ÖPNV
: Folterkammer für die Berliner S-Bahn

Bevor  die neue S-Bahn ab 2021 Fahrgäste durch Berlin kutschiert, wird  sie unter realitätsnahen Bedingungen erprobt.
Von
Ina Matthes
Berlin
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Winter in Wien: Im Klima-Wind-Kanal  muss die S-Bahn der Baureihe 483/484 extremem Wetter standhalten.

Ina Matthes/MOZ

Der Experte für Klimatechnik sitzt in der Steuerwarte der weltweit größten Klimakammer für Schienenfahrzeuge in Wien. An seinem Tisch voller Monitore kann Rosenkranz am Klima in der Kammer drehen – an Temperatur, Feuchte, Wind. Im Minutentakt können Messwerte aufgezeichnet werden. Bei minus 25 Grad muss es die Bahn schaffen, aus dem Stand „aufzuwecken“ wie Rosenkranz sagt. „Sie hat es gut gemacht.“

Der Österreicher ist zuständig für die Tests, die der Zug der neuen Baureihe 483/484 in Wien über sich ergehen lassen muss.  Bevor die neugebaute S-Bahn ab 2021 Fahrgäste durch Berlin kutschiert, wird sie unter realitätsnahen Bedingungen erprobt. „Wir alle haben den Ehrgeiz, ein Fahrzeug auf den Schienen zu sehen, das auf Anhieb funktioniert“, sagt Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn (DB) für Berlin. Die S-Bahn Berlin GmbH, Tochter der Deutschen Bahn, lässt die Züge bauen. Die Vorgänger-Baureihe 481 machte in der Vergangenheit unter anderem wegen Problemen mit den Türen von sich reden – bei den Neuen soll nichts klemmen. Deshalb wurde ein S-Bahn-Zug per Lok und mit Ausnahmegenehmigung nach Wien geschleppt – zum Forschungs- und Testinstitut Rail Tec Arsenal. Das Institut betreibt den mit 100 Metern längsten Klima-Wind-Kanal der Welt. Kälte bis -45 Grad, Hitze bis 60 Grad und bis zu 300 Stundenkilometer starke Stürme können hier simuliert werden.

Die neuen Berliner S-Bahn-Züge der Hersteller Stadler und Siemens müssen Extreme wie beispielsweise -25 Grad Kälte und 45 Grad Sommerhitze aushalten.  Eine „Folterkammer“ für die Fahrzeuge nennt Steffen Obst von  der Stadler Pankow GmbH  den Klimakanal, der bis zu sechs Wagen fasst. Die Temperatur wird über warme oder kalte Luftströme aus mächtigen Gebläsen geregelt. Innerhalb einer Stunde kann sie sich um bis zu zehn Grad ändern. An einer Wand der Röhre sind Dutzende Leuchten angebracht. Damit lässt sich ein Sommertag simulieren, wenn die Sonne aus einer Richtung stärker auf die Bahn strahlt. Dann können Temperaturunterschiede von zwei bis drei Grad zwischen Sonnen- und Schattenseite auftreten.

Düsen an der Decke und Stirnseite sprühen Wassernebel auf den Zug im Klimakanal. Bei minus zehn Grad sind im aktuellen Test an diesem Tag die Frontscheibe und Türen vereist. Öffnen sich die Türen trotzdem? Ziehen die Bremsen  an? Wie arbeiten die Stromabnehmer bei der Kälte? Das gehört zum Funktionstest der Bahn. Mit 350 Mess-Sensoren ist der sogenannte Halbzug mit seinen vier Wagen gespickt. Gemessen wird auch in den Wagen. Kabelschlangen ziehen sich über die Fußböden. Heizmatten auf den Sitzen simulieren die Körperwärme der Passagiere; Wasserverdampfer erzeugen die Luftfeuchte.

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Die S-Bahn-Züge der Baureihe 483/484 werden die ersten in Berlin sein, die eine Klimaanlage besitzen. Weil Tunnel und Unterführungen in Berlin niedrig sind, können die Anlagen nicht auf den Dächern montiert werden, sondern sind teils unter den Fahrzeugen und in den Decken der Wagen untergebracht. Überhaupt sind die S-Bahn-Züge für Berlin mit ihren seitlichen Stromabnehmern in ihrer Konstruktion einzigartig. Das ist bedingt durch die Struktur des Netzes.

Ein Tag kostet bis 30 000 Euro

106 Züge werden für Berlin produziert. Siemens übernimmt die Elektrik, Stadler die Mechanik. Bei Stadler in Pankow werden die Bahnen montiert. Im Gegensatz zu den alten Zügen aus Stahl bestehen die neuen aus Aluminium – um Gewicht zu sparen. Außerdem ist die Front des Führerstandes schräg – das soll notfalls einen besseren Schutz für den Fahrer bieten. So vergrößert sich die Knautschzone. Zehn dieser neuen S-Bahnen gibt es bereits, fünf sogenannte Halbzüge und fünf Viertelzüge. Davon sind einige schon nachts testhalber in Berlin unterwegs. Ein weiterer erduldet das künstliche Wetter in Wien.

Ein Tag Schienenfahrzeug-Folter bei Rail Tec Arsenal kostet bis zu 30 000 Euro.  Der Testbetrieb im Institut mit seinen insgesamt zwei Klima-Wind-Kanälen läuft 24 Stunden, um Kosten zu sparen und die Aufträge schneller abzuarbeiten. „Das Ziel ist,  Grenzen auszuloten,“ sagt Andreas Rosenkranz. Am liebsten ist ihm eigentlich, wenn nicht alles glatt läuft. Unter den genau geregelten Konditionen im Kanal lassen sich Ursachen für Fehler oft einfacher finden als im echten Betrieb mit sich ständig ändernden Umweltbedingungen. Ein Beispiel: Im Führerstand eines Zuges ist es zu kalt, aber die Klimaanlage heizt genug. Im Teststand stellt sich heraus, dass eine Dichtung fehlt und bei Wind kalte Luft in den Führerstand geblasen wird.

Noch rund vier Wochen wird die Berliner S-Bahn im Klima-Wind-Kanal gestresst. Daran schließen sich vier Wochen Auswertung an. Der Klimawandel hat übrigens auch schon erste Auswirkungen auf die Testbedingungen. Lag das Temperatur-Maximum bisher bei 40 Grad sind es jetzt 45 Grad. Wie gut die Klimaanlagen der S-Bahn dann im Winter laufen, können die Heimkehrer von den Silvesterpartys 2021 erfahren. Am 1. Januar 2021 um 4 Uhr soll die neue Bahn am Südkreuz in den regulären Li­nienverkehr starten.

Voll, halb, viertel

Die neuen S-Bahnen sind Halb- und Viertelzüge. Ein Viertelzug besteht aus zwei Wagen. Ein Halbzug setzt sich aus vier Wagen zusammen. Vollzug heißt in Berlin  eine S-Bahn mit acht Wagen.  Die Züge einer Baureihe lassen sich beliebig mit vier, sechs oder acht Wagen zusammenstellen.⇥red