Neue Podcast-Folge
: Tätern auf der Spur – Encrochat im Kampf gegen den Drogenhandel

PodcastMit Encrochat ist den Ermittlern weltweit 2020 ein Schatz in den Schoß gefallen. Erstmals hatte man direkten Zugriff auf die interne Kommunikation der Drogendealer. Wie fällt die Bilanz in Brandenburg aus? Der Fratelli-Prozess ist ein Beispiel.
Von
Bodo Baumert,
Heike Reiß
Cottbus/Frankfurt (Oder)
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Eines der mysteriösen Encrochat-Handys, die lange als abhörsicher galten.

Sebastian Kahnert/dpa

Ein Handy, das man nicht abhören kann. Ein Kommunikationsdienst, mit dem man unbemerkt weltweit selbst die illegalsten Geschäfte abwickeln kann – ohne die Gefahr, entdeckt zu werden. Das waren die Versprechen, mit denen Encrochat seine Kunden gewonnen hat. Weltweit griffen Kriminelle, vor allem solche des organisierten Verbrechens, auf die Dienste zurück – bis der Traum zerplatzte.

Ab dem Frühjahr 2020 hatten Ermittler aus Frankreich sich Zugriff auf Encrochat verschafft. Die scheinbar abhörsicheren Handys konnten per aufgespieltem Trojaner nun doch ausspioniert werden. Bis zum Sommer 2020, als die Unterwanderung auffiel, kamen die Ermittler so an einen Haufen Daten, direkt aus dem Herzen der organisierten Kriminalität.

Für die Drogenfahnder in Deutschland und anderen Ländern ein Schatz, der vom Himmel fiel. Denn die Franzosen haben ihre Daten über die europäische Polizeibehörde Europol mit allen Ländern geteilt, aus denen Nutzer von Encrochat vorlagen.

So sieht die Encrochat-Bilanz in Europa aus

Europol hat in dieser Woche eine Bilanz der bisherigen Ermittlungen nach Encrochat vorgelegt. Die Daten haben demnach bisher zu mehr als 6500 Festnahmen weltweit geführt. Davon gehörten 197 zur höchsten Kategorie. Fast 900 Millionen Euro seien beschlagnahmt worden, teilte die Ermittlungsbehörde mit.

Europol spricht von einer „Schockwelle“, die durch die Welt der organisierten Kriminalität geschwappt sei. 740 Millionen Euro Bargeld wurden sichergestellt und 155 Millionen auf Konten blockiert. Große Mengen Drogen wurden beschlagnahmt, darunter mehr als 100 Tonnen Kokain, rund 30 Millionen Pillen und andere chemische Drogen, etwa 160 Tonnen Cannabis sowie mehr als drei Tonnen Heroin. Die Ermittler stellten auch über 900 Waffen, fast 1000 Fahrzeuge, 83 Boote und 40 Flugzeuge sicher.

So sieht die Encrochat-Bilanz in Brandenburg aus

Auch in Brandenburg kann sich die Bilanz sehen lassen. Über 100 tatverdächtige Nutzer wurden bisher bei Encrochat und den beiden anderen inzwischen geknackten Krypto-Chatanbietern SkyECC und Anom festgestellt und identifiziert. Rund ein Drittel davon wurde bereits angeklagt und verurteilt, wobei die Freiheitsstrafen von zwei bis neun Jahren und sechs Monaten reichten.

330 Kilo Haschisch, 200 Kilo Marihuana, 24 Kilo Amphetamin und 12 Kilo Crystal Meth konnten alleine 2022 sichergestellt und so dem illegalen Verkauf entzogen werden. „Es ist uns möglich gewesen, einen ganz großen Teil des Dunkelfeldes, was gerade den organisierten Rauschgifthandel in Brandenburg betrifft, aufzuhellen“, sagt der Abteilungsleiter für organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt, Frank Adelsberger.

Zu den spektakulärsten Fahndungserfolgen in der Folge von Encrochat gehören in Brandenburg die Prozesse rund um das Frankfurter Restaurant Fratelli und das Verfahren gegen den Cottbuser Rocker und ehemaligen Boxer Ralf T. (Name von der Redaktion geändert).

Encrochat in Berlin und Brandenburg: Wieder zwei Dealer verhaftet

Weitere Verfahren sind anhängig. Und auch die Ermittlungen der Drogenfahnder gehen weiter. So konnte erst Anfang Juni wieder eine Gruppe hochgenommen werden. Die beiden festgenommenen Männer stehen im Verdacht, mit Drogen im Wert von mehreren Millionen Euro gehandelt zu haben. Sie sollen die Einfuhr der Drogen aus den Niederlanden organisiert und die Ware dann via Encrochat an Zwischenhändler in Berlin und Brandenburg weiter verkauft haben. Insgesamt geht es laut Polizei und Staatsanwaltschaft um mehr als 1000 Kilo Drogen, vor allem Kokain und Marihuana.

Doch trotz aller Erfolge gibt es auch Kritik an den Encrochat-Datenerhebungen. Anwälte versuchen in den Prozessen immer wieder, die Nutzbarkeit vor Gericht infrage zu stellen. Zum einen sei nicht klar, wie die Informationen in Frankreich eigentlich beschafft wurden. Zum anderen handele es sich um eine „anlasslose Massenüberwachung“, für die keine Rechtsgrundlage in Deutschland gebe.

Mehrere Klagen sind beim Bundesverfassungsgericht anhängig. Bisher liegt allerdings nur Entscheidungen des Bundesgerichtshofs vor – und die gehen allesamt davon aus, dass die Encrochat-Daten nutzbar sind.

Encrochat – Fluch oder Segen?

Kritik gibt es allerdings auch auf Polizei-Ebene. Der Leiter der Rauschgiftermittlung beim Hamburger Landeskriminalamt, das vor allem von dem enormen Anstieg des Kokainschmuggels nach Europa betroffen ist, hat kürzlich in der Fachzeitschrift „Der Kriminalist“ von Fluch und Segen der Encrochat-Daten gesprochen. „Ein Meilenstein in der Geschichte der Rauschgiftbekämpfung“, so Oliver Erdmann, der allerdings auch dazu geführt habe, dass „operative Maßnahmen zur Aufklärung tagesaktueller Sachverhalte personell nur noch bedingt leistbar“ waren.

Encrochat – Fluch oder Segen? Erfahren Sie mehr dazu in der neuen Folge unseres Crime-Podcasts „Akte Brandenburg„.

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