Krawalle
: Spurensuche nach dem Gewaltexzess von Stuttgart

Krawalle in Stuttgart, Angriffe auf Polizisten - was ist los mit unserer Jugend?
Von
Dominique Leibbrand,
Christina Sleziona
Stuttgart
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  • Bilder der Zerstörung: Am Wochenende zog ein Mob durch Stuttgart und plünderte Geschäfte.

    Bilder der Zerstörung: Am Wochenende zog ein Mob durch Stuttgart und plünderte Geschäfte.

    Julian Rettig/dpa
  • Viel zu tun beim Aufräumen: Nach den Krawallen mehrerer Hundert Menschen sind überall in der Stuttgarter Innenstadt noch Überreste der Ausschreitungen zu finden.

    Viel zu tun beim Aufräumen: Nach den Krawallen mehrerer Hundert Menschen sind überall in der Stuttgarter Innenstadt noch Überreste der Ausschreitungen zu finden.

    Aufräumarbeiten nach Randale in der Stuttgarter Innenstadt. Rund 500 Menschen haben sich in der Nacht zum Sonntag in zusammengerottet, Schaufenster zerstört und geplündert. Schwerpunkte waren die Marienstraße und die Fußgängerzone Königsstraße. // 21.06.2020, Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland. *** Clean-up after rioting in Stuttgart city centre Around 500 people flocked to Stuttgart city centre on Sunday night, destroying and looting shop windows The main areas of focus were Marienstrasse and the pedestrian zone Königsstrasse 21 06 2020, Stuttgart, Baden Württemberg, Germany
  • 22.06.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Beschädigte Scheiben eines Einzelhandelgeschäfts sind mit Holzplatten abgedeckt. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei hatten dutzende gewalttätige Kleingruppen in der Nacht zum 21. Juni die Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

    22.06.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Beschädigte Scheiben eines Einzelhandelgeschäfts sind mit Holzplatten abgedeckt. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei hatten dutzende gewalttätige Kleingruppen in der Nacht zum 21. Juni die Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

    22.06.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Beschädigte Scheiben eines Einzelhandelgeschäfts sind mit Holzplatten abgedeckt. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei hatten dutzende gewalttätige Kleingruppen in der Nacht zum 21. Juni die Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Stephan Zantis ist Angriffe gewohnt. „Jedes Wochenende kommt’s zu Gewalttaten“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar, der am Montagmittag an einer Ecke der Stuttgarter Einkaufsmeile Königstraße steht. Dort, wo 36 Stunden zuvor die Jugendlichen gewütet haben. Hinter seiner hellblauen Corona-Maske sieht Zantis ziemlich ratlos aus. Schlägereien in den frühen Morgenstunden mit 15 oder 20 Mann seien „ein gängiges Ding“ an Wochenenden in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Was Zantis und seine Kollegen aber in der Nacht auf Sonntag erleben mussten – Hunderte Steine und Flaschen werfende Jugendliche, Plünderungen, Kollegen, die bei Festnahmen „weggetreten wurden“ – das sei etwas ganz anderes gewesen. Zantis sagt: „Das war eine neue Dimension, die ich so in 25 Jahren nicht erlebt habe.“

Das ist auch der Grund, warum Bundesinnenminister Horst Seehofer am Montag eigens nach Stuttgart geflogen ist. „Ich erwarte, dass die Justiz den Tätern, die gestellt werden konnten oder noch können, auch eine harte Strafe ausspricht“, spricht der CSU-Politiker in die Mikrofone. Es gehe um die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates. Und der Vizechef der Unions-Bundestagsfraktion, Thorsten Frei, sekundiert aus Berlin: "Jetzt haben wir die Quittung für das polizeifeindliche Klima der vergangenen Wochen erhalten.“

Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen? Diese Frage diskutiert am Montag die ganze Republik. Während sich einige an die Randale von Köln erinnert fühlen, vermuten andere islamistische Motive der Krawallmacher, weil man auf Videomitschnitten "Allahu Akbar“-Rufe hört. Oder stecken doch Linksextremisten dahinter? Landes-Polizeipräsidentin Stefanie Hinz sagt: „Wir haben keine verdichteten Hinweise, dass hier eine politische Motivation oder entsprechend auch eine religiöse Motivation hinter diesen Taten steckt.“ Dass einige Krawallmacher richtige Sturmhauben dabei hatten und Farbbeutel, macht Ermittler allerdings stutzig.

Also doch kein spontaner Gewaltexzess, sondern geplanter Krawall? Oder eine Mischung aus beidem?

Dass die Corona-Beschränkungen eine Rolle bei den Ausschreitungen gespielt haben könnten, kann sich Mathias Albert, Politikwissenschaftler und Professor an der Uni Bielefeld, durchaus vorstellen.  "Je länger die Pandemie anhält, umso frustrierter werden die Menschen. Jugendliche sind dazu noch sehr viel proaktiver, was das gemeinsame Ausgehen anlangt und sie fühlen sich dadurch in weiten Teilen eingeschränkt“, sagt er. Hinzu komme, dass viele unter Alkohol oder unter Drogen stehende Jugendliche in dieser Nacht zusammentrafen. Dabei habe sich eine gefährliche Gruppendynamik gebildet, wodurch „die latenten Aggressionen an der Polizei abgelassen“ wurden.

Frust und Alkohol

„Das sind Aggressionsdynamiken, die nichts mit dem Migra­tionshintergrund oder mit dem Alter zu tun haben“, erklärt Albert, der ebenfalls die Parallele zu Köln zieht. Das Frustrationspotenzial sei bei ganz vielen Menschen da. "Das sehen wir auch an der vielfach beklagten allgemeinen Verrohung, sowohl im täglichen Umgang als auch im Internet.“ Und wenn sich eine Reihe an Umständen miteinander verquickt, mit vielen anderen schwer alkoholisierten Menschen, dann kann das Frustrationspotenzial auch explodieren.“

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) kündigt Gespräche an. „Dabei gibt es keine Tabuzonen.“ Er werde über ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen genauso diskutieren wie über die Tatsache, dass es in der Stadt Menschen mit Migrationshintergrund gebe, die sich offenkundig nicht alle an die Regeln hielten.

Thomas Berger steht am Rotebühlplatz in der heißen Mittagssonne. Deutlicher als noch am Vortag zielt der Polizeivizepräsident auf den Migrationshintergrund der Randalierer ab. Von den 24 am Sonntag Festgenommenen haben zwölf einen ausländischen Pass und zwölf einen deutschen, wobei davon wiederum drei Männer einen Migrationshintergrund haben. Zur Wahrheit gehöre, dass die Täter bei solch spezifischer Gewalt meist jung und sozial randständig seien, sagt Berger. Der Migrationshintergrund bedinge oft soziale Probleme. „Für mich sind diese Ausschreitungen Auswüchse nicht gelöster Konflikte.“ Sie seien auch durch die Bilder von Krawallen bei Anti-Rassismus-Demonstrationen in den USA und die Inszenierungssucht einiger im Internet gefördert worden. Auch die zunehmende Feindseligkeit gegenüber der hiesigen Polizei habe eine Rolle gespielt. Schnell wird den Beamten bei Kontrollen vorgeworfen, sie seien Rassisten.

Dass es schwarze Schafe innerhalb der Polizei gebe, leugne er nicht, sagt Berger. „Die Polizei ist ein Spiegel der Gesellschaft.“ Er gehe aber davon aus, dass der Anteil der Rassisten innerhalb der Polizei überproportional klein sei. „Die Motivation, zur Polizei zu gehen, ist, Menschen zu helfen. Dazu passt Rassismus nicht.“ Dennoch sieht er die Beamten in der Bringschuld: „Wir dürfen keinen Anlass geben, dass wir durch unser Handeln unsere Legitimation verspielen.“