andere Preispolitik

In Polen ist die Situation eine andere – auch politisch. Die Einkaufs- und Rückerstattungspolitik des polnischen Gesundheitsministeriums und des Nationalen Gesundheitsfonds sei auf die niedrigpreisigen Generika ausgerichtet, erläutert die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing auf ihrer Webseite. Daher biete Polen für Generika und rezeptfreie Medikamente gute Absatzchancen.
Deswegen blieb es in Słubice nicht nur bei einem Glückstreffer. Auch in der Apteka, so heißen Apotheken auf Polnisch, auf der anderen Seite der Kreuzung sei der Nurofen-Fiebersaft sowie Fieberzäpfchen reichhaltig auf Lager, informiert die Verkäuferin. Sie spricht fließend Englisch und zeigt sich bei einem Plausch davon überrascht, dass es auf der anderen Seite der Brücke offenbar Schwierigkeiten gibt.
Auf der geschäftigeren Straße Wojska Polskiego könnte man sich ebenfalls eindecken, allerdings bremst der Apotheker die Euphorie etwas. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit verknappe sich das Angebot. Er rät dazu, sich einen kleinen Vorrat zuzulegen – so wie es auch die Familie in Märkisch-Oderland getan hat.