Porträt: (K)eine Schnapsidee - vom Alkohol-Konsum in der DDR

Im Doppelpack: Thomas Kochan und Katrin Miketta betreiben das Geschäft Schnapskultur in Berlin.
René Wappler/LRSchnapskultur. So heißt das Geschäft, das Thomas Kochan in der Berliner Immanuelkirchstraße betreibt. Er lebte in Cottbus, bis im Jahr 1989 die Mauer fiel. Er arbeitete als Estrichleger, studierte Ethnologie, schrieb eine Doktorarbeit über Alkoholkonsum in der DDR. Dann eröffnete er den Laden in Berlin, in dem er gemeinsam mit seiner Frau Katrin Miketta Spirituosen in aller denkbaren Vielfalt verkauft.
Kindheit in Cottbus
Heute ist er 51 Jahre alt, doch er erinnert sich noch lebhaft an seine Kindheit in Cottbus. An den Opa in Schmellwitz, der sonntags sein Grundstück beackerte und dann am Nachmittag in die Runde fragte: Wollen wir nicht noch einen kleinen Cognac trinken? Ein Ritual, kein Rauschmittel. So erzählt es Thomas Kochan.
Während seines Studiums der Ethnologie fiel ihm auf, dass es keine wissenschaftliche Literatur über den Alkoholkonsum in der DDR gab. Also forschte er selbst nach.
Aus seiner Arbeit geht hervor: Der durchschnittliche DDR-Bürger trank im Jahr 23 Flaschen Schnaps, also Weinbrand, Klaren oder Likör. Das entsprach 16,1 Litern. Der VEB Nordbrand Nordhausen entwickelte sich gegen Ende der 70er-Jahre zum größten Spirituosenhersteller Europas. Doch beim Konsum reinen Alkohols lagen die Westdeutschen noch im Jahr 1988 vorn. Sie tranken im Jahr durchschnittlich 11,8 Liter, während ihre Brüder und Schwestern im Osten auf 11 Liter kamen.
Zwar vermittelten die vollen Schnapsregale in den Geschäften der DDR das Bild vom trinkfreudigen Ostdeutschen. Doch dieses Bild führt in die Irre, wie der Ethnologe Thomas Kochan sagt. Wein habe im Osten keine große Rolle gespielt. Bier sei eher ein Getränk zum Durstlöschen als ein Genussmittel gewesen. Im Westen sei es umgekehrt gewesen. Bier und Wein dominierten demnach den Markt in der Bundesrepublik, während Schnaps eher eine Nische besetzte. So erklärt sich auch die Tatsache, dass der Konsum reinen Alkohols bei den Menschen in beiden Staaten fast gleichauf lag.
Den Nischenmarkt bedient Thomas Kochan nun mit seinem Geschäft in Berlin. Ein Kunde sagt: „Ich brauche ein Geburtstagsgeschenk, bin da nicht so festgelegt, um die 50 Euro.“ Thomas Kochan erkundigt sich: „Für einen jungen Menschen? Einen älteren?“ Der Besucher antwortet: „In meinem Alter.“ – „Whisky, Rum, Cognac?“ – „So was, ja.“ Der Inhaber sagt: „Ich zeige Ihnen einfach mal von jeder Kategorie ein Produkt.“
Seine Frau Katrin Miketta kennt sich ebenso gut aus im Geschäft wie er. Eines Tages wunderte sie sich, weil die Kunden plötzlich Unmengen von einem Kräuterlikör aus dem Sortiment kauften. Bald erfuhr sie vom Grund für das Interesse, der auf das berühmte deutsch-amerikanische Magierduo Siegfried & Roy zurückgeht. Roy Horn erzählte in Medienberichten, eben dieser Kräuterlikör habe dazu beigetragen, dass es ihm trotz seiner schweren Verletzungen nach dem Angriff eines Tigers wieder relativ gut gehe. Das lasen so viele Leute, dass auch die Berliner Schnapskultur von der Nachfrage profitierte.
Ein Mal im Jahr veranstalten Katrin Miketta und Thomas Kochan gemeinsam mit Freunden und Geschäftspartnern ein Craft-Spirit-Festival. Sie schwärmen von der Vielfalt der Besucher: Berliner Punks, finnische Bauern, bayerische Mönche.
Gutes Thema für Partygespräche
Auch für Partygespräche eignet sich das Thema, dem sich Thomas Kochan für seine Doktorarbeit widmete. Schon während der Forschung stellte er fest, dass die Leute gern in ihren Erinnerungen kramten und ihm bereitwillig davon erzählten. Manche Leute sagen zu ihm, niemals könnten sie in einem Laden arbeiten, der Schnaps verkauft, das sei doch viel zu gefährlich, wegen der Versuchung und so.
Doch tagsüber spielt der Alkohol für Thomas Kochan nur als Geschäftsgrundlage eine Rolle, wie er versichert. Abends trinkt er schon ganz gern mal Schnaps, dann aber nur ein kleines Glas, zwei Zentiliter. Wie einst sein Großvater nach der Sonntagsarbeit.