Kündigung: Kalte Dusche für Polen-Begeisterten
Das Collegium Polonicum in Slubice ist ein Symbol der Zusammenarbeit der Europa-Universität Viadrina und der Uni Posen, steckt aber in einer Umbruchsituation. Ein 48-jähriger Berliner hat dies schmerzlich erfahren.
Als Alexander Tölle vor 18 Jahren an die Oder kam, war der Fluss noch identisch mit der Außengrenze der EU. „Ich habe noch die langen Warteschlangen bei der Ausweiskontrolle erlebt, aber vor allem die Aufbruchsstimmung jener Jahre und den Wunsch, diese Grenze verschwinden zu lassen“, beschreibt er. Der damals 31-jährige Stadtplaner aus Berlin hatte sich ein Stipendium als „Europa-Fellow“ ergattert. So nannte sich ein Programm für Doktoranden, die sich am Collegium Polonicum in Slubice mit europäischen Themen beschäftigten.
Am Beispiel von Hamburg, Lyon und Danzig beschrieb Tölle, wie am Wasser gelegene Metropolen in West- und Osteuropa ihre Innenstädte entwickeln. In Frankfurt (Oder) lernte er den polnischen Stadtplaner Andrzej Billert kennen, der der Grenzstadt half, sich auf die Revitalisierung ihrer historischen Wohnquartiere zu besinnen.
Die Dynamik der Grenzregion hatte Tölle gepackt. Nach seiner Dissertation begann er, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Institut für Sozioökonomische Geografie und Raumwirtschaft“ der Mickiewicz-Uni in Posen zu arbeiten. Mit dem kurz CP genannten Collegium in Slubice blieb er dennoch verbunden, da die Mickiewicz-Uni hier einen Studiengang zur Raumplanung anbot, für den er Vorlesungen und Seminare gestaltete.
Als dann 2012 von der Mickiewicz-Universität ein Deutsch-Polnisches Forschungsinstitut in Slubice gegründet wurde, um dort die Forschung zu stärken, schloss sich ein Kreis. Tölle ging mit seiner polnischen Ehefrau, einer Theologin und Germanistik-Professorin, die er in Posen kennengelernt hatte, zurück an die Oder. Bei einem Besuch der damaligen Staatspräsidenten Joachim Gauck und Bronislaw Komorowski im Oktober 2013 verkündeten Viadrina und Adam-Mickiewicz-Uni den Plan, dass sich aus dem Institut die erste gemeinsame Fakultät von Hochschulen zweier Länder in Europa entwickeln könnte.
Tölle beschäftigte sich inzwischen mit der Entwicklung der 1945 geteilten Städte an Oder und Neiße. Und mit seiner Frau gestaltete er Konferenzen zum Protestantismus im Polen beziehungsweise zum Umgang von Protestanten und Katholiken im Grenzgebiet.
Doch in den vergangenen Jahren hat sich nicht nur das politische Verhältnis zwischen Deutschland und Polen abgekühlt. Die Studierendenzahlen am CP sind deutlich zurückgegangen, von mehr als 1800 in der Spitzenzeit bis auf gegenwärtig knapp 400. Zu den Ursachen gehört, dass seit dem EU-Beitritt den jungen Polen ganz Europa offensteht, während junge Deutsche traditionell eher nur ein oder zwei Semester im Ausland verbringen, als sich für ein gesamtes Studium dort zu entscheiden.
Die Viadrina und die Mickiewicz-Uni entwickeln derzeit das Konzept für eine englischsprachige „Neue europäische Schule für Digitalstudien“ am Collegium in Slubice. Im Wintersemester 2019/20 sollen die ersten 40 Studierenden aufgenommen werden.
„Leider waren wir im Sommer 2018 gezwungen, das bisherige deutsch-polnische Forschungsinstitut in Slubice zu schließen“, bestätigt der Vizerektor der Uni Posen, Tadeusz Wallas, auf Nachfrage. Dessen breitgefächertes Spektrum – das von historischen, literaturwissenschaftlichen und regionalkundlichen Themen über die Stadtplanung und Ökologie bis hin zu juristischen Fragen reichte – „konnte nicht die Basis für neue Studiengänge sein“, so Wallas.
Die meisten der polnischen Wissenschaftler erhielten das Angebot, künftig in Posen tätig zu sein. Auch Tölle wurde angeboten, an sein früheres Institut zurückzukehren. „Da wir inzwischen zwei Kinder haben und in Berlin leben, wäre das aber schwierig gewesen“, sagt der Deutsche. Dieses Institut bereitet jedoch für Oktober 2019 die Eröffnung eines neuen Studiengangs Logistik am CP vor, in dem er unterrichten sollte und für den er das Lehrveranstaltungskonzept mit erarbeitet hat.
Doch vor Kurzem kam für den Polen-Begeisterten die unerwartete kalte Dusche: „Bei einer letzten Versammlung des Instituts überreichte mir Professor Wallas eine Kündigung“, berichtet er. Die Tatsache, dass der Deutsche mitten in einem Forschungsprojekt steckt, das vom Krakauer „Nationalen Wissenschaftszentrum“ finanziert wird und sich mit der Planungspraxis in Brandenburger und polnischen Klein- und Mittelstädten beschäftigt, spielte keine Rolle. „Herr Dr. Tölle hat das Angebot in Posen nicht angenommen. Und weil wir ihm keine Arbeit am Collegium Polonicum garantieren konnten, mussten wir den Vertrag mit ihm kündigen“, erklärt Prorektor Wallas auf Nachfrage.
Der deutsche Wissenschaftler kann seine Enttäuschung nur schwer verbergen und sucht nach Erklärungen. „Ich habe die enthusiastischen Jahre des Aufbaus des Collegiums erlebt. Später eine Zeit der Stagnation, die auch nicht durch das Deutsch-Polnische Forschungsinstitut überwunden werden konnte, zumal sich die Viadrina kaum daran beteiligte“, sagt er. Und er spricht über einen zunehmend autoritären Führungsstil in Polen, seit dort die national-konservative Partei PiS das Sagen hat. Gegen seine Kündigung hat er in Posen Klage eingereicht.