Mit Ballon getürmt: Spektakuläre Flucht aus der DDR – Zeitzeuge berichtet

Spricht gern über seine Erfahrungen: Der Ballonflüchtling Günter Wetzel besuchte am Dienstag Neuruppin.
MOZ/Siegmar TrenklerDie hatten zuvor gebannt den rund zweistündigen Streifen verfolgt, der die Geschichte laut Wetzel auch nahezu wahrheitsgetreu wiedergibt – im Gegensatz zu der ersten Verfilmung „Mit dem Wind nach Westen“ aus dem Jahr 1980. „Das ist eine der Fragen, die es bei den Vorführungen, bei denen ich dabei bin, immer gibt. Es war wirklich bis auf wenige Szenen alles genau so“, so Wetzel.
Er nutzt die Gelegenheit gern, mit den Zuschauern über seine Erfahrungen zu sprechen – besonders mit Schülern, die die DDR-Zeit nie selbst erlebt haben. Doch auch für alle anderen ist dieses Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte von großem Interesse, und das quer durch die Bundesrepublik. „Ich bin froh, dass der Film so gut gelungen ist“, meint der inzwischen 63-jährige Wetzel. „Das Interesse an der DDR scheint dadurch wieder gewachsen zu sein.“ Dennoch müssten noch viel mehr Zeitzeugen ihre Geschichten erzählen, glaubt er.
Wetzel selbst ist mittlerweile Rentner und nutzt seine Zeit, um die Erinnerung wach zu halten. Daher hat er auch schon im Anschluss an mehr als 15 Kinovorführungen als Gesprächsgast zur Verfügung gestanden. In Neuruppin machte er das am Dienstagabend sowie am Tag darauf bei einer Schulvorführung des Films am Vormittag. Dabei ist ihm wichtig, ein ausgewogenes Bild zu liefern. „Es gab ja damals zwei Seiten des Lebens: die persönliche, in der viele Menschen auch viele schöne Dinge erlebt haben, und die offizielle, in der es die Verfolgung gab.“ Die Schattenseiten hatte auch er teilweise erlebt. Weil sein Vater geflüchtet war, als Günter gerade einmal fünf Jahre alt war, durfte er später nicht Physik studieren. Ansonsten sei das Leben aber nicht so schlimm gewesen, wie in anderen Fällen. Sobald aber der Entschluss gefasst worden war, die DDR zu verlassen, hätten sich alle immer mehr darin hineingesteigert. „Dann wurde das Leben mit einem Mal auch unerträglich. Und nach dem gescheiterten Fluchtversuch mussten wir dann einfach weiter machen.“ Dabei sei die Stasi ihnen zwar nicht so dicht auf den Fersen gewesen, wie es im Film dargestellt wurde. Nachdem Wetzel aber seine 2 400 Seiten starke Stasi-Akte durchgearbeitet hatte, war ihm klar, dass er und seine Mitflüchtlinge sechs Tage später gefasst worden wären.
Leider hielt die Freundschaft von Günter Wetzel und seinem Mitflüchtling Peter Strelzyk nicht so lange, wie Wetzel auf Nachfrage berichtete. Während er selbst wegen eines Muskelfaserrisses, den er sich bei der Flucht zugezogen hatte, im Krankenhaus lag, habe sich Strelzyk dem Stern gegenüber, der die Rechte an der Geschichte gekauft hatte, als Initiator ausgegeben. Aufgrund des Geldes, was die beiden Familien damals bekommen hatten, hätten sie aber einen normalen Start ins Leben im Westen bekommen.(zig)
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