Privatisierung: Treuhand traumatisiert noch heute
Christa Luft, die Wirtschaftsministerin in der letzten DDR-Regierung 1989/1990, und Hans Modrow, DDR-Regierungschef von November 1989 bis April 1990, eilt sonst nicht der Ruf voraus besonders emotional zu sein, doch bei einer Veranstaltung der Firma Rohnstock Biografien in Berlin-Prenzlauer Berg, berichten beide über das Zustandekommen der Treuhand.
Mit ihnen zusammen diskutieren Walter Siegert, Finanzminister in der Modrow-Regierung, Christa Bertag, frühere Generaldirektorin des Kosmetik-Kombinats Berlin und Dieter Knoch, Chefökonom im Ministerium für Chemie und nach 1990 Direktor beim Bankhaus Löbbecke.
Christa Luft macht deutlich, dass es zwei Ideen zur Treuhandanstalt gegeben hat. Die erste stammte aus der Zeit der Maueröffnung und die zweite entstand nach den Volkskammerwahlen im März 1990 und setzte sich durch. Ursprünglich hatte die Regierung Modrow, zusammen mit den Vertretern des Runden Tisches eine Institution gründen wollen, die das Volkseigentum schützt und im Interesse der Allgemeinheit verwaltet.
Mit dieser „Sturzgeburt“, wie Luft das Konzept nennt, sollte eine soziale und ökologische Marktwirtschaft auf dem Boden der DDR begründet werden. Doch es kam anders. Die Wahlen im März gewann die Allianz für Deutschland, angeführt vom Christdemokraten Lothar de Maiziere. Das Ziel der neuen Regierung und das von Millionen DDR-Bürgern war die schnelle Einführung der D-Mark. Nichts konnte den Prozess aufhalten, auch nicht die alten Verbündeten Sowjetunion oder die Warschauer-Pakt-Staaten. Hans Modrow machte in einem hochemotionalen Beitrag deutlich, wie enttäuscht er vom Verhalten der sowjetischen Führung war. Die DDR und alles was daran hing, sei „verraten und verscherbelt worden“ sagt der 91-Jährige voller Bitterkeit noch heute. Vor allem am damaligen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, lässt Modrow kein gutes Haar. Dem sei es in den Jahren ausschließlich darum gegangen, vom Westen Ansehen und Gelder zu erhalten. Auch an die damalige Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl hat der frühere SED-Bezirkschef von Dresden keine guten Erinnerungen.
Auf der einzigen gemeinsamen Sitzung beider Regierungen im Februar 1990 in Bonn, habe Kohl sie als „Pleite-Brüder und -Schwestern“ bezeichnet. In späteren Verhandlungen sei der damalige Finanzstaatssekretär und spätere Bundespräsident Horst Köhler mit dem Spruch: „in der ostdeutschen Wirtschaft muss auch mal Blut fließen und es muss gestorben werden“, aufgefallen.
Christa Bertag kämpft auch fast 30 Jahren später mit den Tränen, wenn sie berichtet, wie die, von der Treuhand organisierte Privatisierung ihres Betriebes vorgegangen sei. „Meine Kündigung als Direktorin erhielt ich per Post, in dem Schreiben wurde ich dazu aufgefordert das Kombinat aufzulösen,“ erinnert sich die 76-Jährige. Sie war in der DDR eine von vier Frauen, die die Position eines Generaldirektors bekleidete. Noch demütigender war ihre Einbestellung zur Treuhand Berlin. „Dort wurde ich von einem pensionierten Richter aus Baden-Württemberg befragt, es fühlte sich an wie ein Verhör“, sagt Bertag. Die Treuhand gilt vielen DDR-Bürgern immer noch als eine „erinnerungskulturelle Bad Bank“, wie Constantin Goschler und Marcus Böick, Historiker von der Ruhruniversität Bochum, sie einmal genannt haben. Vom 1. Juli 1990 bis zum 31. Dezember 1994 hatte die Treuhand 23 500 Unternehmen bearbeitet, 19 500 wurden privatisiert, die anderen geschlossen – oder wie es damals hieß – abgewickelt. Zusätzlich wurden 25 000 Geschäfte oder Gaststätten privatisiert und 42 000 Liegenschaften verkauft. Die Einnahmen beliefen sich auf 67 Milliarden D-Mark, das Defizit auf schätzungsweise 200 Milliarden D-Mark. Die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben übernahm die verbleibenden Tätigkeiten, vor allem die Kontrolle der abgeschlossenen Privatisierungsverträge.
Die Runde im Prenzlauer Berg ist der Ansicht, dass „viel früher Licht in dieses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte gehört“ hätte. Denn anders als die Stasi-Unterlagen, kann erst seit 2017 ein sehr kleiner Teil der Treuhand-Papiere überhaupt eingesehen werden. Der Großteil der 35 000 Treuhand-Akten lagert bis heute in einem privaten Logistikdepot in Großbeeren südlich von Berlin. Die meisten sollen noch bis 2020 unter Verschluss bleiben – das Bundesfinanzministerium ist an einer früheren Öffnung nicht interessiert und verweist auf die Rechtslage. Das Bundesarchivgesetz ermöglicht die Öffnung der Akten frühestens nach 30 Jahren.
Allerdings hatte das Bundesarchiv vor etwa drei Jahren mit der Sichtung einzelner Treuhand-Akten begonnen. Die Arbeiten unterstützen ein Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ). Finanzen kommen ausgerechnet von dem für die Treuhand-Hinterlassenschaften zuständigen Bundesfinanzministerium.
Weitere Informationen zu Veranstaltungen und Projekten der Rohnstock Biografien: https://www.rohnstock-biografien.de/category/veranstaltungen/


