Konzentrationslager
: Erinnerung an Kriegsverbrechen: Die Hölle von Sonnenburg

Vor 75 Jahren ermordeten Gestapobeamte 819 Häftlinge in einem Konzentrationslager unweit der Oder. Heute erinnern junge Polen und Brandenburger gemeinsam an das Geschehen.
Von
Dietrich Schröder
Fürstenwalde
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  • Berge von Leichen: Die Aufnahme, vor der die Kustorin des Museums in Slonsk, Dominika Piotrowska-Kuipers, steht, machten sowjetische Soldaten, als sie am 2. Februar 1945 in dem östlich von Küstrin gelegenen Konzentrationslager eintrafen.

    Berge von Leichen: Die Aufnahme, vor der die Kustorin des Museums in Slonsk, Dominika Piotrowska-Kuipers, steht, machten sowjetische Soldaten, als sie am 2. Februar 1945 in dem östlich von Küstrin gelegenen Konzentrationslager eintrafen.

    Dietrich Schröder/MOZ
  • Mahnmal: An der Gedenkstätte, die an der Straße Richtung Poznan liegt, findet am Freitagmittag eine Erinnerungs-Feier statt.

    Mahnmal: An der Gedenkstätte, die an der Straße Richtung Poznan liegt, findet am Freitagmittag eine Erinnerungs-Feier statt.

    MOZ/Dietrich Schröder
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Über die Frage, ob der Besuch eines früheren Konzentrationslagers der Nazis zur Pflicht für Schüler werden sollte, kann der Leiter des katholischen Schulzentrums Bernhardinum in Fürstenwalde, Markus Mollitor, nur mit dem Kopf schütteln. „Angesichts der deutschen Geschichte, aber auch der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation sollte es darüber eigentlich keinen Streit geben“, meint der Deutsch- und Lateinlehrer. Denn an authentischen Orten ließe sich die Vergangenheit nun einmal am besten begreifen.

Besser als eine Verordnung sei jedoch, das Interesse junger Menschen an der Geschichte zu wecken. „Da sich auf dem Gelände unserer heutigen Schule in der Nazi-Zeit ein Lager für 3000 Zwangsarbeiter und 400 Kriegsgefangene befand, sind wir aber ohnehin mit der Vergangenheit konfrontiert“, sagt der Schulleiter.

Der Schule in Fürstenwalde gebührt aber mittlerweile sogar das Verdienst, einen einst deutschen Ort im heutigen Polen, an dem die Nazis zum Kriegsende ein besonders schlimmes Verbrechen begingen, mit vor dem Vergessen bewahrt zu haben. Die Rede ist von einem unweit von Küstrin gelegenen Konzentrationslager im seit 1945 polnischen Słonsk, dem früheren Sonnenburg.

Schon 1933 ein KZ

In das dortige einstige preußische Zuchthaus hatten die Nazis schon kurz nach ihrer Machtergreifung 1933 die ersten politischen Gefangenen eingesperrt. Etwa den jüdischen Berliner Arzt Georg Benjamin, weil er Mitglied der KPD war, oder den Pazifisten und Herausgeber der „Weltbühne“, Carl von Ossietzky.

Nach Ausbruch des Weltkriegs wurde das Lager dann zum Internierungsort sogenannter „Nacht-und-Nebel-Häftlinge“ aus Frankreich, Belgien, Holland und Norwegen (siehe Infokasten). Als sich Ende Januar die Rote Armee der Oder näherte, tat sich für die Nazis wie in zahlreichen anderen Lagern die Frage auf, was mit den Insassen geschehen sollte und wie sie lebende Beweise für ihre Verbrechen beseitigen konnten.

Am 30. Januar 1945 – genau vor 75 Jahren – erteilte der Leiter der Gestapo in Frankfurt (Oder), SS-Obersturmbannführer Heinz Richter, einen grausigen Befehl: Sein Stellvertreter Wilhelm Nickel und ein Trupp von 17 SS-Männern aus Frankfurt wurden in das Lager geschickt. „Mitten in der Nacht wurden alle Lichtstrahler eingeschaltet“, berichtete Fritz Bölke – einer der wenigen Überlebenden – später. „Die Gefangenen, die so sehr auf die nahende Befreiung gehofft hatten, mussten nach Nationen antreten und durften ihr Vaterland noch ein letztes Mal symbolisch grüßen. Dann wurden sie erschossen.“ Als die Rote Armee drei Tage später das Lager erreichte, stießen die Soldaten auf nur sechs Überlebende und 816 zu Bergen angehäufte Leichen.

Unter der Vielzahl der damals verübten Grausamkeiten wären das Massaker und das Lager jedoch fast in Vergessenheit geraten. „1948 wurde das Zuchthaus abgerissen. Die Ziegelsteine wurden für den Aufbau Warschaus abtransportiert“, berichtet die heutige Leiterin der Gedenkstätte, Dominika Piotrowska-Kuipers. Die Gestapo-Kommandeure Heinz Richter und Wilhelm Nickel wurden in einem Prozess am Landgericht Kiel 1971 freigesprochen, weil – wie es in dem skandalösen Urteil hieß – die Opfer schonend auf ihren Tod vorbereitet worden seien.

1974 entstand eine erste Gedenkstätte, die sich im Laufe der Jahrzehnte aber in immer schlechterem Zustand befand. „Man muss bedenken, dass Słonsk eine Gemeinde mit nur 3000 Einwohnern ist“, sagt die Kunsthistorikerin Dominika Piotrowska-Kuipers dazu. Zudem hatte man in Polen keinen direkten Bezug zu den Opfern, wie auch zu den Verbrechern.

Nach 1990 kam es dann zu mehreren Impulsen der Erinnerung. Für das kleine Land Luxemburg war der in Sonnenburg verübte Massenmord das größte an seinen Landsleuten verübte Massaker. Denn unter den Exekutierten befanden sich auch 91 Luxemburger Zwangsrekrutierte. 1993 nahm der damalige Großfürst von Luxemburg an einer Zeremonie teil.

Seit einem Jahrzehnt in Kontakt

Zu einem wichtigen Element der Erinnerung wurde das Interesse von Lehrern und Schülern des Fürstenwalder Bernhardinum. "Vor etwa einem Jahrzehnt knüpften wir Kontakte zu einer Schule in Słonsk. Seither gibt es regelmäßige Schülerbegegnungen“, sagt Markus Mollitor. Dominika Piotrowska-Kuipers findet es berührend, „wie die Schüler in kurzer Zeit Freundschaften aufbauen“. Manche Fürstenwalder Jugendliche seien mit ihren Eltern ins Museum gekommen, weil sie von diesen Besuchen so angetan waren.

In Kooperation mit der Gedenkstätte auf den Seelower Höhen und mit EU-Mitteln wurde das Museum vor einiger Zeit umfangreich neugestaltet. So kann auch die Erinnerungszeremonie zum 75. Jahrestag des Massakers am Freitag ab 12 Uhr in würdigem Rahmen stattfinden. Und obwohl es sich um den letzten Schultag vor den Winterferien handelt, wird auch Markus Mollitor mit Kollegen und 20 Schülern aus Fürstenwalde vor Ort dabei sein.

Die Gedenkstätte in Słonsk ist dienstags bis freitags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Weitere Termine kann man telefonisch unter +48 505 536 306 vereinbaren.

Nacht-und Nebel-Häftlinge

Nach der Besetzung westlicher Nachbarländer erließ Adolf Hitler am 7. Dezember 1941 den später sogenannten Nacht-und-Nebel-Erlass. Rund 7000 Personen aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen, die Widerstand gegen die Nazis geleistet hatten, wurden nach Deutschland verschleppt und hier heimlich abgeurteilt. Selbst bei erwiesener Unschuld behielt man sie in Haft, ohne dass die Angehörigen irgendwelche Auskünfte erhielten. Das spurlose Verschwinden dieser Menschen sollte zur Einschüchterung und Abschreckung der Bewohner der besetzten Länder dienen. Der Nacht-und-Nebel-Erlass wurde während des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit eingestuft. Von der einstigen Wachmannschaft im KZ Sonnenburg wurde nur ein Mann – Heinz Adrian – 1957 von einem Gericht in Schwerin zum Tode verurteilt. ⇥ds