Politische Bildung: Das vergessene Nationaldenkmal

Gedenken an die Anfänge der Demokratie: Eine Schülerin steht vor dem Mahnmal für die Märzgefallenen. Der Friedhof an der Landsberger Allee soll nun ein Bildungszentrum bekommen.
Maria Neuendorff„Ein Drittel der Menschen, die am 18. März 1848 für ein besseres Leben auf die Straße gingen, waren junge Leute“, sagt Friedhofsleiterin Susanne Kitschun. Lehrlinge, Handwerker und Arbeiter, auch Frauen, die im richtigen Moment den Mut gehabt hätten, ihr Leben für soziale Verbesserungen und Freiheitsrechte einzusetzen. Kitschun sieht den Friedhof der Märzgefallenen deshalb als einen Ort demokratischer Traditionsbildung. Ein Lernort der europäischen Demokratie sozusagen, der zusammen mit der Frankfurter Paulskirche und der Festung Rastatt symbolisch für die Ideale der Revolutionäre von 1848 steht.
Doch die Denkmale und Grabstätten für die 255 Freiheitskämpfer erklären sich nicht selbst. Um den Friedhof zu einem politischen Lernort zu machen, laufen derzeit die Planungen für ein dreistöckiges Besucherzentrum. Wunschtermin sei das Jahr 2023, wenn die Märzrevolution 175-jähriges Jubiläum feiert, berichtet Kitschun, die sich seit Jahren mit ihrem Paul Singer Verein um die Entwicklung des historischen Areals an der Landsberger Allee, nur ein paar Tram-Stationen vom Alexanderplatz entfernt, kümmert. Die Kosten von sechs Millionen Euro für das Besucherzentrum, für das Ende des Jahres der Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden soll, wollen sich Bund und Land teilen. „Doch offen ist noch, mit welchem Geld danach der Betrieb finanziert werden soll“, berichtet Kitschun. Die 150 000 Euro, die der Verein jährlich für die Bespielung der Gedenkstätte von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa bekommt, würden nicht ausreichen, den europaweit einmaligen Ort als Denkmal von nationalem Rang aufzuwerten.
Erschreckende Parallelen
Die Schulklassen, die jetzt schon regelmäßig anreisen, können sich derzeit in einem 30 Meter langen Seecontainer informieren. In dem temporären Infocenter mit Bildern, Dokumenten und Biografien wird die Berliner Märzrevolution in einen nationalen und europäischen Kontext gesetzt. Manches kommt einem erschreckend bekannt vor, wenn zum Beispiel beschrieben wird, wie im Zuge der Industrialisierung Handwerker zu verarmten Tagelöhnern werden, während die gehobenen Schichten in den protzigen Schinkel-Bauten über Gott und die Welt philosophieren. „Die Forderung nach Brot, Frieden und Freiheit ist heute noch aktuell“, hat ein Besucher in das Gästebuch der provisorischen Ausstellung geschrieben. „Lasst uns aus den Kämpfen der Vergangenheit für heute und die Zukunft lernen.“
www.friedhof-der-maerzgefallenen.de
Eindrücke einer Schülerin
Im Geschichtsunterricht sind wir gerade erst bei Napoleon angelangt. Von der Märzrevolution erfuhr ich das erste Mal in dem extra dafür umgebauten Container auf dem Friedhof in Berlin. Mein erster Eindruck war erst einmal ernüchternd. Alles wirkte ein bisschen verlassen und klein. Dieser Eindruck täuschte jedoch. Trotz meiner Unwissenheit verstand ich sofort, worum es ging. Der Container bot auf wenig Platz viele interessante Informationen. Alles ist leicht verständlich erklärt, auch für Jugendliche.
So konnte ich sehr viel mitnehmen und kann jedem einen Besuch des Containers empfehlen, um mehr über unsere Geschichte zu erfahren. Die Märzrevolution ist auch deshalb sehr interessant, weil sich vieles wiederholt. Auch heutzutage gehen Jugendliche auf die Straße, um für ihre Zukunft zu kämpfen.
Felicitas, 14 Jahre, aus Müllrose und Schülerpraktikantin bei der MOZ
