Krieg in Israel
: Jugendliche aus Pankow hoffen auf Evakuierung – so ist die Lage in Berlin

Nach dem verheerenden Angriff auf Israel geht in jüdischen Einrichtungen in Berlin das Leben unter Polizeischutz weiter. Jugendliche aus Pankow warten in der Nähe von Tel Aviv auf die Evakuierung.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Polizei vor dem Jüdischen Museum in Berlin. Nach den Angriffen der Hamas in Israel und deren jubelnden Anhängern in Neukölln wurden die Sicherheitsmaßnahmen auch in Berlin erhöht.

Maria Neuendorff

Polizisten in schusssicheren Westen laufen vor dem Jüdischen Museum in Berlin auf und ab. Doch drinnen geht das Leben wie gewohnt seinen Gang. „Die Polizei hat uns geraten, ganz normal zu öffnen“, sagt Museumssprecherin Margret Karsch. Intern tausche man sich intensiv über die Ereignisse aus. „Unsere Gedanken sind bei allen, die von den Terrorangriffen auf Israel betroffen sind und Familie und Freunde in der Region haben.“

Die Polizeipräsenz vor dem Haus sei am Wochenende temporär erhöht worden und werde nach den jeweils aktuellen Erfordernissen angepasst, erklärt Karsch. Dass nun wieder einmal mehr Security als sonst unterwegs ist, hat nur indirekt mit den aktuellen Kriegshandlungen in Israel zu tun. Die Sicherheitsmaßnahmen würden immer dann hochgefahren, wenn es zum Beispiel im nur wenige Kilometer entfernten Neukölln zu politisch brisanten Vorfällen mit Hamas-Anhängern kommt.

Demonstranten und Einsatzkräfte der Polizei treffen im Stadtteil Neukölln aufeinander. Dort hatten sich am späten Samstagabend etwa 40 Menschen zu einer pro-palästinensischen Demo versammelt.

Paul Zinken/dpa

Nach Angriff in Israel: Kriegsfeier mit süßem Gebäck in Berlin

Das war am Sonnabend der Fall, als nach dem Angriff der radikalislamischen Palästinenserorganisation auf Israel mit vielen Toten und Verletzten in Berlin-Neukölln die mörderische Attacke lautstark auf der Straße gefeiert wurde. In Videos sind unter anderem Anhänger des propalästinensischen Netzwerkes „Samidoun“ zu sehen, wie sie, die Körper eingehüllt in palästinensische Flaggen, süßes Gebäck an Passanten verteilen.

Am Abend kamen dann auf der Sonnenallee rund 40 Personen zusammen und skandierten israelfeindliche und Gewalt verherrlichende Parolen. Die Polizei war mit mehr 100 Einsatzkräften vor Ort, es kam zu mehreren Festnahmen und Strafanzeigen wegen Belohnung und Billigung von Straftaten.

„Dass Menschen in Berlin feiern, dass in Israel Menschen sterben, macht mich sprachlos“, sagt Uta (62), die mit ihrer Freundin Sabine (61) gerade aus dem Jüdischen Museum in Kreuzberg kommt. Rund dreimal im Jahr besuchen beide die Kultur-Einrichtung an der Zossener Straße. Diesmal hat es ihnen besonders die Sonderschau über jüdisches Leben n der DDR angetan.

Um hineinzugelangen, mussten die Frauen wie alle Besucher – ähnlich wie am Flughafen – ihre Taschen durchleuchten lassen. Doch das ist im Jüdischen Museum auch an normalen Tagen Standard. „Es fällt aber schon auf, dass heute mehr Personal da ist als sonst. Aber zum Glück sind die Sicherheitsmaßnahmen in Berlin verhältnismäßig unauffällig und wirken nicht so militärisch“, findet die Frau aus Berlin-Karlshorst.

Kein erhöhtes Sicherheitsrisiko in Brandenburg

Und so sind auch vor der Neuen Jüdischen Synagoge in der Oranienburger Straße in Mitte am Montag (9. Oktober) keine Mannschaftswagen zu sehen. Zwei Polizisten unterhalten sich vor dem immer gut gesicherten und schwer einsehbaren Eingang. Eine Touristengruppe sammelt sich und lässt sich von ihrem Guide etwas zur Geschichte und Architektur der Synagoge erzählen.

In Brandenburg sieht die Polizei nach dem Angriff in Israel derzeit kein erhöhtes Sicherheitsrisiko für jüdische Einrichtungen im Land. „Es gibt keine entsprechenden Sachverhalte“, sagte die Sprecherin des Potsdamer Polizeipräsidiums, Beate Kardels, auf Anfrage.

Doch in Berlin brodelt es immer wieder an speziellen Ecken. Ein Denkmal am Hermannplatz in Neukölln wurde in den vergangenen Tagen immer wieder mit der schwarz-weiß-rot-grünen Palästina-Flagge bemalt. Nachdem die Polizei die Schmiererei am Sonnabend bereits übermalt hatte, erschien die Flagge am Sonntag wieder. „Weil es Hinweise darauf gibt, dass dieser Ort der Glorifizierung des Angriffs auf #Israel dienen soll, überklebten unsere Kollegen die Zeichnung vorübergehend, bis sie erneut überstrichen werden kann“, schrieb die Polizei auf der Plattform X (ehemals Twitter).

Die islamistische Hamas hatte am Samstagmorgen (7. Oktober) von Gaza aus überraschend Raketenangriffe gegen Israel begonnen. Gleichzeitig drangen bewaffnete Palästinenser über Land, See und Luft nach Israel vor. Es ist vom mehr als 1000 Toten die Rede.

Jugendliche aus Pankow warten auf Rückflug aus Israel

Die Botschaft Israels in Berlin hat dazu am Montagvormittag ein Bild einer jungen Frau gepostet und dazu geschrieben: „Die Großmutter dieser jungen Frau wurde von Hamas-Terroristen ermordet. Sie erfuhr es über Facebook, nachdem die Hamas ein Video der Hinrichtung veröffentlicht hatte. Das ist es, wogegen wir kämpfen: Das pure Böse.“

Mit dem Schrecken davon gekommen ist dagegen eine Austauschgruppe Jugendlicher aus Berlin-Pankow, die den Angriff der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas auf Israel miterlebt hat. Die zwölf Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren aus Prenzlauer Berg waren im Rahmen einer internationalen Begegnung am Sonnabend in der israelischen Stadt Aschkelon, rund zehn Kilometer entfernt vom Gazastreifen, wie der Verein Freundeskreis Berlin Pankow-Ashkelon mitteilte. Die Stadt wurde ebenfalls Ziel von Raketenangriffen.

Nachdem die Jugendlichen die ersten Stunden in einem Bunker des Hotels verbracht hatten, wurden sie mit einem vom israelischen Sportdepartment organisierten Bus nach Netanja (nahe Tel Aviv) gebracht, hieß es am Montag vom SportJugendClub Prenzlauer Berg, der seit Jahren Jugendaustausch-Projekte organisiert. Zu den Eltern der Jugendlichen bestehe Kontakt über eine Chatgruppe. „Die Kinder fühlen sich laut ihrer Betreuer vor Ort sicher. Im Moment sind sie eher damit beschäftigt, ihre Eltern zu beruhigen“, sagt GSJ-Geschäftsführer Frank Kiepert am Montagnachmittag diesem Nachrichtenportal.

Hoffen auf Evakuierungsflüge der Bundesregierung

Leider sei der Rückflug zum BER einen Tag zuvor gestrichen worden, weil die Lufthansa den Flugverkehr eingestellt habe. „So sind wir jetzt wie viele andere auf ein schnelles Krisenmanagement der Bundesregierung und einen Evakuierungsflug angewiesen“, betont Kiepert. „Unser Leiter steht in engem und gutem Kontakt zur Deutschen Botschaft, um die kurzfristige Ausreise der gesamten Gruppe zu erreichen.“

Unterdessen laden die jüdischen, christlichen und muslimischen Engagierten in der multireligiösen Stiftung House of One am Dienstag (10. Oktober) um 10 Uhr zu einem gemeinsamen Gebet für Frieden im Heiligen Land ein. „Wir sind fassungslos angesichts der Bilder von Grausamkeit und Terror im Nahen Osten“, sagt Rabbiner Andreas Nachama.

Vor der Synagoge in Berlin-Mitte geht das Leben trotz der Eskalation in Isreal normal weiter.

Maria Neuendorff

Imam Kadir Sanci erinnert an folgenden Koran-Vers: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet“ (Q 5:32). Weiter sagt der muslimische Geistliche: „Wir wollen mit unserem Friedensgebet an die Kraft zwischenmenschlicher Beziehungen erinnern, die Gräben überbrücken und das Verständnis fördern kann.“

Kundgebung Solidarität mit Israel

Der Vorsitzende der Synagogengemeinde Potsdam, Ud Joffe, und Kirchenmusikdirektor Björn O. Wiede (Nikolaikirche Potsdam) laden alle Menschen aus Potsdam und Brandenburg zu einer Kundgebung ein. Dabei soll Solidarität mit dem Staat Israel gezeigt werden und ein Zeichen der Verbundenheit mit Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland gesetzt werden. Die Kundgebung findet am Dienstag (10. Oktober), 18 Uhr, auf dem Alten Markt in Potsdam statt.