Mordverdacht in Berlin: Palliativarzt soll noch mehr Menschen getötet haben

Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt wegen Mordes gegen einen Palliativmediziner. Der Arzt sitzt bereits in Untersuchungshaft. Nun sollen es mehr Opfer sein als anfangs gedacht. Was sind die neuesten Erkenntnisse der Ermittler? (Symbolbild)
Fabian Sommer/dpa- Ein Berliner Palliativarzt wird verdächtigt, acht Patienten getötet zu haben.
- Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Sommer 2024 wegen Mordes.
- Der Arzt soll Feuer gelegt haben, um die Taten zu vertuschen.
- Untersuchungen ergaben, dass er den Patienten ein Medikamenten-Gemisch verabreichte.
- Ein Pflegedienst, bei dem er arbeitete, zeigte sich erschüttert über die Vorfälle.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Bei den Ermittlungen gegen einen Berliner Palliativmediziner, der mindestens acht Menschen getötet haben soll, werden weitere Patientenakten überprüft. Die eigens für den Fall eingerichtete Ermittlungsgruppe des Morddezernats im Berliner Landeskriminalamt (LKA) hat dabei nach Informationen der „Bild“-Zeitung mehr als 40 Patienten identifiziert, die ebenfalls als Opfer infrage kommen könnten.
Sebastian Büchner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, bestätigte die Zahl zunächst nicht. Bereits vor einer Woche hieß es jedoch, dass weitere Fälle überprüft werden. „Die Sichtung der Patientenakten dauert an“, sagte Büchner. „Ob und gegebenenfalls wie viele weitere mögliche Fälle es gibt, ist nach wie vor Teil der laufenden Ermittlungen.“
Zuvor hatte es bereits Erkenntnisse gegeben, dass der Arzt für den Tod von acht anstatt vier Menschen verantwortlich gewesen sein soll. Unterlagen von weiteren Patienten des Arztes waren ausgewertet sowie zwei weitere Leichen ausgegraben und von der Gerichtsmedizin untersucht worden. Danach geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der 40-Jährige auch für den Tod von zwei Frauen im Alter von 70 und 61 Jahren sowie zwei 70 und 83 Jahre alten Männern verantwortlich ist. Er soll den Betroffenen jeweils ein „Gemisch verschiedener Medikamente“ verabreicht haben.
Arzt seit Sommer 2024 in Untersuchungshaft in Berlin
Der Mediziner sitzt seit Anfang August in Untersuchungshaft. Ursprünglich stand er im Verdacht, vier Patientinnen im Alter zwischen 72 und 94 Jahren in deren Wohnungen getötet haben. Anschließend soll er dort Feuer gelegt haben, um die Taten zu vertuschen. Die Ermittlungen erfolgten zunächst wegen Totschlags und Brandstiftung.
Inzwischen geht die Staatsanwaltschaft jedoch von Mord aus. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen soll der Beschuldigte kein anderes Motiv als das der Tötung der Opfer gehabt haben, wie Sprecher Büchner mitteilte. Damit sei das Mordmerkmal der „Mordlust“ erfüllt.
Opfer schwer krank, aber nicht im Sterben
Der Haftbefehl gegen den Mediziner ist laut Staatsanwaltschaft von einem Ermittlungsrichter entsprechend erweitert worden. Der 40-Jährige hat sich laut Büchner bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.
Bereits nach der Verhaftung des Mannes im Sommer hieß es, es werde geprüft, ob es weitere mögliche Taten gebe. Auch jetzt dauert die Prüfung an, ob es Anhaltspunkte für weitere Taten gibt, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Dafür sei bereits vor einigen Wochen eine eigene Ermittlungsgruppe eingerichtet worden.
Der Mediziner soll die Taten im Rahmen seiner Tätigkeit für einen Pflegedienst zwischen dem begangen haben. Die schwer kranken Patientinnen befanden sich der Staatsanwaltschaft zufolge zum Tatzeitpunkt nicht in einer akuten Sterbephase. Zunächst ging es um vier Fälle im Zeitraum von 11. Juni und 24. Juli 2024.
Für Ermittlungen weitere Leichen exhumiert
Im Rahmen weiterer Ermittlungen stießen die Polizei und Staatsanwaltschaft dann auf vier weitere Fälle, die Fragen aufwarfen. Um diese zu klären, erfolgte in zwei Fällen eine Exhumierung der Leichen. Man spricht von einer Exhumierung, wenn das Grab eines Verstorbenen nach der Bestattung geöffnet und der Leichnam freigelegt wird.
Unter anderem aufgrund der Ergebnisse von gerichtsmedizinischen Untersuchungen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Arzt auch für den Tod einer 70-Jährigen am 24. Juni 2022 in Berlin-Tempelhof verantwortlich ist. Dieser Patientin soll er ein Medikamenten-Gemisch verabreicht und anschließend ein Feuer gelegt haben, um die Tat zu vertuschen.
Im Januar 2024 soll er dann einem 70-Jährigen in Neukölln „ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente ohne medizinische Indikation hierfür verabreicht haben, um den Geschädigten zu töten“, so die Staatsanwaltschaft. Am 4. April soll er in Schöneberg eine 61 Jahre alte Patientin auf die gleiche Weise in ihrer Wohnung getötet haben. Ende April soll der Arzt dann in einem Hospiz in Köpenick einen 83-Jährigen mit einem Medikamenten-Mix getötet haben.
Pflegedienst zeigt sich erschüttert über Vorfälle
Ausgelöst wurden die Ermittlungen seinerzeit durch die Brände, die der Mediziner gelegt haben soll, um die Tötung der Patienten zu verdecken. Die Polizei ermittelte zunächst wegen Brandstiftung mit Todesfolge. Dabei geriet dann aber zunehmend der Arzt in den Fokus. Dazu beigetragen haben laut Staatsanwaltschaft Hinweise des Pflegedienstes, für den der Beschuldigte gearbeitet hat.
Mitarbeiter des Pflegedienstes hatten sich im Sommer nach Bekanntwerden der Vorwürfe zutiefst erschüttert gezeigt. Der gesamte Sachverhalt sei für sie unbegreiflich, teilte die Geschäftsführung Anfang August mit. Die vollständige Aufklärung habe Priorität, hieß es damals. „Wir kooperieren bestmöglich mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.“
Stiftung Patientenschutz: Fälle schwer aufzudecken
Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist es in der ambulanten Pflege und Medizin schwierig, solche Fälle aufzudecken. „Denn Krankheit und Tod gehören zum Alltag“, erklärte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. „Täter frühzeitig am Muster zu erkennen, ist im mobilen Bereich sehr eingeschränkt möglich. Selbst Künstliche Intelligenz versagt, da es keine standardisierte Digitalisierung der Medikamentenabgabe und der Einsatzzeiten gibt“, erklärte Brysch. Wichtig sei es, in allen Ländern Schwerpunktstaatsanwaltschaften und zentrale Ermittlungsgruppen für Delikte in Pflege und Medizin einzurichten.
Mordserie in Niedersachsen
In der Vergangenheit gab es immer wieder Todesfälle in Kliniken oder Pflegeeinrichtungen, die für Schlagzeilen sorgten. Im Jahr 2007 wurde eine ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Frau brachte ihre Opfer mit Medikamenten um. Eine Mordserie in Niedersachsen dürfte die wohl größte der deutschen Nachkriegsgeschichte sein: Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv für die Taten blieb unklar. Es sei ihm um die „Gier nach Spannung“ gegangen, so das Gericht damals. Zuvor war Högel bereits wegen weiterer Morde verurteilt worden.


