Performance
: Probeliegen im gläsernen Sarg

Wie Schneewittchen fühlt man sich in der neuen Ausstellung der Klosterruine in Mitte. Dort kann man im gläsernen Sarg probeliegen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Wie Schneewittchen: Höhepunkt der neuen Installation in der Ruine der mittelalterlichen Franziskaner Klosterkirche ist ein gläserner Sarg, den Besucher besteigen können.

Christoph Soeder/dpa

Die Vorstellung, sich einmal die Radieschen von unten anzuschauen, ist für die meisten Menschen bedrückend. Doch wer sich wie Schneewittchen in den gläsernen Sarg legt, der zwischen alten, halb verfallenen Klostermauern von Künstlern aufgebahrt wurde, sieht am blauen Himmel die Wolken vorbeiziehen. Blätter zappeln fröhlich an den Bäumen, die zwischen den jahrhundertealten Ruinen emporragen. Statt beklemmt fühlt es sich paradiesisch an. „Es geht darum, sich mit dem Tod ein bisschen anzufreunden“, sagt Solvej Helweg Ovesen.

Sie ist Kuratorin der neuen Ausstellung  „Playground – for accepting your mortality“, die am Freitagabend auf dem idyllischen Areal an der Klosterstraße in Mitte eröffnet wurde. Regelmäßig im Sommer lädt die Berliner Kulturverwaltung zeitgenössische Künstler ein, den offenen Raum im zerstörten Kirchenschiff der Franziskanerkirche, nur eine U-Bahnstation vom Alexanderplatz entfernt,  zu gestalten.

In dieser Sommersaison drehen sich Ausstellungen, Performances und Konzerte um den mittelalterlichen Garten als Ort der Transformation. Im 16. Jahrhundert war das Kloster voller Leben. Nach der Vertreibung der Franziskaner­-Mönche während der Reformation übernahm der Hofarzt, Astrologe und Alchemist Leonhard Thurneysser das Gotteshaus und gründete Berlins erste Druckerei, aber auch ein Kuriositätenkabinett sowie einen botanischen Garten, in dem er zahlreiche medizinische und tropische Pflan­zen kultivierte. Im Mittelalter suchten Alchemisten, wenn sie nicht gerade mit Goldherstellungsversuchen beschäftigt waren, nach Rezepten für ein Jugendelixier.

Daran angelehnt hat das Künstlerduo Katrīna Neiburga und And­ris Eglītis zusammen mit Janis Novis einen Alchemisten-Garten geschaffen. Aus Kisten ranken Farne, die über ein goldenes Bewässerungssystem versorgt werden. In dem kleinen Stadtgarten können sich Besucher auf ökologischen Massagematten ausruhen. Die Skulpturen, wie ein sich umarmendes Paar, sind aus Torf. „Ein vergängliches Material, das sich in den viereinhalb Monaten der Ausstellungsdauer verändern bis auflösen wird“, erklärt Solvej Helweg Ovesen, die auch Leiterin der Galerie Wedding ist und mit den Künstlern schon auf internationalen Biennalen zusammengearbeitet hat.

Für die Berliner Klosterruine wollten das lettische Künstlerduo nun ein „Spielplatzlabor“ schaffen, in dem jeder seine Todesängste mit der Unsterblichkeit an dem Tor des Grauen Klosters ablegen könne und eher entspannende und lebensbejahene Erlebnisse hat.

Besucher können sich auf einem mehrstufigen Holzpodest mit jungen Birken niederlassen, das sich wie ein Karussell dreht. Es symbolisiert den Kreislauf des Lebens. Wer sich mit seiner eigenen Kraft bewegen will, kann auf eine Art Kanzel steigen und auf einem Stepper Sport treiben. Die begehbare Skulptur, die zum Mitmachen einlädt, sei ein ironischer Fingerzeig zum Körperkult und Fitnesswahn, mit denen der Mensch seine eigene Vergänglichkeit aufhalten will, erklärt die Kuratorin.

Mehr zu Achtsamkeits-Übungen als zur Gymnastik fordert eine Frauenstimme auf, die an der Kirchenmauer aus goldfarbigen Lautsprecherscheiben leise Anweisungen gibt. Ganz ohne Körper kommt die Skulptur zwei Schuhe aus, die ein Toter zurückgelassen hat. Sie stehen auf einem gespannten Netz über dem alten Steinboden. Auch darauf können sich die Besucher der kostenlosen Open-Air-Ausstellung niederlassen und über Gott und den Tod philosophieren. Oder einfach nur wie in einer Hängematte die Seele baumeln lassen und das Leben genießen.

Sommersaison mit Konzert

Die kostenlose Ausstellung in der Berliner Klosterruine ist bis zum 31. Oktober zu sehen und wird im Laufe des Sommers noch mit Skulpturen und Installationen anderer Künstler angereichert. Dazu gibt es Konzert-Abende mit Meditations- und Elektromusik, bei denen die faszinierende Kulisse dann auch während der Dämmerung zu erleben ist. Die Konzerte finden am 7. Juni., 27. Juli. und 17. August jeweils ab 18 Uhr statt. Die barrierefreie Klosterruine befindet sich an der Klosterstraße 73a in Mitte am U-Bahnhof Klosterstraße und ist  Montag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.⇥neu