Landwirtschaft
: Kaczynski rettet die wilden Kühe

Erst sollten sie getötet werden – nun dürfen sie weiterleben: 185 polnische Rinder.
Von
Dietrich Schröder
Gorzów
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Fast wie in der Prärie: zwei der 185 bisher frei lebenden Kühe bei Gorzów

Dariusz Baranski

Doch der Fall, der überhaupt erst Anfang dieses Monats bekannt geworden war, bewegt inzwischen ganz Polen: Aus etwa zwei Dutzend Tieren, die ein heruntergewirtschafteter Bauer zu Beginn dieses Jahrzehnts sich selbst überlassen hatte, war im Laufe der Jahre eine Herde mit 185 Rindern geworden. Auch Kälbchen, die erst im Frühjahr geboren wurden, gehören dazu. Ein kleines ökologisches Wunder sozusagen, das überhaupt nur möglich wurde, weil die Tiere in einer wiesenreichen Flusskrümmung leben, die die Warthe südöstlich von Gorzów macht.

Weil die Kreaturen  in jüngster Zeit immer häufiger Dorfbewohner erschreckten und sich Futter von fremden Feldern stahlen, hatte es im vergangenen Jahr ein Klage vor Gericht gegeben. Zusätzlich zu dem Verbot gegen den einstigen Landwirt, künftig Tiere zu halten, ordneten die Veterinärbehörden an, dass die Herde verschwinden müsse. Engagierte Tierschützer nutzten seither alle nur denkbaren Möglichkeiten, um die Rinder zu retten. „Sogar an Papst Franziskus und das Weiße Haus in Washington haben sie geschrieben“, berichtet eine Regionalzeitung.

Am Dienstagabend gab es dann die unverhoffte Wende: Offensichtlich sowohl vom Sieg seiner eigenen Partei bei der Europawahl am vergangenen Woche, wie auch vom Erfolg der Grünen beeindruckt, äußerte sich der Chef von Polens Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, in einem Fernsehinterview auch zu den totgeweihten Kühen von Gorzów. „Ich habe interveniert, weil es für mich selbstverständlich ist, dass man diese Kühe retten muss“, sagte der kleine aber mächtige Politiker.

In ganz Polen weiß man, dass Kaczynski zwar nicht verheiratet ist und auch keine Kinder hat, dafür aber mit zwei Katzen in seiner Wohnung lebt. Den Kühen zu helfen sei „eine Frage der Humanität und eine Frage der Beziehungen unserer Regierung zu Menschen, die Tiere lieben“, erklärte er dem Interviewer.

Das weitere Geschehen folgte der Logik in einem autokratisch geführten Staatswesen. Bereits am Mittwoch informierte Landwirtschaftsminister Jan Krzysztof Ardanowski –  der gleiche Mann, dessen Ministerium noch am Montag das endgültige Verdikt verhängt hatte –, dass die Herde in einem Staatsgut isoliert und untersucht werden soll.

Der Staatspräsident twittert

Damit nicht genug: Selbst Polens Staatspräsident Andrzej Duda – der seinen Posten letztlich auch dem Wohlwollen Kaczynskis zu verdanken hat – äußerte sich kurz nach dem Fernsehauftritt des Parteichefs über Twitter: "Minister Krzysztof Ardanowski und der Oberste Veterinärmediziner Bogdan Konopka haben mir versprochen, dass sie nach einer glücklichen Lösung für die Herde suchen werden“, schrieb das Staatsoberhaupt.

Duda nutzte gleich noch die Gelegenheit, um der Europäischen Union eins mitzugeben, über deren Verbot von Glühlampen er sich schon bei seinem jüngsten Deutschland-Besuch beklagt hatte. "Ich bin sicher, dass unsere Verantwortlichen eine Lösung finden werden, obwohl die Tiere entsprechend der Vorschriften der Europäischen Union eigentlich getötet werden müssten“, schrieb er, und twitterte weiter: "Die Polen lassen sich nämlich etwas einfallen! Ich drücke der Herde die Daumen.“

Mit der unbeschränkten Freiheit, die die Rinder in den vergangenen Jahren genossen haben, dürfte es dennoch vorbei sein. Schon vor drei Wochen war die Herde vorsorglich eingezäunt worden – seinerzeit noch in Vorbereitung auf ihre Abschlachtung. Und selbst in dem größten staatlichen Gut, das man jetzt für sie findet, wird es nicht mehr so sein, wie auf den Warthewiesen bei Gorzów.

In freier Wildbahn selten

Unsere heutigen Rinder sind die domestizierte Form des eurasischen Auerochsen. Diese Wildrinder wurden bereits im 8. Jahrtausend vor Christus im Vorderen Orient zu Haustieren gemacht und dort zunächst vorrangig als Opfertiere gehalten. Der aktuelle Rinderbestand liegt bei über 1,3 Milliarden Tieren weltweit, in Deutschland gibt es etwa zwölf Millionen Exemplare, die vor allem Milch, aber auch Fleisch liefern. Hierzulande gibt es (wie in Polen) so gut wie keine absolut wild lebenden Kühe.  Immerhin verbringen in Bayern etwa 50 000 Rinder den Sommer auf den Almen. Ihre Halter sparen Futterkosten und bekommen eine Weideprämie vom Staat. ⇥ds