Qualifizierung: Firma in Wendisch Rietz bildet Mitarbeiter in der Corona-Krise weiter

Wo Ärzte lernen: Bei "Medizin im Grünen" in Wendisch Rietz trainieren Chirurgen neue Operationstechniken an Modellen. Viele der Mediziner kommen aus dem Ausland. (Symbolbild)
Felix Kästle/dpaIn dem Haus am Scharmützelsee bilden sich Ärzte weiter. Chirurgen üben in modernen OP-Sälen die Transplantation von Organen. Intensivmediziner lernen den Umgang mit spezieller Beatmungstechnik, Entwickler testen neue Medizintechnik in den Laboren.
Fast zwei Drittel der Seminarteilnehmer kommen nicht aus Deutschland. Viele reisen aus den USA oder Japan an. Sie blieben bereits aus, als die Pandemie Europa noch nicht getroffen hatte. „Seit Anfang März haben wir erhebliche Einbrüche in allen Geschäftsbereichen, bis fast zum Stillstand“, sagt Dr. Heiko Ziervogel, der Geschäftsführer. Ziervogel schickte seine 12 Mitarbeiter in Kurzarbeit – und zum Englischkurs.
Das Unternehmen ist eine der wenigen Firmen in Ostbrandenburg, die die Krise derzeit für eine geförderte Weiterbildung nutzen. „Es gab nur eine Handvoll Anfragen“, bestätigt Jochem Freyer, Vorsitzender der Geschäftsführung der zuständigen Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder). Die Agentur finanziert Weiterbildung über das Qualifizierungschancengesetz. Das ist auch bei Unternehmen in Kurzarbeit möglich. Die Kosten der Kurse werden anteilig und bei Kleinstfirmen komplett übernommen. Die Bundesregierung hat mit dem Arbeit-von-morgen-Gesetz im Mai die Konditionen noch einmal verbessert.
180 Stunden online
Das Thema Sprachkurs habe man im Unternehmen stets vor sich hergeschoben, sagt Heiko Ziervogel. Obwohl der Wunsch, im Englischen souveräner zu werden, schon lange bestand. "Auf einmal war die Zeit da.“ Alle zwölf Angestellten lernen nun seit Mai online Wirtschaftsenglisch. Projektmanagerin Monika Roch (26) will ihr Schulenglisch auffrischen und ausbauen. Gelernt wird in kleinen Gruppen, erzählt sie. Mitunter sind auch Ausländer dabei, die mit einem anderen Akzent sprechen. Das sei sehr hilfreich. Viele der Kunden, die Monika Roch betreut, sind keine Englisch-Muttersprachler. „Ich lerne sehr viel. Und es macht Spaß“, sagt die junge Frau, die den Kurs für sich als Chance sieht. Insgesamt 180 Stunden Englisch absolviert sie bei einem Anbieter aus Berlin. Ein Jahr ist dafür Zeit; am Ende gibt es ein Zertifikat. Sie kann gemeinsam mit dem Anbieter festlegen, wann sie lernt. Und sie freut sich, dass sie im Homeoffice auf diese Weise auch mit Kollegen zusammenkommt. Dazu gehört Marco Miethe, der im Unternehmen für Kommunikation zuständig ist. Er hatte mehrere Jahre englisch studiert und mit Muttersprachlern zusammengelebt. Umgangssprachlich ist er fit. Wirtschaftsenglisch sei neu für ihn. „Da lerne ich jetzt viel dazu“, sagt er.
Der Kurs wird als berufsbegleitende Qualifikation gefördert. Für drei Mitarbeiter, die älter als 50 Jahre sind, trägt die Agentur für Arbeit die Kosten komplett. Für die übrigen neun zur Hälfte. Knapp 6000 Euro investiert das Unternehmen nach eigenen Angaben selbst.
E-Learning als Ergänzung
Etwa drei Wochen hat es gedauert, bis alle Formalitäten erledigt waren, erzählt Ziervogel. „Das ist eine Zeit, mit der kann man leben." Es habe einen engen Kontakt zur Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder) und in Fürstenwalde gegeben. Ziervogel, der als Geschäftsführer nicht gefördert wird, macht mit. „Es ärgert mich, dass ich nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen bin." Er sieht den Kurs als Gewinn für die Firma. „Wir haben den Anspruch, gute Gastgeber zu sein.“ Das Englischlernen verbessere auch die Chancen der Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt. „Weiterbildung ist eine clevere Investition in schwierigen Zeiten" , findet er. Auch die Digitalisierung sei damit im Unternehmen endgültig angekommen.
Nach den Lockerungen der letzten Zeit kehren die ersten Kunden zurück. Ziervogel überlegt, Online-Formate künftig selbst zu nutzen. E-Learning könnte im Weiterbildungsangebot für seine Kunden eine größere Rolle spielen – als Ergänzung und Unterstützung. Aber eine neue OP-Methode, die kann der Chirurg nicht virtuell lernen. Das geht nur in echter Handarbeit.
Qualifizierungschancengesetz
Dieses Gesetz bietet Arbeitnehmern erweiterte Möglichkeiten sich weiterzubilden. Bei Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten übernimmt die Bundesagentur für Arbeit die Kosten für die Weiterbildung komplett. Bei Unternehmen mit zehn bis 249 Mitarbeitern werden bis zur Hälfte der Kosten dafür erstattet; bei Firmen bis 2499 Mitarbeitern sind es bis zu einem Viertel der Bildungsausgaben. Das neue Arbeit-von-morgen-Gesetz, das im Mai verabschiedet wurde, verbessert diese Förderung nochmals. Demnach steigen die Fördersätze beispielsweise um weitere zehn Prozentpunkte, wenn größere Teile der Belegschaft qualifiziert werden müssen.⇥ima