Fern der Heimat und dennoch nah an den Wurzeln: Wenn in den kommenden Tagen das Osterfest gefeiert wird, lebt auch manche sorbische Tradition am anderen Ende der Welt auf. Denn in Australien sind Bräuche aus der alten Heimat bei Nachfahren von Einwanderern genauso beliebt wie in den USA, Kanada oder Südafrika. Sorben folgten im 19. Jahrhundert nicht nur großen deutschen Auswanderungswellen. Auch eine Kirchenreform des preußischen Staates, zu dem große Teile des sorbischen Siedlungsgebietes seit dem Wiener Kongress 1815 gehörten, trieb Angehörige der slawischen Minderheit in die Fremde.
„Während anfangs nur Einzelne ihr Glück in Übersee suchten, wanderten erste Gruppen evangelischer Sorben im Revolutionsjahr 1848 aus“, sagt Trudla Malinkowa, die mit „Ufer der Hoffnung“ das Standardwerk zur Auswanderung der Sorben schrieb. Zunächst galt Australien als Land der Verheißung. Da es mit Glaubensfreiheit in Down Under aber auch nicht zum besten bestellt war, suchten sie ab 1853 vermehrt in Amerika eine neue Heimat und fanden sie vor allem in Texas. Dort entstand das Dorf Serbin, das bis heute die Hochburg amerikanischer Sorben ist und mit dem „Wendish Museum“ ein kulturelles Zentrum hat.

Texas und die Sorben

Anfang der 1990er Jahre hat Malinkowa die sorbischen Texaner besucht und sogar noch Leute getroffen, die rudimentär die Sprache ihrer Ahnen pflegten. Zumindest kannten sie noch ein paar Lieder, Gebete oder Redewendungen. Bis Ende des 19. Jahrhundert seien immer wieder „Nachwanderer“ gekommen, habe es eine „Frischzufuhr“ aus der Lausitz gegeben. „Bis 1916 gab es eine sorbische Schule, bis 1920 Gottesdienst auf Sorbisch“, erzählt Malinkowa. Dann habe man sich vor allem auf Deutsch verständigt, nach dem Zweiten Weltkrieg auf Englisch.
1972 haben Frauen in Serbin den „Wendish Culture Club“ gegründet - als erste Vereinigung von Sorben in Übersee. Daraus entstand später die „Texas Wendish Heritage Society“, die das Privatmuseum betreibt und mehr als 1000 Mitglieder hat. „Sie pflegt Brauchtum, macht Ahnen- und Kulturforschung. Dort werden auch sorbische Ostereier gestaltet und Trachten geschneidert“, berichtet Malinkowa. Auch die „Wendish Noodles“ stammen von hier: „Die sind der große Renner. Da werden althergebrachte Gerichte zubereitet - so wie früher in der Lausitz.“

Sorben in Australien

Etwas anders stellt sich die Lage in Australien dar. Hier leben sorbische Nachfahren nicht so konzentriert wie in den USA, sondern auf zwei Bundesstaaten verstreut - South Australia und Victoria. Viele haben sich gemeinsam mit Deutschen im Barossa-Tal nahe Adelaide angesiedelt. Letztlich habe alle sorbischen Auswanderer ein Ziel verbunden, sagt Malinkowa. „Ihr Streben war die eigene Scholle, der eigene Hof, die Freiheit.“ Fast alle seien Farmer geworden.
Vor zweieinhalb Jahren ist Trudla Malinkowa nach Australien gereist und hat auch Betty Huf getroffen, Präsidentin der „Wendish Heritage Society Australia“ in Melbourne. 2020 wollten die Australier zum traditionellen Osterreiten in die Lausitz kommen, doch die Corona-Pandemie machte einen Strich durch die Rechnung. Nun soll 2022 ein neuer Anlauf folgen - zum 800-jährigen Jubiläum der Gemeinde Hochkirch. Betty Huf wohnt in Victoria in einem kleinen Ort, der einst von sorbischen Auswanderern aus Hochkirch gegründet und auch so genannt wurde. Heute heißt er allerdings Tarrington.

Tradition lebt von Begegnung

Tradition lebe immer dann auf, wenn sich Menschen begegnen, sagt Dawid Statnik, Vorsitzender des Bundes Lausitzer Sorben (Domowina): „Die Sorben in Texas haben in diesem Jahr "Vogelhochzeit" gefeiert, das war eine der wenigen Veranstaltungen zu diesem Anlass, die es überhaupt gab.“ Es sei wichtig, Traditionen und Sprache zu pflegen. Das gelte für Sorben in der Heimat genauso wie für jene in der Fremde. „Wenn Menschen ihre Sprache und ihre Bräuche mitnehmen, wird aus etwas Regionalem etwas Weltumspannendes. Die Menschen nehmen sich etwas mit und behalten es wie einen Schatz.“
Die Domowina hat auch Mitglieder im Ausland - so wie die Societies in den USA und Australien. „Nachfahren sorbischer Auswanderer gehören schon viele Jahre ganz selbstverständlich zu unserer Gemeinschaft“, sagt Clemens Schkoda, der als Referent der Domowina für Kultur und Ausland so etwas wie der sorbische Außenminister ist. Nun hofft er auf eine schnelles Ende der Pandemie, um die Verbindungen wieder besser pflegen zu können. Trudla Malinkowa hat unterdessen dafür gesorgt, dass die australischen Sorben die aus Texas getroffen haben.
Statnik vergleicht die Sorben mit den Japanern. Die würden auch in einem ultramodernen Land leben und seien trotzdem sehr der Tradition verhaftet. „Wir sind das Japan Europas“, sagt der Domowina-Chef und sieht noch eine andere Parallele. Schließlich klinge „Ja“ auf Sorbisch wie Japanisch gleich: „Haj“ und „Hai“, meint er nicht ganz bierernst. Eines steht für Statnik aber fest. Traditionen helfen dabei, die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln in einer globalisierten Welt zu stillen. „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“, zitiert er einen bekannten Spruch.
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