Mauer-Spiel
: Zockend den Kalten Krieg erfahren

Spielend zur Wiedervereinigung: Koreaner und Deutsche entwickeln erstes interaktives Mauerspiel für die politischen Bildung.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Spielend zur Wiedervereinigung: Das vom Goethe-Institut Korea mitentwickelte Mauerspiel feierte am 17. Januar im Besucherzentrum der Berliner Gedenkstätte Premiere.

Maria Neuendorff

Während Deutschland 30 Jahre Mauerfall feiert, gilt die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea immer noch als die unüberwindbarste der Welt. In der Gedenkstätte an der Bernauer Straße kann man ein interaktives Spiel testen, das Parallelen und Unterschiede beider Länder beleuchtet.

Im ersten Moment sind es nur ein paar neue bunte Schautafeln, die im ersten Stock des Besucherzentrums der Berliner Mauergedenkstätte aufgestellt wurden. Sie zeigen unter anderem den Stacheldraht an der sogenannten DMZ, der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea. Die monströsen Sperreinrichtungen erinnern an den Todesstreifen zwischen Ost und West, der seit drei Jahrzehnten in Deutschland Geschichte ist. Dass die etwa vier Kilometer breite Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea aber bis heute als die am strengsten bewachte Grenze der Welt gilt, erfährt, wer sich die kostenlose App „Wallpeckers“ auf sein Smartphone lädt.

Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Zeitungsredakteuren und müssen mithilfe des Handys sowie der Schautafeln die typischen Journalistenfragen – Wer, Wie, Wann, Warum – recherchieren. Aus Textbausteinen können einzelne Artikel oder ganze Zeitungsseiten zu Themen wie Überwachung, Flucht, politische Annäherung und wirtschaftliche Folgen zusammengesetzt werden. Die Teilnehmer können durch verschieden hohe Punktzahlen vom Praktikanten bis zum Chefredakteur aufsteigen. Die Spieler können sich die Artikel ausdrucken lassen oder sich selbst per E-Mail weiterleiten.

„Dieser digitale Zugang ist für uns neu“, sagt Manfred Wichmann, Sammlungsleiter der Stiftung Berliner Mauer, der das Projekt mitentwickelt hat. Die Idee, sich dem Thema  Wiedervereinigung auf spielerische Weise zu nähern, sei allerdings vor über zwei Jahren in Korea entstanden.

„Die jungen Südkoreaner, die die Teilung nicht selbst erlebt haben, haben fast keinen Bezug mehr zum kommunistischen Norden. Wir haben überlegt, wie man sie erreichen kann“, erklärt Arndt Röskens vom Goethe-Institut in Seoul. Andererseits gebe es eine ganze Bewegung von koreanischen Intellektuellen, die die europäische Wiedervereinigung geradezu studierten und meinten: „Deutschlands Vergangenheit ist Koreas Zukunft.“

Doch während die Entwickler der koreanischen Computerspielefirma Nolgong an dem Wissens-Game  tüftelten, wurden sie von politischen Ereignissen überrollt. So kam es 2018 zum historischen Gipfeltreffen beider koreanischer Staatschefs. Vor Kurzem besuchten Soldaten friedlich gegenseitig das gegnerische Territorium und fingen an, Landminen in der entmilitarisierten Pufferzone zu räumen. Bei der derzeit in Berlin stattfindenden Handball-WM tritt erstmals ein gemischtes koreanisches Team an.

Manche dieser „Meilensteine“ der Annäherung wurden mit eingebaut. Die Spieler können unter anderem zwischen Themenbereichen wie Politik, Gesellschaft oder Kultur wählen. Unter „Menschen“ findet sich zum Beispiel die Geschichte von Oh Cheong-Seong. Der Fahrer des nordkoreanischen Militärs raste Ende 2017 bei Panmunjeom an Grenzposten vorbei und stürzte in einen Graben. Zu Fuß rannte er auf den nächsten südkoreanischen Wachposten zu. Die Nordkoreaner schossen 40 Mal. Fünf Kugeln trafen ihn im Bauch, am Becken, in den Beinen und an den Armen. Der 25-jährige Flüchtling überlebte nach mehreren Operationen und aufgrund von Blutspenden. Als er das erfuhr, versicherte er dem Krankenhauspersonal, dass er „zuverlässig Steuern zahlen und selbst viel Blut spenden werde“.

Das Spiel „Mauerspechte“ kann bis zum 3. Februar in der Gedenkstätte Bernauer Straße 119 kostenlos getestet werden. Mehr Infos unter: www.goethe.de/korea/mauerspechte