Lost Places: Bunker, Heilstätte, Villa – die Top 5 verlassenen Orte in Brandenburg

Fernschreibgeräte stehen verschimmelt neben der Schaltzentrale des „Honecker-Bunkers“ bei Prenden nördlich von Berlin (aufgenommen am 1. August 2008).
Nestor Bachmann/dpaSogenannte Lost Places erfreuen sich großer Beliebtheit. Es handelt sich bei ihnen um verlassene, häufig historisch wichtige Orte wie Bunker oder Kirchen, aber auch leerstehende Wohnhäuser.
Viele Menschen suchen diese Orte gezielt auf – um ein wenig Abenteuer in den Alltag zu bringen, authentische Einblicke in die Vergangenheit zu erhalten oder sich an der spannungsreichen Ästhetik zwischen Grusel und Romantik zu erfreuen. Doch es ist Vorsicht geboten.
Darum kann das Aufsuchen von Lost Places gefährlich sein
Die Gebäude sind oft in keinem guten Zustand. Somit besteht Einsturzgefahr und der Strom ist unter Umständen nicht ordnungsgemäß gesichert oder abgeschaltet. Giftige Stoffe können auftreten, so wie unterschiedliche Arten von Schimmel, die unter anderem Atemwegsprobleme verursachen können. Verlassene Gebäude bieten darüber hinaus Raum für (gefährliche) Tiere oder kriminelle Aktivitäten.
Hinzu kommt, dass das Betreten von privatem Gelände grundsätzlich verboten ist. Manche Eigentümer statten ihre Gebäude mit einer Meldeanlage aus. Andere Lost Places sind so bekannt, dass sie regelmäßig von der Polizei kontrolliert werden. Der Straftatbestand Hausfriedensbruch wird zwar nur auf Antrag des Besitzers hin verfolgt – handelt es sich aber um ein öffentliches leerstehendes Gebäude (beispielsweise eine Schule oder ein Krankenhaus), ist auf jeden Fall mit einer Strafanzeige zu rechnen.
Und das ist nicht der einzige Straftatbestand, der relevant sein kann. Infrage kommen auch: Diebstahl (etwas wird entwendet), Sachbeschädigung (etwas wird kaputt gemacht), Vandalismus (etwas wird mit einer gewissen „Zerstörungswut“ kaputt gemacht), Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches (es werden beispielsweise persönliche Dokumente abfotografiert) oder Anstiftung zu einer Straftat (beispielsweise durch das öffentliche Teilen einer Adresse, welches als Aufforderung zum Hausfriedensbruch gewertet werden kann).
Wir haben für Sie die (unsortierten) Top 5 der Lost Places in Brandenburg (im Verbreitungsgebiet der MOZ) zusammengestellt. Von welchem haben Sie schon gehört und welchen sogar vielleicht schon (natürlich nur aus der Ferne) gesehen?
Es gilt der Kodex: „Keep nothing but photos – leave nothing but footprints“ – also: Nimm nichts weiter mit als Fotos – hinterlasse nichts weiter als Fußabdrücke.
5. Bunker „Seewerk“ Falkenhagen, Märkisch-Oderland
Am Rand von Falkenhagen liegt der Bunker „Seewerk“ Falkenhagen. Von 1939 bis 1943 von der Wehrmacht gebaut, sollte der Bunker Raum für eine unterirdische Produktionsstätte für Chlortrifluorid und Sarin bieten.

Besucher stehen am 23. November 2003 im Bunker "Seewerk", der sich in einem Wald nahe dem brandenburgischen Falkenhagen bei Seelow befindet.
Patrick Pleul/dpaZumindest Sarin wurde allerdings nur in äußert geringen Mengen hergestellt, da die zugehörigen Anlagen nicht fertiggestellt wurden – auch wenn Sarin seinerzeit ein enorm hohes Potential zugesprochen wurde. So schrieb der Reichsrüstungsminister Speer 1944 an den Reichsführer SS Heinrich Himmler: „Der in Falkenhagen erzeugte Kampfstoff Sarin ist der wertvollste und modernste aller Kampfstoffe und hat die sechsfache Wirkung aller bisherigen Kampfstoffe.“
Chlortrifluorid
● Deckname: „N-Stoff“
● Inhalationsgift
● Leicht entflammbar und verbrennt auch Stoffe, die eigentlich als nicht brennbar gelten
● Im Zweiten Weltkrieg wurde erwogen, Chlortrifluorid als Kampfstoff zu nutzen. Dieses Vorhaben verblieb aber im Versuchsstadium.
Sarin
● Chemischer Nervenkampfstoff
● 1939 vom deutschen Chemiker Gerhard Schrader im Zuge der Insektizidforschung entdeckt
● Im Kalten Krieg wurde viel Sarin in den Vereinigten Staaten und in der Sowjetunion gelagert, kam aber nicht zum Einsatz.
● Einsatz unter anderem während der Diktatur unter Augusto Pinochet (1973–1990) gegen Oppositionelle, bei zwei terroristischen Anschlägen der Aum-Sekte in Japan (1994 und 1995), im Syrischen Bürgerkrieg (seit 2011)
● Im Mai 2022 identifizierten Forscher Sarin als Hauptursache für das Golfkriegssyndrom (1990–1991).
● Bereits in sehr kleinen Mengen tödlich, kann über den gesamten Körper aufgenommen werden (Ganzkörperanzug mit Atemschutzmaske ist zum Schutz notwendig)
Im Jahr 1945 wurde der Bunker durch die Rote Armee erobert und von 1958 bis 1964 zu einer ABC-sicheren Kommandozentrale umgebaut. ABC-sicher bedeutet, dass die Zentrale Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Gefahren bieten soll.
Heute gehört das Gelände, auf dem sich ebenso eine Vielzahl verlassener Gebäude befindet, einem Berliner Investor.
4. Heilstätte Grabowsee, Oberhavel
Nur wenige Kilometer von Oranienburg entfernt liegt die 1896 vom Deutschen Roten Kreuz gegründete erste Heilstätte für Lungentuberkulose im Norddeutschen Tiefland. Das DRK wollte am Grabowsee erproben, ob Heilstätten im Wald für Patienten genauso wohltuend wie die gemeinhin bekannten Heilstätten am Meer oder in den Bergen sein könnten – und hatte damit enormen Erfolg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Heilstätte noch bis 1992 als Militär-Lazarett genutzt, bevor sie zu einer beliebten Szenerie für Fotografien und auch Filme wurde – unter anderem in „Monuments Men“ von und mit George Clooney.
Die Gebäude sind teils aufwendig von Kunsthandwerkern aus der Neuruppiner Künstlerkolonie Gildenhall gestaltet worden, beispielsweise mit verzierten Sitzbänken und Türgittern. Die Hälfte der insgesamt 30 Gebäude ist heute denkmalgeschützt.
Seit 2005 betreute der Verein Kids Globe e.V. Teile des Geländes und wollte es dem Eigentümer – einem Berliner Geschäftsmann – abkaufen, um dort eine internationale Akademie für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Dieses Vorhaben erwies sich als komplizierter und kostenintensiver als geplant und so gab der Verein 2021 bekannt, das Gelände verlassen zu wollen.
Auch eine Wohnanlage, wie der Eigentümer sie 2022 plante, wird es an dem Standort möglicherweise nicht geben.
3. Bunker 5001 / „Honecker-Bunker“ in Prenden (Gemeinde Wandlitz), Barnim
Nördlich von Bernau befindet sich der sogenannte Bunker Komplex 5000, bestehend aus sechs einzelnen Bunkern. Zu DDR-Zeiten sollten sie im Notfall wichtigen Führungskräften Schutz bieten und durch eine ausgeklügelte Nachrichtenzentrale den Kontakt zum Militär und verbündeten Streitkräften aufrechterhalten – selbst bei einer möglichen Kernwaffenexplosion.

Sebastian Tenschert vom Verein Berliner Bunker Netzwerk steht am 1. August 2008 in der Schaltzentrale des „Honecker-Bunkers“ bei Prenden nördlich von Berlin.
Nestor Bachmann/dpaEiner ist der Bunker mit dem Decknamen „Perle“, der zwischen 1978 und 1983 gebaut wurde und einer der größten und auch bekanntesten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist. Im Notfall hätten in ihm etwa 350 Menschen Platz finden können – ganz oben auf der Liste Erich Honecker, weswegen der Bunker auch „Honecker-Bunker“ genannt wird.
Nach der Wiedervereinigung 1990 übernahm die Bundeswehr den Bunker. Drei Jahre später wurde er versiegelt, 2008 auch durch eine Betonplombe im Eingangsbereich. Die Anlage ist heute denkmalgeschützt und befindet sich zu Teilen in Privatbesitz.
Der Bunker ist seit 15 Jahren dauerhaft verschlossen, er liegt außerhalb des eigentlichen Kasernengeländes und ist nicht zugänglich. Das Kasernengelände selbst ist umzäunt, bewacht und befindet sich in Privatbesitz.
2. Goebbels Villa und Hochschule der FDJ „Waldhof“ am Bogensee in Lanke (Wandlitz), Barnim
Etwa 15 Kilometer im Norden von Berlins Stadtgrenzen liegt der Bogensee, der vor allem durch seine Nutzung zu NS- und später auch DDR-Zeiten zu Bekanntheit kam.

Blick auf den einstigen Landsitz von NS-Propagandaminister Josef Goebbels am Bogensee (Archivfoto vom 29. Juni 2006).
Patrick Pleul/dpaDer See wurde, gemeinsam mit einem Blockhaus am östlichen Ufer und fast 5 Quadratkilometern Land, 1936 dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels vermacht – als Geschenk der Stadt Berlin anlässlich seines 39. Geburtstages. Goebbels nutzte das Areal, um prominente Gäste und seine Liebschaften zu empfangen und ließ 1939 auch einen zusätzlichen Landsitz errichten.

Blick in eines der Gebäude der ehemaligen Jugendhochschule der Freien Deutschen Jugend (FDJ) am 14. Dezember 2015 am Bogensee bei Wandlitz.
Jörg Carstensen/dpaIn der letzten großen Schlacht des Zweiten Weltkrieges – der Schlacht um Berlin – wurde das Gelände von der Roten Armee einige Monate lang besetzt und als Lazarett genutzt. Mitbegründer und erster Vorsitzender der FDJ – Erich Honecker – bat hiernach die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), eine zentrale Jugendleiterschule am See aufbauen zu dürfen. So entstand die Zentralschule der FDJ „Waldhof am Bogensee“, die später den Namen des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck trug.
Nach der Wende fiel das Gelände wieder zurück an das Land Berlin. Die denkmalgeschützten Gebäude stehen seit 1999 leer. Im Jahr 2015 beschloss die Stadt Berlin, sie auch weiterhin nicht zu verkaufen. Ein Wallfahrtsort für Rechtsextreme wird befürchtet. Eine 2020 gegründete Initiative zur Nutzung des Areals stellte sich 2021 als von einem Mitglied der Reichsbürger-Organisation mitgeführt heraus.
Die Reichsbürger und Selbstverwalter
● Teils Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker
● Ablehnung der Bundesrepublik Deutschland als legitimer und souveräner Staat
● Gehen in Teilen davon aus, dass weiterhin das Deutsche Reich besteht und nicht die Bundesrepublik („Reichsbürger“ in Abgrenzung zu „Bundesbürger“)
● Häufig: Demokratiefeindlichkeit, Holocaustleugnung, Esoterik, Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus
● Szene entstand in den 1980er Jahren
● Reichsbürgerbewegung wird seit 2016 bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet
Das Leibnitz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam bietet eine Online-Ausstellung mit dem Thema „Bogensee. Eine historische Ortsbegehung“ an.
1. „Lager Koralle“ / „Dönitz-Bunker“ bei Lobetal, Barnim
Nördlich von Bernau liegt eine militärische Anlage, die 1939 angefangen wurde zu bauen und eigentlich als Marinefernmeldeschule gedacht worden war. Als während des Zweiten Weltkriegs die Gefahr von Fliegerbomben jedoch immer größer wurde, entschloss man sich, die Führungszentrale vom Oberkommando der Marine (OKM) aus Berlin weg, in ein sichereres Gebiet zu verlegen. So wechselte sie 1943 ihren Standort in das „Lager Koralle“, wo dann auch die Hauptfunkstelle des Befehlshabers der U-Boote (BdU) installiert wurde. Das bedeutet, alle Nachrichtenverbindungen den U-Boot-Krieg betreffend liefen über den Bunker und eine Zeit lang wurden auch alle deutschen Seekriegsoperationen im „Lager Koralle“ koordiniert. Während der oben bereits erwähnten Schlacht um Berlin wurde auch dieses Gelände von der Roten Armee eingenommen und zu großen Teilen gesprengt.

Nürnberger Prozesse (Archivfoto von November 1945): In der zweiten Reihe sitzen (v.l.) Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Rosenberg und Hans Frank. In der hinteren Reihe sind (v.l.) die Angeklagten Karl Dönitz, Erich Räder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel und Alfred Jodl zu sehen.
DB/dpaAuch wenn das Areal zwischenzeitlich immer wieder genutzt wurde, steht von ihm heute nicht mehr viel. Ein Überbleibsel ist das „Haus Bergauf“, das Karl Dönitz gemeinsam mit seiner Frau bewohnte. Das brachte dem Bunker den Beinamen Dönitz-Bunker ein. Dönitz war einer der 24 Angeklagten im Nürnberger Prozess. Der „Führer der U-Boote“ war nach Hitlers Suizid am 30. April noch vom 2. bis 23. Mai das letzte Staatsoberhaupt des nationalsozialistischen deutschen Reiches.
Heute ist die Brandenburgische Bodengesellschaft (BBG) Eigentümerin.
Lost Places erkunden in Deutschland – allein oder mit Führung
Vor allem online bilden sich immer mehr Gruppen sogenannter Urbexer, in denen Tipps und Fotos rund um das Thema Lost Places geteilt werden. Der Begriff „Urbexing“ kommt aus dem Englischen, abgeleitet von „Urban Exploring“, also dem Erkunden des städtischen Raumes.
„Urbex Elite“ ist eine deutsche Community, die auf einer individuell angepassten Karte von Google Maps die Standorte tausender Lost Places weltweit sammelt. An die genauen Adressen und detaillierte Informationen kommt der Interessent allerdings häufig nur über eine private Facebook-Gruppe. Offiziell ist der Zweck der Gruppe nur das Teilen von Fotos und somit die Konservierung der Vergangenheit. Vom Aufsuchen der Orte wird explizit abgeraten.
Hier können Sie Urbex Elite finden
● Facebook Seite (über 4100 „Gefällt mir“-Angaben)
● Facebook-Gruppe (über 96.000 Mitglieder)
● Youtube (über 3400 Abonnenten)
● Instagram (5600 Follower)
Wer sich nicht auf illegale Art und Weise Zutritt zu einem Gebäude oder Gelände beschaffen möchte (was wir empfehlen!), kann über unterschiedliche Organisationen auch an offiziell geführten Touren teilnehmen.
Berliner Unterwelten e.V.
Der Berliner Unterwelten e.V. bietet beispielsweise folgende (sowie auch virtuelle) Führungen an:
● Unterirdische Schutzräume im U-Bahnhof Gesundbrunnen
● Flakturmruine im Volkspark Humboldthain
● Zivilschutzanlage Blochplatz + „moderner Atomschutzbunker“
● Deutschlands erster U-Bahn-Tunnel
● Fichtebunker mit 130 Jahren Berliner Stadtgeschichte
● Tunnelfluchten unter der Berliner Mauer
● Operationsbunker Teichstraße




