Lange Nacht der Museen Berlin
: Leichenteile und Zukunftsmedizin – das bietet das Charité-Museum

Das Medizinhistorische Museum der Charité in Berlin feiert die Wiedereröffnung mit freiem Eintritt und Sonderausstellungen. Neben einem medizinischen Gruselkabinett gibt es Einblicke in die moderne Forschung.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Blick auf Präparate in der Dauerausstellung „Dem Leben auf der Spur“ im umgebauten Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin.

Charité/Artur Krutsch

Unter den vielen Backsteingebäuden des Charité-Campus in Mitte war es früher schwer, das Medizinhistorische Museum nicht als weitere etwas heruntergekommene Krankenstation, sondern als einen Kulturbau zu erkennen. Nach dem dreijährigen Umbau hat sich das jetzt geändert.

Schon von weitem zieht das Gebäude, das 1899 auf Initiative Rudolf Virchows als Pathologisches Museum mit Schausammlung eröffnet wurde, die Blicke auf sich. Große Fenstervitrinen ragen aus der historischen Fassade, die auch die Ausstellungsräume im Inneren mit Licht fluten. Im Erdgeschoss ist ein modernes Foyer entstanden.

Umbau kostete 13 Millionen Euro

„Die Fenstervitrinen als neues architektonisches Element verstehen sich als Einladung, offen und ohne Berührungsängste in das Museum einzutreten, um sich mit Geschichte, Bedingungen und Zielen der Medizin an der Charité vertraut zu machen“, sagte Jochen Brinkmann, Bauleiter der Charité am Donnerstag zur feierlichen Wiedereröffnung. Für rund 13 Millionen Euro haben nicht weniger als 87 Ingenieurbüros und Firmen die touristische Infrastruktur sowie die Haustechnik auf allen sieben Etagen vollständig erneuert.

Den Unterschied merkt man sofort, wenn man aus der kriegsversehrten Hörsaalruine, die seit 1998 als Veranstaltungsraum genutzt wird und in der die Luft schnell drückend wird, in die modernisierten angeschlossenen Ausstellungsräume tritt. Dort ist es kühl. Die neuen Klimaanlagen wurden gut hinter den historischen Lüftungsgittern versteckt.

Präparierte Organe aus der Pathologie

Was die alte, inhaltlich ebenfalls leicht aufgepeppte Dauerausstellung angeht, so bleibt sie Virchows Anspruch treu, Blicke unter die Haut zu werfen und die Eindrücke mit zurück ins Leben zu nehmen. Neben der Sammlung verformter Schädel kann man Blasen- und Kehlkopfspiegel aus dem 19. Jahrhundert betrachten. Eine durch den Hundbandwurm entzündete Leber hat im Glas mit Formaldehyd die Zeiten überdauert, genauso wie durch Krankheiten mumifizierte Hände und Hautgeschwüre.

Das Medizinhistorische Museums der Charité macht nach der Modernisierung auch äußerlich einen einladenen Eindruck.

Charité/Artur Krutsch

Die präparierten Knochen und Organe sind zum Teil über hundert Jahre alt und wurden größtenteils Leichen entnommen, die im Charité-Institut für Pathologie seziert worden waren. Viele der Schau-Präparate wurden noch von Virchow persönlich angefertigt. Mit mehr als 23.000 Objekten zu unterschiedlichen Erkrankungen und Krankheitsverläufen war das Museum bereits 1901 ein gut besuchtes dreidimensionales Lehrbuch der Pathologie.

Vieles wurde aber auch im Krieg zerstört. Von dem einstigen Fundus ist heute nur ein Bruchteil zu sehen. Besucher:innen erfahren zudem auch etwas über die Geschichte der Charité, unter anderem zu den Abgründen der Medizin, etwa zu Zeiten des Nationalsozialismus.

Die Sonderausstellung „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“ im am Donnerstag wiedereröffneten Berliner Medizinhistorisches Museum ist bis 28. Januar 2024 zu sehen.

Charité/Artur Krutsch

Neu ist die „Tür“ ins virtuelle Depot. An einem größeren Monitor sieht man weitere medizinische Geräte, Modelle, Instrumente und Lehrtafeln und kann ihren Kontext erfahren. Die „Eiserne Lunge“, ein monströser Beatmungsapparat, in den in den 1950er-Jahren unter anderem Kinder mit Polio gesteckt wurden, ist dagegen ganz real ausgestellt. Extrem schaurig wird es noch einmal in den hinteren Regalen, in denen Gläser mit konservierten schwer missgebildeten Babys und Embryonen aufgereiht sind.

Gehirn-OP ohne Vollnarkose

Aufatmen kann man dann wieder in der neuen Sonderausstellung „Geistestblitze. Gedankenströme“ eine Etage tiefer, die eher mit künstlichen Modellen arbeitet. Sie zeigt, wie detailliert sich die Landkarte des Gehirns inzwischen zeichnen lässt, wo Wahrnehmung, Empfinden, Erinnern und Denken sitzen. Neurowissenschaftler:innen geben an rund 20 Stationen Einblicke in Themenfelder wie Gedankenlesen, Hirnstimulation, Bewegungsstörungen, Sucht und Schlaganfall und beleuchten die besonderen Herausforderungen bei Autoimmunität, Alzheimer und Demenz.

Man erfährt unter anderem, dass Patienten bei schwierigen Tumor-Operationen am Kopf manchmal zwar lokal betäubt, aber auch extra wachgehalten werden. Sie müssen dann während des Eingriffs Aufgaben lösen. So können die Chirurgen sichergehen, dass sie kein gesundes Gewebe verletzen.

Im Medizinshistorischen Museum in Berlin ist auch eine „Eiserne Lunge" zu sehen, in der einst unter anderem Patienten mit Kinderlähmung behandelt wurden.

Charité/Artur Krutsch

Mittels elektrischer Hirnströme werden heute zudem auch schon Depressionen behandelt oder die Gedanken bei Rückenmarksverletzten so stimuliert, damit sie per Kopf Prothesen bewegen können.

Die Sonderausstellung über das menschliche Gehirn ist bis Ende Januar 2024 zu sehen. Am 11. Juli eröffnet dann im modernisierten Medizinhistorischen Museum noch eine dritte Schau unter der Überschrift „Krebs und Emotionen“. Im Rahmen der feierlichen Wiedereröffnung steht das Haus am Charitéplatz 1 am Freitag, Sonnabend und Sonntag (16. Juni bis 18. Juni 2023) von jeweils 10 bis 20 Uhr Besuchern ohne Eintritt offen. Zur Langen Nacht der Wissenschaften am Sonnabend ist sogar bis 24 Uhr geöffnet. Alle weiteren Infos unter bmm-charite.de

Lange Nacht der Wissenschaften 2023

Zur „Langen Nacht der Wissenschaften“ am Sonnabend, 17. Juni, laden rund 60 Wissenschaftseinrichtungen aus Berlin und Potsdam von 17 bis 24 Uhr zu über 1.000 Programmpunkten ein und bieten Einblicke in sonst nicht öffentlich zugängliche Labore, Archive, Bibliotheken und Hörsäle. Die 21. Auflage bietet spannende Experimente, aktuelle Forschungsergebnisse und anregende Gespräche.

Die meisten der teilnehmenden Einrichtungen sind gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Für manche Veranstaltungsorte wurden Sonderbus-Linien eingerichtet. Die regulären Karten kosten 14 Euro, es gibt für verschiedene Personen aber auch Vergünstigungen. Das gesamte Programm findet sich unter www.langenachtderwissenschaften.de