Mythos
: Warum die Charité prominente Patienten aus dem Ausland anzieht

Die Berliner Charité ist nicht erst seit der Behandlung des Kreml-Kritikers Nawalny weltweit als Spitzenklinik bekannt.
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Von Maria Neuendorff
Berlin
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Weltbekannt: Das Bettenhochhaus der Berliner Charite ist hinter dem Reichstagsgebäude zu sehen. In der Klinik wird der russische Oppositionelle Nawalny behandelt. Die Ärzte gehen davon aus, dass der Kreml-Kritiker vergiftet wurde.

Christoph Soeder/dpa

Die Kameras der Fernsehteams aus aller Welt sind auf das Bettenhaus der Charité gerichtet. Seit Tagen harren die Reporter aus, um einen Blick auf  Julia Nawalny zu erhaschen, die jeden Morgen in dem Berliner Uniklinikum verschwindet, um ihren Mann zu besuchen. Mit dem vergifteten Kreml-Kritiker, der immer noch im Koma liegt, wird erneut ein osteuropäischer Oppositioneller in Berlin behandelt, und die Charité rückt wieder einmal in den Fokus der Öffentlichkeit.

Doch warum lassen sich Prominente wie Alexej Nawalny, aber auch anonyme, gut betuchte Patienten aus dem Nahen Osten gerade in dem Berliner Krankenhaus behandeln?

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Koryphäen und Nobelpreisträger

Der Mythos von Europas größter Universitätsklinik reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Friedrich Wilhelm I., der als junger König bei einer öffentlichen Sektion an seinem an Schwindsucht verstorbenen Kammerdiener zugesehen hatte, befahlt 1727, das 1710 gegründete Berliner Pesthaus zum Militärlazarett mit Ausbildungsstätte auszubauen. Im Haus der „Charité“ (Barmherzigkeit) konnte sich fortan Arme wie Reiche behandeln lassen. Für sein Ziel, die am besten ausgebildeten Ärzte, Hebammen und Apotheker aus ganz Europa nach Preußen zu holen, nahm der junge König ordentlich Geld in die Hand.

Die ganz großen Götter in Weiß kamen aber erst, als ab 1810 die Medizinische Fakultät der Universität in Berlin ihren Betrieb aufnahm und in dem Bürgerhospital, in dem auch Ärmeren geholfen wurde, Forschung und Lehre miteinander verbunden wurden.

Über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie wirkten fortan an der Charité. Rudolf Virchow (1821–1902) revolutionierte dort mit seiner Zellenlehre die Krankheitsforschung. Robert Koch (1843–1910) entdeckte in der Charité die Erreger von Milzbrand, Tuberkulose und Cholera. Zu den eher politisch umstrittenen Koryphäen gehörte ab 1927 Ferdinand Sauerbruch (1875–1951), der die Unterdruckkammer für Operationen am offenen Brustkorb und die ersten aktiv beweglichen Prothesenarme für Kriegsveteranen erfand.

Eine wieder zugänglich gemachte Hörsaalruine auf dem riesigen Campusgelände in Berlin-Mitte erinnert noch heute an die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. 90 Prozent der großzügig angelegten Backsteinbauten wurden zerbombt.

Doch in der DDR wollte man den Mythos nicht untergehen lassen. 1951 wurde die endgültige Vereinigung zur ‚Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität’ vollzogen. Nach dem Wiederaufbau kamen eine Geschwulstklinik und eine Hautklinik dazu. Das bekannte Betten-Hochhaus, das nun die Bilder in den Medien prägt, wurde 1982 eröffnet. Von ihm aus hatten Patienten einen herrlichen Blick auf West-Berlin. Auf dem Dach  betrieb die Stasi eine Abhörstation. Dort wurden unter anderem Besprechungen in der Klinik für Innere Medizin mitgeschnitten. Die Wanze befand sich in der Büste des Internisten Theodor Brugsch.

Die moderne Diagnose-Technik sowie Antibiotika durften die Mediziner der DDR-Vorzeigeklinik an der Zonengrenze nicht selten per "Sondergenehmigung“ im Westen bestellen. Frauen mit Risiko-Schwangerschaften wurden generell an die Charité überwiesen. Männer durften erstmals in den großzügigen Räumen bei der Geburt dabei sein. Heute werden Patienten aus Brandenburg mit schweren Herzproblemen per Rettungshubschrauber in die Charité geflogen

Die Uniklinik wurde in diesem Jahr zum achten Mal von 11 000 Ärzten im „Fokus“-Ranking zur besten Klinik Deutschlands gekürt. Auch die US-amerikanische Wochenzeitung Newsweek und das Datenportal Statista haben die Charité auf Platz fünf in der Welt gesetzt, noch vor den Schweizer Spezialhäusern.

Die mittlerweile 17 Charité-Centren umfassen etwa 100 Kliniken und Institute. Ihre rund 9300 Forscher, Professoren, Ärzte und Pflegekräfte kommen aus 111 Nationen. Doch um Kosten zu sparen, wurde das Personal für die Reinigung, die Krankentransporte, die Sterilisation sowie für die Essensversorgung vor Jahren an eine Billigtochter ausgelagert. Gegen die Ungleichbehandlung gingen die Beschäftigten am Mittwoch auf die Straße. Der Fokus der Kameras blieb jedoch weiter auf Alexej Nawalny und seine Frau gerichtet.

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Hilfe für ausländische Oppositionelle

Alexei Nawalny gilt als der im Ausland bekannteste Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Gesundheitszustand des Rechtsanwalts und Bloggers sei ernst, es bestehe aber keine akute Lebensgefahr, teilten die Charité-Ärzte mit, die eine Vergiftung mit Cholinesterase-Hemmer feststellten. Vor zwei Jahren wurde auch Pjotr Wersilow, Mitglied der russischen Polit-Punk-Band Pussy Riot mit schweren Vergiftungserscheinungen in die Charité geflogen. Die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko begab sich 2014 wegen chronischer Rückenprobleme in die Obhut der Berliner Ärzte. Nach einem Schlaganfall war auch der irakische Ex-Präsident Dschalal Talabani (1933–2017) immer wieder Patient der Charité.⇥neu