Psychische Krankheiten
: Von Sucht bis Burnout – so finden Sie Ihre Online-Selbsthilfegruppe

Marie-Louise Gusmann, Psychologin aus Berlin, hat eine digitale Plattform für Selbsthilfegruppen entwickelt. Ihr Antrieb waren neben beruflichen auch persönliche Erfahrungen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Psychisch krank: Nachdem Torsten aus der Klinik entlassen wurde, fällt er in ein tiefes Loch. Das Leben rauscht nur noch an ihm vorbei. Wie eine Psychologin aus Berlin Menschen wie ihm online helfen will. (Symbolbild)

Karl-Josef Hildenbrand

Als Torsten (47) im Februar 2023 aus der Klinik entlassen wurde, fiel er gleich wieder in ein tiefes schwarzes Loch. Der IT-Berater war wochenlang wegen einer schweren Depression sowie einer posttraumatischen Belastungsstörung aus der Kindheit stationär aufgenommen worden. Die Ärzte rieten ihm bei der Entlassung zu einer Intervall-Behandlung. Der nächste Klinikaufenthalt sollte erst wieder 2024 stattfinden.

Zu Hause erfuhr Torsten, dass seine Therapeutin, bei der er sich wenigstens einmal wöchentlich alles von der Seele reden konnte, krank war und danach in den Urlaub ging. „Da ist es mir ganz schnell wieder ganz schlecht gegangen. Ich war quasi nicht überlebensfähig“, schildert er. Obwohl er mit seiner Frau zusammenlebt, zog er sich komplett zurück. „Ich lag nur noch stupide auf der Couch vor dem Fernseher oder spielte mit dem Handy.“

Einfacher Zugang zu Online-Selbsthilfegruppen

Beim Googlen nach Online-Hilfen stieß er auf „we.together“, eine digitale Plattform für Selbsthilfegruppen, und wurde einer ihrer ersten Nutzer. We.together war Anfang 2023 so etwas wie ein Testballon für die neue Plattform groupera.de, die Mitte Dezember startete und mit der künftig laut Betreiber jedem der Zugang zu Online-Selbsthilfegruppen ermöglicht werden soll.

Marie-Louise GusmannGusmann hat an der MSH Medical School Hamburg Psychologie studiert und sich in Berlin mit ihrer Plattform „Groupera" selbstständig gemacht, mit der sie Selbsthilfegruppen vermittelt und bei der Gründung unterstützt.

Jan Remek

Gegründet hat sie Marie-Louise Gusmann, eine junge Psychologin in Berlin. Sie selbst ist mit dem Thema Sucht aufgewachsen. Ihre Mutter ist Alkoholikerin und seit neuneinhalb Jahren trocken. Ob sie deswegen den Weg als Psychologin eingeschlagen hat, kann die 25-Jährige gar nicht genau sagen. „Unterbewusst vielleicht schon, aber das ist mir erst im letzten Semester klargeworden.“

Plötzlich ist man raus aus der „Klinikblase“

Im Zuge ihres Studiums machte die junge Frau Praktika in der Jugendabteilung einer Entzugsklinik in Hamburg sowie in einer Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Bayern. „Dort kam ich erstmals mit Patienten in Kontakt, die mir von ihrer Angst vor dem Entlassenwerden berichteten“, erzählt Gusmann. „Die Betroffenen leben dort ja in einer Art Klinikblase. Ihnen wird viel abgenommen, damit sie sich um sich selbst kümmern können. Doch wenn sie nach Hause kommen, ist sofort der Alltag da und sie sind wieder auf sich alleine gestellt. Die Wohnung sieht noch so aus, wie sie sie verlassen haben, und das war häufig nicht schön.“

Die Psychologin weiß: Gerade im ländlichen Bereich haben Menschen, die von den spezifischen psychischen Erkrankungen wie Sucht, Depressionen, Angst- und Essstörungen betroffen sind, häufig wenig Angebote. „Auch die Wartezeiten auf Therapien liegen derzeit bei rund 20 Wochen, und nach einer stationären Behandlung findet in vielen Fällen keine Anschlusstherapie statt“, erklärt die Expertin. „Der Therapiefortschritt geht so häufig schnell wieder verloren, sodass 21 Prozent der Menschen, die an schweren Depressionen leiden, im gleichen Jahr wieder eingewiesen werden“, erklärt Gusmann.

Sie überlegte, wie man den Patienten den Weg nach Hause erleichtern könnte. Die zündende Idee kam ihr in der Pandemie. Ihre Mutter, die bis dato schon jahrelang eine Selbsthilfegruppe besuchte, organisierte in der Corona-Zeit Video-Meetings mit den Teilnehmern. „Ich dachte, diese Möglichkeit müssten doch alle haben.“

Um ihre Idee umzusetzen, zog die gebürtige Hamburgerin nach Berlin. „Weil hier Start-Up-Gründer die besten Bedingungen vorfinden“, erklärt sie. Nach langen Recherchen, Businessplänen und der Suche nach den richtigen Mitstreitern und Partnern wird sie inzwischen auch vom Land Berlin unterstützt.

Charité Berlin ist mit im Boot

So hat das Start Up ein sechsmonatiges Stipendium bekommen, bei dem unter anderem auch die Berliner Charité mit im Boot ist. In einem kleinen Büro in der „Startup Villa“ der Freien Universität Berlin tüftelt die Gründerin mit ihrem mittlerweile vierköpfigen Team an der neuen Webseite. Was die Plattform von ähnlichen Angeboten zum Beispiel der AOK unterscheidet, ist, dass Nutzer vor allem auch selbst neue Gruppen erstellen können.

Damit sind auch der Bandbreite keine Grenzen gesetzt. So gibt es auf dem Groupera-Portal zum Beispiel eine Parkinson-Gruppe. „Diese Krankheit hatte ich erst gar nicht auf dem Zettel, aber das macht total Sinn, weil die Betroffenen häufig mobil sehr eingeschränkt sind“, so Gusmann. Zudem hätte eine Therapeutin der Adula Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Obersdorf, mit der sie inzwischen auch kooperiert, die Gründung einer Gruppe für Sektenaussteiger*innen angeregt, da es für diese Personengruppe deutschlandweit fast keine Angebote gebe.

Depression, Burnout und Essstörungen

Die Mitgliedschaft auf dem Groupera-Portal ist im ersten Monat kostenlos. Wer danach weiter dabeibleiben will, muss dann monatlich 9,95 Euro zahlen. Der Mitgliedsbeitrag sei nötig, weil sich die Plattform auch nach dem Ende des Stipendiums finanzieren müsse, erklärt die junge Gründerin. „Langfristig ist aber unser Ziel, dass der Betrag von den Krankenkassen übernommen wird.“

Dafür stehen den Groupera-Mitgliedern auch zwei ausgebildete Psychologen zur Seite, die Gruppen in der Startphase mitbetreuen. Online, mit festen Zeiten, sind bisher Gruppen zu Depression, Trauer und Verlust, Burnout, Essstörung, Sucht, Angehörige, chronische Erkrankungen und Angst- und Panikstörung. Die Groupera-Experten haben zudem ein Programm zu den einzelnen Krankheiten sowie einen allgemeinen Leitfaden erstellt.

„Wir sind die Hauptrolle in unserem Leben und nicht unsere Erkrankung“, heißt es zum Beispiel in Punkt 12. Ansonsten gibt es allgemeine Regeln, an die sich die Teilnehmer halten müssen. „Dazu gehört unter anderem, dass man die Kamera wenigstens zu Beginn des Meetings eingeschaltet haben muss und sich keine weiteren Personen mit im Raum aufhalten dürfen“, erklärt Andrea Gusmann.

Die Mutter der Start-Up-Gründerin betreut nun selbst die Online-Suchtgruppe. Dass sie so lange abstinent leben kann, habe sie vor allem auch dem regelmäßigen Austausch mit anderen Betroffenen zu verdanken, erklärt die 57-Jährige. Um in einer Welt, in der fast überall Alkohol konsumiert werde und der Wodka teilweise billiger sei als das Schwarzbrot, dauerhaft trocken zu bleiben, brauchte man Hilfs-Rituale, die einen regelmäßig erden, meint Andrea Gusmann. Wenn sie in der Selbsthilfegruppe auf Neulinge trifft, die vor kurzem noch getrunken haben oder rückfällig geworden sind, ist es für sie Ansporn, achtsam mit sich umzugehen. „Ich sage mir dann: Dahin willst Du nie wieder kommen.“

Spaß im Leben auch ohne Alkohol

Umgekehrt ist die lebenslustige Frau, die wieder berufstätig ist, Familie und Freunde hat und gerne zu Konzerten geht, Vorbild für andere. „Ich möchte den Menschen zeigen, dass man auch ohne Alkohol Spaß am Leben haben und die innere Leere auch ohne dieses Gift füllen kann“, sagt die Hamburgerin. Wie schwer allerdings der Weg dahin ist, weiß sie selbst. „Ich musste zusätzlich noch an anderen Schrauben drehen.“

„Selbsthilfegruppen können eine Therapie nicht ersetzen“, betont auch Marie-Louise Gusmann. „Aber für viele Betroffene macht es Sinn, sich mit anderen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und so ein besonderes Verständnis für die Krankheit aufbringen.“

Ein Austausch auf Augenhöhe eben. Das meint auch Torsten. „Ich muss mich nicht verstellen, sondern, treffe auf Leute, die zu mir sagen: ,Ich kann das nachvollziehen, was Du sagst. Ich weiß genau, wovon du redest.‘“ Dazu sei ein Online-Meeting, bei dem auch keiner gezwungen wird, etwas zu sagen, ein besonders niederschwelliges Angebot. „So habe ich die Zeit bis zu einem zweiten Klinikaufenthalt im Juni irgendwie überbrücken können“, berichtet Torsten. „Ich weiß nicht, was geschehen wäre, hätte ich das nicht gehabt.“

Im neuen Jahr will der IT-Experte einen neuen Job antreten. Auch dabei könnte ihm der Austausch in den zwei Online-Selbsthilfegruppen, denen er beigetreten ist, helfen. „So kann ich direkt fragen: Wie habt Ihr den Wiedereinstieg erlebt? Worauf habt Ihr besonders geachtet?“