Pilotprojekt: Mehr Platz für Radfahrer in Berlin

Soll fahrradfreundlicher werden: Auch die Oberbaumbrücke, eine der meistbefahrenen Radfahrstrecken Berlins, soll im kommenden Jahr einen auf drei Meter verbreiterten Radweg erhalten. Am Halleschen Ufer in Kreuzberg ist das inzwischen geschehen.
Paul Zinken/dpaDer grün regierte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nutzt den Aufwind gleich für ein Verkehrsexperiment und gibt Radfahrern auf dem vielbefahrenen Halleschen Ufer sowie auf der Zossener Straße mehr Platz auf den Fahrbahnen. An diesem sonnigen Freitag sind allerdings weder viele Autos noch viele Fahrradfahrer auf den sonst eher staugeplagten Strecken unterwegs.
Das Hallesche Ufer, das sich neben Hochbahn und Kanal schlängelt, ist für Radfahrer sonst eher ein gefährliches Pflaster. Der neue Radweg ist nun so breit wie die Fahrbahnspuren für Autos. Noch wirkt alles provisorisch und kann schnell wieder entfernt werden. Eine gelbe Klebemarkierung trennt den Radweg vom restlichen Verkehr. Zusätzlich wurden Warnbarken aufgestellt und weiße Fahrrad-Piktogramme auf das Pflaster gesprüht.
Nur wenige hundert Meter weiter wurde auf der Zossener Straße ein bestehender Radstreifen auf der Fahrbahn ebenfalls zu Lasten der Autospur verbreitert. "Das Pilotprojekt in Kreuzberg soll bei Interesse auch auf andere Bezirke ausgeweitet werden“, teilen die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr und das Bezirksamt mit.
„Mit dem Rad zu fahren, ist gerade in der Corona-Krise gut, um Ansteckungsrisiken zu vermeiden, zwingend nötige Wege zurückzulegen und sich an der frischen Luft sportlich zu betätigen“, heißt es. Zudem sollen die Maßnahmen den öffentlichen Nahverkehr entlasten, damit das Abstandsgebot in S- und U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen leichter einzuhalten sei.
Der Fahrradclub ADFC schätzt, dass bis zu einem Drittel der Menschen, die während der Corona-Krise notgedrungen auf das Rad umsteigen, auch danach dem Rad treu bleiben könnten. Städtische Mieträder können jetzt mehrfach am Tag 30 Minuten lang gratis ausgeliehen werden. 43 Prozent der Einwohner haben jetzt schon kein eigenes Auto mehr. „Das hat großes Potenzial, neue Mobilitätsroutinen zu etablieren und die Städte von unnötigen Autofahrten zu entlasten“, freut sich ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork.
„Pilotversuche in der Corona-Krise machen wenig Sinn“, findet dagegen der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Berlin, Oliver Friederici. Die Kontaktsperre habe zu einer deutlichen Verkehrsentlastung der Straßen geführt, so dass Radler jetzt mehr als genug Platz hätten, um Ansteckungsgefahren zu vermeiden.
Doch es gab auch schon vorher Pläne für breitere Radwege. So soll die Oberbaumbrücke, eine der meistbefahrenen Radfahrstrecken Berlins, ebenfalls auf drei Meter verbreiterte Radwege erhalten. Dort soll der Kfz-Verkehr künftig in beide Richtungen nur noch einspurig geführt werden.
„Künftig müssen Kfz-Fahrer/-innen einen Mindestüberholanstand von innerorts 1,5 Meter und außerhalb von Ortschaften zwei Meter beim Überholen von Radfahrenden einhalten“, erklärt die Berliner ADFC-Sprecherin Lisa Feitsch. Die Verordnung soll demnächst verabschiedet werden. „Dass in der Corona-Krise auch 1,5 m als Abstand zwischen den Menschen zum Schutz vor Ansteckung empfohlen wird, hat damit natürlich nichts zu tun“.
Doch auch die Umsetzung des Pilotprojekts in Kreuzberg innerhalb von nur drei Tagen sei laut Feitsch sportlich. „Das passierte in einem Tempo, das wir sonst so nicht kennen.“