Queer in Polen: Kirche in Poznan – wie ein schwuler Bischof Tabus und Traditionen bricht

Poznań: Bischof Tomasz Puchalski ist schwul und somit Teil der queeren Community in Polen. Seine Sexualität hat nicht nur seinen Glauben beeinflusst, sondern auch, wie er die Werte der römisch-katholischen Kirche betrachtet.
Johannes LeichsenringDie Luft ist schwülheiß, die Nachmittagssonne brennt erbarmungslos auf Asphalt und Häuserwände. In Poznań sind es fast 30 Grad. Bischof Tomasz Puchalski bereitet sich während der Sommerhitze auf die bevorstehende Sitzung vor. Er leitet eine Kirchengemeinschaft, die allen Menschen ein Zuhause bietet – auch queeren Personen, die der römisch-katholischen Kirche üblicherweise ein Dorn im Auge sind.
„Ich glaube, dass das Christentum im Grunde eine sehr offene und queere Religion ist“, sagt Bischof Puchalski und lächelt dabei herzlich. „Christentum begann gewissermaßen damit, dass Jesus Menschen um sich versammelte, die von der Gesellschaft ausgestoßen und ungeliebt waren.“
In einer kleinen Kellerwohnung nördlich des Stadtzentrums begrüßt er regelmäßig die Mitglieder seiner Reformierten Katholischen Kirchengemeinde. Sie zählen sich zu den Alt-Katholiken.
Kirche in Poznan: schwul und Bischof zugleich
Auf einer Seite des Raumes steht ein Altar mit weißer Tischdecke, zwei Kerzen und einem Kreuz darauf. Dahinter thront ein großes Holzkreuz, darin eingearbeitet ein Abbild von Jesus Christus. Verschiedene Gemälde und Zeichnungen religiöser Figuren schmücken die Wände. Holzstühle zum Sitzen sind im Raum verteilt.
Eine bekannte christliche Tugend ist es, bescheiden zu sein und so zu leben. Genau jene spiegelt sich im Raum wider. So könnte man auch Tomasz Puchalski beschreiben: bescheiden, warmherzig. Schwarze, markenlose Schuhe, schwarze Hose, lilafarbenes Hemd mit weißem Kollar.
Um den Hals trägt der 37-Jährige ein schlichtes, breites Holzkreuz. Ein Geschenk seiner Gemeinde. An seinem Finger ein silberner Ring, der ebenfalls ein Kreuz abbildet. Was Kleidung nicht verraten kann, ist seine Sexualität. Der katholische Bischof ist nämlich schwul.

Links ist der Altar und das Kreuz mit der Jesus-Abbildung zu sehen. In dem ausgebauten Keller in Poznań finden wöchentlich Gottesdienste für Anhänger der reformierten katholischen Kirche von Tomasz Puchalski statt.
Johannes Leichsenring„Damals im katholischen Kindergarten in meiner Heimatstadt Gniezno war ich in einen anderen Jungen verliebt“, beginnt er zu erzählen. Sein Blick geht kurz nach unten, während er nachdenkt. Dann huscht wieder ein warmes Lächeln über seine Lippen, welches er immer wieder an diesem Nachmittag zeigen wird.
„Ich träumte davon, ihn zu heiraten, also gingen wir zu einer der Nonnen, um uns segnen zu lassen.“ Sie wies ihn ab, so etwas sei unmöglich. „Da habe ich gesagt, wenn sie uns nicht segnet, dann finde ich einen anderen.“ Tomasz und sein Freund ließen sich schließlich damals im Kindergarten von einer gemeinsamen Freundin segnen.
„Das war schon ein kleiner Skandal“, erinnert sich der Bischof heute. Für ihn war das der Moment, in dem er merkte, dass seine Interpretation des Glaubens anders war als die der anderen – zumindest als die der Schwester im Kindergarten. „Ich war sehr darauf konzentriert, ein guter römisch-katholischer Christ zu sein.“
In seiner Schulzeit wurde beschlossen, dass er Franziskanermönch werden soll. Er durfte schwul sein, aber sollte es nicht „ausleben“. Also ein Leben im Zölibat. Die Kirche riet ihm zu beten - vielleicht würde Gott ihn ändern.
Bischof in Poznan hinterfragt Kirche und Werte
Puchalski sagt, er sei behütet aufgewachsen. Familie und Freunde hätten ihn immer unterstützt. Doch seine Sexualität brachte ihn dazu, die Werte seiner alten römisch-katholischen Kirche infrage zu stellen. „Von da an begann ich, nach der Wahrheit zu suchen. Ich las andere religiöse und biblische Studien. Vieles aus den USA und der lutherischen Kirche“, erzählt der Bischof.
„Es gibt heute viel mehr Wissen und Erkenntnisse. Wir können die Bibel viel besser verstehen als noch vor 100 Jahren. Wir können unsere Ansichten und Werte anpassen“, fügt Puchalski mit Nachdruck hinzu. Vor allem das letzte Wort betont er stärker.
Für ihn steht fest, dass Homophobie keinen Platz mehr haben darf. Auf dieser Grundlage entstand auch die Idee, eine Kirchengemeinschaft zu gründen, die offen und tolerant für alle ist. 2007 brachten er und seine Freunde den Stein ins Rollen.
Justizminister von Polen fechtet die reformierte Kirche an
13 Jahre kämpften Puchalski und seine Mitstreiter dafür, dass ihre Gemeinschaft offiziell als Kirche registriert wird. Dann war ihr Ziel erreicht. Wenige Monate später erschien ein Artikel in der „Rzeczpospolita“, einer der größten Zeitungen Polens, in dem stand, dass die neu gegründete Kirche nun im Auftrag des Staates gleichgeschlechtliche Ehen segne und traue.
„Was nicht stimmt. Der Staat beauftragt uns nicht“, fügt der Bischof hinzu. Es klingt verärgert. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen und er runzelt kurz die Stirn, ehe er sich wieder fängt.

Tomasz Puchalski ist seit 2020 ins Amt des Bischofs von seiner Gemeinde in Poznań gewählt worden.
Johannes LeichsenringDem damaligen polnischen Justizminister Zbigniew Ziobro reichte der Artikel, um die Kirchengemeinde und ihre Registrierung anzufechten. Vier Jahre dauerte der Rechtsstreit. Gewonnen haben Tomasz Puchalski und seine Kirche.
Die Gemeinde wählte ihn am 22. August 2020 zum Bischof. Mittlerweile haben sie fast 200 Mitglieder und wachsen weiter. Neben seiner Tätigkeit als Bischof geht Puchalski dennoch einem normalen Lohn-Job nach.
„Das ist ein wichtiges Zeichen. Nicht nur für uns, sondern für alle Kirchengemeinden, die sich weiterentwickeln wollen“, betont der Bischof. Für ihn sei es wichtig, einen sicheren Ort zu schaffen. In Polen gebe es sehr gute queere Organisationen, so Puchalski.
Er selbst und seine Kirchenmitglieder nehmen auch an den Prides in Polen teil. Dieses Jahr gab es für die Pride in Poznań einen eigenen Gottesdienst mit über 60 Teilnehmern. Beim CSD in der Stadt (auf Polnisch „Gleichheitsmarsch“ genannt) war es laut Puchalski die größte Gruppe von Pfarrern aus Polen in der Geschichte des ganzen Landes.
Als schwuler Bischof einer reformierten katholischen Kirche gehört der 37-Jährige zu einer absoluten Minderheit, auch wenn er selbst sein Lebenswerk eher als Selbstverständlichkeit betrachtet. „Vielleicht war es schon immer meine Bestimmung, queere Paare zu segnen“, scherzt er. Grübchen bilden sich um seine Augen beim Lachen.
„Es gibt heroische Menschen, die für Veränderungen kämpfen, und das ist bewundernswert. Aber es gibt auch genug Menschen, die einfach nur leben und so akzeptiert werden wollen, wie sie sind“. Dafür gibt es seine Kirche. Hier müsse man nicht für seine Menschenrechte kämpfen. Puchalskis Blick schweift durch den Raum. Er schaut auf die Uhr, denn der Nachmittag geht langsam in den Abend über.
Kirche und Religion sollten nicht diskriminieren
Als der Bischof schließlich die massive Holztür des Kellers öffnet, um ein wenig frischere Luft hereinzulassen, wartet draußen bereits einer seiner Gemeindemitglieder. Im Gegensatz zu Tomasz Puchalski trägt dieser allerdings kurze Hosen, Sandalen und ein luftiges Hemd.
Seine Wangen sind gerötet. Es ist immer noch heiß. „Wir sind Christen, wir sollten niemanden diskriminieren. Denn das wäre gegen Gottes Schöpfung. Er hat uns so geschaffen, wie wir sind“. Der Bischof begrüßt den Wartenden und lässt ihn in den kleinen Raum hinein.
Wer Bischof Puchalski direkt hören möchte, kann die Podcast-Folge 11 aus „Musste Wissen! - Das Brandenburg-Update“ abrufen.



