Die Familie lebt in Dublin, doch in der Ehe kriselt es seit geraumer Zeit. Die Kreuzfahrt, so sagt es später der 47-jährige Apple-Informatiker, ist der verzweifelte Versuch, die Beziehung zu kitten. Die Chinesin, die in Irland als Wedding-Planerin arbeitet, hat ihrem Ehemann zufolge eine Affäre, später tauchen anzügliche Nachrichten von ihrem Handy auf, die das belegen.
Die Besatzung des Schiffes bekommt Xing Lei Li aber kaum zu Gesicht und kann sich auch nach der zwölftägigen Tour durchs Mittelmeer nicht an die kleine Frau erinnern. Denn schon kurz nachdem das Schiff in Rom ablegt – so rekonstruiert es jetzt laut italienischen und irischen Medien die Staatsanwältin Barbara Zuin – soll Daniel B. seine Frau an Bord getötet und die Leiche in einem Koffer über Bord geworfen haben.
Mord und das Vertuschen einer Leiche legt die Staatsanwaltschaft dem Deutschen deshalb zur Last. "Zwei sehr schwere Verbrechen", musste auch sein Anwalt Luigi Conti vor wenigen Tagen zugeben, der seitdem versucht, seinen Klienten über den aktuellen Stand der Ermittlungen und eine drohende Gefängnisstrafe zu informieren. Conti vermutet, dass sich Daniel B. in Deutschland aufhält, möglicherweise sogar in Eberswalde.

Das Paar streitet sich

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat Daniel B. seine Frau schon zu Beginn der Reise umgebracht. Denn schon beim ersten Landgang kam es laut Augenzeugen zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar in einem Geschäft, als er ihr wütend Sandalen vor die Füße warf. Einen Tag später wird Xing Lei Li das letzte Mal beim Abendessen an Bord gesehen, danach nie wieder. Den Ermittlern zufolge tötete ihr Ehemann sie bis spätestens am 13. Februar auf unbekannte Weise.
Doch bislang fehlen Beweise, vor allem die Leiche. Kein Video des internen Überwachungssystems an Bord des Kreuzfahrtdampfers zeigt, ob, wann und wo sich Daniel B. der Leiche entsorgt haben könnte. Stattdessen liefern die Kameras Fotos des Deutschen mit kleinen Kratzern im Gesicht, "als hätten sich jemandes Hände an ihn geklammert, um sich zu verteidigen", heißt es in der italienischen Presse.
Doch Daniel B. bestreitet einen Mord. Er behauptet, seine Frau habe sich von ihm trennen wollen und zurück in ihr Heimatland China gewollt. Gegenüber Psychologen und Ärzten soll sie das behauptet haben. Der Verteidigung liegen Protokolle vor, in denen Xing Lei Li zitiert wird: "Mein Leben in Irland ist wie ein Gefängnis. Ich möchte nach China zurückkehren und die Kinder bei Daniel lassen."
Für den Mordverdächtigen ist seine Frau im Nachhinein "immer eine seltsame Persönlichkeit" gewesen. Vielleicht meldet er sie deshalb nicht als vermisst, obwohl noch nicht einmal ein Drittel der Mittelmeerkreuzfahrt vorüber ist, als sie verschwindet.

Reederei in Rom bemerkt vermissten Passagier

Erst bei der Ankunft in Rom schlägt die Reederei Alarm, als ein Passagier, der an Bord eingecheckt hatte, das Schiff nicht verlässt  –  Xing Lei Li. Daniel B. wird noch am Flughafen in Rom festgenommen, als er mit seinen Kindern, aber wie selbstverständlich ohne Ehefrau mit einem Ryanair-Flug zurück nach Dublin will.
Ende Februar 2017 kommt er in Untersuchungshaft und harrt dort 14 Monate aus, bis sein Anwalt Luigi Conti ihn freikämpft und er zurück nach Dublin zu den Kindern kann. Um die kümmert sich mittlerweile seine chinesische Schwiegermutter, die in Interviews beteuert, es sei "unmöglich", dass Daniel B. ihre Tochter getötet habe.
Zwischendurch scheint der Fall für einen Moment gelöst, als im Hafen von Rimini ein Koffer angeschwemmt wird. In ihm befindet sich eine Frauenleiche, die aber von der Statur her nicht zu Xing Lei Li passt. Wenig später steht fest, dass es sich bei der Toten um ein russisches Modell handelt, das sich zu Tode gehungert haben soll und anschließend von seiner verzweifelten Mutter ins Meer geworfen wurde. Während Daniel B. in Untersuchungshaft sitzt, wird die Tür seines Hauses in Dublin eingetreten und Unbekannte tauschen das Schloss aus. Und wenige Monate nach dem Verschwinden der Chinesin wird deren Kreditkarte auf einer Autobahn in Irland belastet, um die Maut zu bezahlen – Daniel B. kann es nicht gewesen sein.
Nach der Entlassung aus der U-Haft vor zwei Jahren kehrt der Eberswalder zu seinen Kindern und seiner Schwiegermutter zurück. Und rechnet verbal mit Xing Lei Li ab. Sie sei eine grausame Person, die es zuließ, dass er 14 Monate wegen eines Verbrechens im Gefängnis verbracht hat, das er nicht begangen hat.
Auf Facebook postet er Links wie etwa: "Wie kleine Kinder unter der Trennung von ihren Eltern leiden", aber auch den ziemlich fragwürdigen Text: "Die Regierung will in der Presse nur noch den Lübcke-Mord sehen! 1000 andere Morde können verschwiegen werden!" Auf Anfragen dieser Zeitung reagiert der Eberswalder entweder gar nicht oder nur kurz und knapp: "Die Untersuchung ist abgeschlossen, aber noch kein Gerichtstermin" und verweist an seinen Anwalt.
Der ist auch auf der Suche nach ihm, nachdem Daniel B. mit seinen Kindern nicht mehr in Dublin lebt, sondern in Deutschland vermutet wird. Luigi Conti will den schweren Vorwurf der Staatsanwaltschaft nicht weiter kommentieren, "bevor ich nicht mit Daniel gesprochen habe". Ein Wiedersehen in Rom vor dem Strafgericht scheint unausweichlich. Und der Ausgang völlig offen, solange Xing Lei Li nicht auftaucht – tot oder lebendig.