Mariusz Hoffmann: Von Polen nach Deutschland in den 1990ern – der Roman „Polnischer Abgang“

Las im Kleist-Museum Frankfurt (Oder) aus seinem Debütroman „Polnischer Abgang“: Autor Mariusz Hoffmann
Lionel KreglingerAuf dem Dach der alten Schnapsfabrik in Polen haben Jarek und Andrzej ihr Versteck. Dort mischen sie Aroniabeeren mit Schnaps und diskutieren, wo denn nun die Reise hingehen soll: B-R-D oder D-D-R? Wie heißt das Land denn nun? „Deutschland. Einfach Deutschland“, sagt Andrzej.
Er soll mit seinen Eltern am nächsten Tag das oberschlesische Salesche verlassen und nach Deutschland auswandern, während Andrzej zurückbleibt. Die Vorzüge zählen die Freunde gemeinsam auf: „Nie wieder polnisches Bier. Nie wieder in roter Sporthose und weißem Turnhemd das Land bejubeln.“
Von Oberschlesien in Polen nach Unna
In „Polnischer Abgang“ erzählt der 1986 in Polen geborene Mariusz Hoffmann von Weggehen und Ankommen in den 1990er Jahren. Sein Protagonist, der 14-jährige Jarek, in dem sich viele Erfahrungen des Autors wiederfinden dürften, landet mit seiner Familie zunächst im Auffanglager Unna und dann in einer Notwohnung im nordrhein-westfälischen Werle. Die Großmutter in Hannover, die sie eigentlich besuchen wollten, wird erst ganz am Schluss auftauchen.
„Polnischer Abgang“, im Berlin Verlag erschienen, ist viel besprochen und viel diskutiert worden, der Roman war für den Literaturpreis Ruhr 2023 nominiert, der Autor hat ihn am Donnerstag auch im Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) vorgestellt. Es ist die Weiterentwicklung einer Kurzgeschichte, mit der Hoffmann 2017 beim Open Mike in Berlin gewonnen hat. Seinen ersten literarischen Auftritt hat er damals in einem Blog-Beitrag beschrieben. Wie alle Teilnehmer hoffen, möglichst am Anfang dranzukommen, und er dann die Karte mit dem allerletzten Auftritt zieht. Das heißt also: Keine Party am Samstagabend, sondern früh ins Bett, um für den Auftritt am nächsten Tag fit zu sein. Schlaflos ist die Nacht trotzdem. „Als ich da oben sitze, das Saallicht wird gedimmt, das Rampenlicht auf mich gerichtet, und ich die ersten Sätze von „Dorfköter“ ins Mikrofon spreche, ist das Donnern weg. Endlich bin ich hier. Das ist, was ich mir die ganze Zeit gewünscht habe“ endet der Beitrag.
Wie Matthias Nawrat, der in diesem Jahr den Fontane-Preis der Stadt Neuruppin gewonnen hat, ist Hoffmann als Jugendlicher nach Deutschland gekommen und wirft einen Blick von außen auf die deutsche Willkommenskultur, die sich bis heute leider nicht wesentlich verbessert hat. Sein Jarek erlebt Grenzkontrollen und Bürokratiewahnsinn, lernt Deutsch aus dem Quelle-Katalog und wird von Jugendlichen auf dem Spielplatz als „Polacke“ bedroht. Am Ende kommt er, für sich zu dem Schluss: „Deutsch? Polnisch? Die Frage kam mir lächerlich vor. Überflüssig. Was sagt das über mich?“ Und liefert damit das Fazit zu diesem lebensklugen, lesenswerten Roman.
Mariusz Hoffmann: „Polnischer Abgang“, berlin Verlag, 240 S., 22 Euro


