PolAndRock: Dunkle Wolken über Küstriner Rockfest

Ohne ihn kaum denkbar: Jurek Owsiak, der das Festival „Haltestelle Woodstock“ vor 25 Jahren ins Leben rief, spricht dort über eine Leinwand zu den Teilnehmern. Anfang August jeden Jahres versammeln sich dort Hunderttausende.
Lech MuszynskiDie Ermordung des Danziger Bürgermeisters beschäftigt weiterhin ganz Polen. Auch das Festival „PolAndRock“ in Kostrzyn, das von der Stiftung veranstaltet wird, bei deren Sammlungsaktion der Politiker am Sonntag erstochen wurde, ist betroffen. Denn deren langjähriger Chef Jerzy Owsiak erklärte jetzt seinen Rücktritt.
„Wir haben immer gesagt, dass sich unsere Hilfsaktion lohnt, wenn auch nur ein Menschenleben dadurch gerettet wird. Jetzt ist aber einer unserer besten Freunde ausgerechnet bei unserer Veranstaltung getötet worden.“ Es waren bewegende Worte, mit denen der schwer gezeichnete Jerzy („Jurek“) Owsiak am Montag in Warschau seinen Rücktritt als Direktor des „Orchesters der Großen Weihnachtshilfe“ bekanntgab. Kurz zuvor war der Danziger Stadtpräsident Pawel Adamowicz an den Messerstichen verstorben, die ihm ein 27–jähriger Mann am Abend zuvor auf der Bühne des „Weihnachtsorchesters“ in der Ostseestadt zugefügt hatte.
Die brutale Tat sei eine Folge der hasserfüllten Auseinandersetzungen, von denen die polnische Gesellschaft immer mehr geprägt sei, erklärte Owsiak. Er selbst erhalte seit Jahren über das Internet Hasskommentare und Drohungen, „gegen die die Polizei und andere Behörden unseres Landes nichts unternimmt“. Mitarbeiter der Stiftung wolle er dennoch bleiben.
Das charitative Weihnachts–Orchester“, an dem sich Hundertttausende Spender und vor allem jugendliche Freiwillige beteiligen, hat seit seiner Gründung 1993 mehr als eine Milliarde Zloty (fast 250 Millionen Euro) gesammelt. Sie wurden vor allem für die Anschaffung medizinischer Geräte in Krankenhäusern verwendet. Genau wie die Spendensammlung ist auch das Rockfestival im Grenzort Kostrzyn, das als Dank für die Helfer organisiert wird und viele Jahre unter dem Namen „Haltestelle Woodstock“ bekannt war, zum Symbol für das weltoffene, liberale Polen geworden. Ist es doch ein Ort, an dem junge Leute aus verschiedenen Ländern ihre Sehnsucht nach Solidarität, Liebe und einer guten Welt ausleben.
Gerade wegen dieser Liberalität ist das Weihnachts–Orchester der national–konservativen Partei PiS, die seit 2015 im Nachbarland regiert, jedoch ein Dorn im Auge. Hatten in früheren Zeiten Staatsoberhäupter wie Lech Walesa oder Bronislaw Komorowski (letzterer in Begleitung des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck) das Festival besucht, wurde es von den neuen Herrschern als Sicherheitsrisiko gebrandmarkt. Auch um zu verhindern, dass in Brandenburg lebende Flüchtlinge an dem Ereignis teilnehmen, waren seit 2016 immer höhere Sicherheitsauflagen gegen die Veranstalter erlassen worden, statt sie wie früher zu unterstützen.
Zudem wird Owsiak seit Jahren vorgeworfen, dass er angeblich in die eigene Kasse wirtschafte. 2017 wurde er von einem Gericht in Slubice zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er Innenminister Mariusz Blaszczak, der das Festival zum Sicherheitsrisiko mit Terrorgefahr erklärt hatte, öffentlich als Lügner bezeichnet hatte.
Nach dem Attentat auf den Danziger Bürgermeister stellte das Staatliche polnische Fernsehen sofort die Frage, wie der mit einem Messer bewaffnete Täter auf die Bühne in Danzig gelangen konnte. „Die Veranstalter waren offenbar nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen“, stellte ein Kommentator in den Raum, der dabei auf das Sommerfestival in Küstrin verwies. Inzwischen ermittelt dazu die Generalstaatsanwaltschaft.
Ob das Rockfestival in Küstrin angesichts solcher Umstände eine Zukunft hat, erscheint momentan offen. „Es soll auch in diesem Jahr wieder stattfinden, das hat mir Jurek gestern am Telefon versichert. Zumal es das 25. Festival wäre, also ein Jubiläum.“ Das berichtet Zdzislaw Garczarek, Leiter des Kulturhauses in Kostrzyn, der ein Freund von Owsiak ist. Garczarek hat am Sonntag auch wieder die örtliche Spendenaktion in Kostrzyn geleitet, bei der mehr als 100 000 Zloty von polnischen und deutschen Spendern zusammen kamen.
Mittlerweile ist aus der Trauer um den Danziger Stadtpräsidenten eine Solidaritätswelle mit Owsiak entstanden. Unter dem Motto „muremzaowsiakiem“ (wie eine Mauer hinter Owsiak) solidarisieren sich Tausende mit dem 65–Jährigen. „Jurek, wer wenn nicht Du, und wann, wenn nicht jetzt, kann uns allen klar und deutlich machen, dass das Böse nicht siegen darf“, heißt es in einem Appell, dem sich Prominente wie das Topmodell Anja Rubik oder die Schauspielerin Krystyna Janda angeschlossen haben. Auch die Witwe des ermordeten Adamowicz rief am Mittwoch alle Gäste an der für Sonnabend geplanten Beerdigung ihres Mannes auf, statt Blumen mitzubringen, lieber Geld für das Weihnachtsorchester oder ein Danziger Hospiz zu spenden. „Ich bin mir sicher, dass mein Mann gewollt hätte, dass Jerzy Owsiak weiter an der Spitze des Weihnachtsorchesters stehen würde“, sagte sie.