Rechtsmedizin Frankfurt (Oder)
: Tod als Beruf – Dr. Voß über seinen schwersten Fall

Der Zettel am Zeh und ein Hang zum Finsteren: Ein Rechtsmediziner aus Frankfurt (Oder) räumt mit gängigen Klischees über die Arbeit mit dem Tod auf – seine Aussagen sind unerwartet.
Von
Wiemke Reiners,
Nicole Buhlau
Frankfurt (Oder)
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Rechtsmediziner Dr. Harald Voß hat auch nach XX Jahren noch Spaß an seinem Job.

Der Rechtsmediziner Dr. Harald Voß hat auch nach über 40 Jahren noch Spaß an seinem Job. Hier steht er am Sektionstisch mit einem Messer zum Öffnen von Körpern. Kann man nach so einem Arbeitstag noch Krimis schauen?

Wiemke Reiners
  • Rechtsmediziner Dr. Harald Voß aus Frankfurt (Oder) räumt mit Klischees über seinen Beruf auf.
  • Seit 40 Jahren im Beruf, arbeitet er an der Außenstelle des Landesinstituts für Rechtsmedizin.
  • Prägende Fälle: Mord an neun Babys in Brieskow-Finkenheerd und Untersuchungen zu Todesursachen.
  • Voß trennt Beruf und Privatleben: „Ich nehme nichts mit nach Hause“ – keine Krimis, lieber Waldspaziergänge.
  • Moderne Rechtsmedizin: CT-Untersuchungen, toxikologische Tests und Präzision bei Todesursachenanalyse.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein dunkles Labor, in der Mitte ein glänzender Tisch aus kaltem Metall. Darauf eine starre, blasse Leiche. Todesursache: unbekannt. Eine Person mit konzentrierter Miene beugt sich über das Opfer. Sofort wird ihr klar: Hier handelt es sich um Mord.

Gerichtsmediziner werden in Film und Fernsehen oft als düstere Personen dargestellt, die eine morbide Faszination für das Thema Tod an den Tag legen. Mit einer kühlen und analytischen Art, die vor allem durch ihre grausamen Fälle herrührt, dienen sie der Polizei als wissenschaftliche Berater und übernehmen die Rolle von Detektiven, wenn es um die Todesursache eines Opfers geht.

So zumindest die medial geprägte Vorstellung. Trifft man den Rechtsmediziner Dr. Harald Voß wird schnell klar, dass dies nicht unbedingt der Realität entspricht.

Der Weg des Rechtsmediziners begann in der DDR

Voß ist ein ruhiger und humorvoller Mensch, der viel lacht. Er wirkt unbeschwert, scheint immer einen lockeren Spruch auf den Lippen zu haben.

„Ich wollte nichts anderes werden, von Anfang an nicht“, antwortet Voß auf die Frage, warum er sich für diesen speziellen Beruf entschieden hat. Als er damals erfuhr, dass er Medizin studieren könne – „zu DDR-Zeiten war es ja noch ein Dürfen“, wirft er ein – sei ihm die Richtung sofort klar gewesen.

Brandenburgisches Landesinstitut für Rechtsmedizin – Außenstelle Frankfurt (Oder)

Organisatorische Zusammenarbeit: Abstimmung mit der Hauptstelle in Potsdam bei personellen Engpässen und Untersuchungen, die vor Ort nicht möglich sind (z.B. toxikologische und DNA-Untersuchungen).

Einzugsgebiet: östlicher Bereich Brandenburgs. Untersuchung der Leichen zentral in Frankfurt (Oder).

Ausstattung und Technik: Komplett ausgestattet für Leichen- und körperliche Untersuchungen, Möglichkeit für CT-Untersuchungen.

Sechs Jahren Medizinstudium folgten fünf Jahre Facharztausbildung in der Rechtsmedizin. Jeweils ein halbes Jahr davon verbrachte Voß in der Pathologie und der Psychiatrie. Seit fast 40 Jahren ist er in dem Beruf tätig. Seitdem nach der Wende die Institute in Potsdam und Frankfurt (Oder) zusammengelegt wurden, arbeitet Voß an der Außenstelle.

Merkwürdig habe in seinem Umfeld diesen Berufswunsch niemand gefunden, erinnert er sich. Nur von seinem Vater hätte Voß sich öfter einen Spruch anhören müssen: „Ich hätte ja gerne gehabt, dass er ein richtiger Arzt wird“, zitiert er ihn lachend.

Rechtsmediziner: „Ich nehme nichts mit nach Hause“

Harald Voß schafft es, den Beruf geradezu leicht aussehen zu lassen. Natürlich gebe es immer mal wieder Fälle, über die er länger nachdenkt, aber das sei nichts, was ihn persönlich belastet. Wie verarbeitet er das?

„Indem ich die Tür zuschließe. Ich gehe raus, mache die Tür zu und es bleibt alles hier drin“, sagt und lässt den Blick durch seinen Untersuchungsraum schweifen. „Ich nehme nichts mit nach Hause“. Was andere in der Branche lernen müssen, kann er von Anfang an.

Haken, Kelle, Hammer und Messer - diese Instrumente benutzt Harald Voß bei seiner Arbeit.

Scheren, Kelle, Hammer und Messer - diese Instrumente benutzt Harald Voß bei seiner Arbeit im Sektionssaal der Rechtsmedizin in Frankfurt (Oder).

Wiemke Reiners

In dem Untersuchungsraum des Rechtsmediziners steht neben seinem Schreibtisch auch eine Liege. Hier werden Verletzungen von (lebenden) Personen untersucht und manchmal auch fotografiert, zum Beispiel bei Verdacht auf Vergewaltigung oder Kindesmisshandlung. Außerdem werden Abstriche für DNA-Untersuchungen wie Vaterschaftstests gemacht.

„Für die Kinder habe ich die Dinger hier einmal gekauft“, sagt der Rechtsmediziner und deutet auf kleine Plüschtiere, die auf einem Absatz an der Wand stehen. „Manche Kinder wollen sich nicht untersuchen lassen. Wenn man ihnen dann sagt, sie dürfen sich was mitnehmen, ist es leichter.“

Facharzt untersuchte Babyleichen-Fund in Brieskow-Finkenheerd

Natürlich sei es nicht einfach, wenn ein Kind mit eindeutigen Verletzungen vor einem sitzt, „aber jemand muss es machen“, sagt Voß bestimmt. „Kann ja auch zu einem guten Ende führen, insbesondere für das Kind.“

Bei einem seiner krassesten Fälle waren auch Kinder involviert. Genauer gesagt Babys. „Den Mord in Brieskow-Finkenheerd werde ich nie vergessen“, sagt Voß ernst. Er habe einen Anruf von der Mordkommission erhalten, es wurden kleine Knochen in einem Blumentopf gefunden.

„Ich wurde erst mal gefragt, ob es vielleicht eine Katze ist“, erinnert er sich. Er habe gesagt: „Tut mir leid, das ist ein Mensch.“ Anschließend habe er mit den Beamten weitere Gefäße ausgeleert – Eimer, Töpfe, ein Aquarium. „Letztendlich waren es dann neun Tote, neun Neugeborene“, sagt er leise.

Rechtsmediziner aus Frankfurt (Oder) schaut keine Krimis

Bei solchen Fällen scheint es logisch, dass Voß kein Fernsehen schaut – schon gar keine Krimis. Auch, wenn sein Grund ein anderer ist: „Das ist rausgeschmissene Zeit, muss ich ehrlich sagen.“ Der Mediziner gehe lieber mit seinen Hunden im Wald spazieren.

Rechtsmediziner Harald Voß und seine Hunde

Rechtsmediziner Harald Voß und seine Hunde – wenn er Zuhause ist, schaltet er ab, abseits von der Arbeit in Frankfurt (Oder).

Harald Voß

Bei einem seiner prägendsten Fälle ging es auch um Hunde, und zwar um einen Windhund, der schon drei Wochen vergraben unter der Erde lag und dementsprechend stank. Dessen Besitzer aus Frankfurt (Oder) hatten Zweifel daran, dass er auf natürlichem Weg verstorben ist. Und sie hatten recht: Der Mediziner stellt fest, dass das Tier von einem Zug erfasst wurde.

Ganz so schlimm wie bei diesem Fall rieche es aber nicht immer. Kaliumcyanid (Blausäure) zum Beispiel riecht wie Bittermandel, weiß Harald Voß. Generell gilt: „Bevor wir irgendetwas feststellen können, riechen wir es erst mal.“

Meistens ermittelt Voß Todesursachen, die schwer nachweisbar sind. Im Gegensatz zu früher gibt es heute Methoden, mit denen man tödliche Gifte feststellen kann. Der Rechtsmediziner nennt als Beispiel K.-o.-Tropfen.

‚Je früher, desto besser‘ gilt auch in der Rechtsmedizin

„Es gibt auch Todesursachen, die wir nicht finden“, schildert der 63-Jährige. Dazu zählen Krankheiten wie epileptische Anfälle oder Herzrhythmusstörungen. Wenn der Mediziner so etwas vermutet, kann er nur andere Todesursachen ausschließen oder Gewalteinwirkungen feststellen. Generell sollte die Leiche so früh wie möglich auf dem Seziertisch landen. Umso mehr kann man über Todesursache und Zeitpunkt herausfinden.

Ablauf einer Sektion

Öffnung des Körpers: Öffnung des Kopfs, Brust- und Bauchhöhle, Sezierung des Gehirns.

Vorbereitung: Feststellung der Todesursache und Planung der Sektion je nach Fall (plötzlicher Tod, Unfall oder Tötungsdelikt).

Untersuchung der Organe: Organe werden entnommen, untersucht und anschließend wieder in den Körper zurückgelegt. Bei Bedarf werden kleine Gewebeproben für nachträgliche Untersuchungen entnommen und eingefroren.

Spezialuntersuchungen: Bei Unfällen – Präparation von Rücken, Armen und Beinen zur Rekonstruktion des Unfallhergangs. Bei Tötungsdelikten oder Stürzen aus der Höhe – Genaue Untersuchung von Haut, Fettgewebe, Muskulatur und Knochen.

Schließen und Rekonstruieren des Körpers

Nicht nur der Rechtsmediziner und sein Job sind anders als im Fernsehen dargestellt. Voß schmiert sich weder gut riechende Pasten unter die Nase, noch trägt er ein Tuch vor dem Gesicht. Das Butterbrot wird nicht neben der Leiche gegessen und das Radio bleibt aus.

Und was ist mit dem berühmten Zettel am Zeh? Den gibt es so ähnlich immer noch. Heute ist es ein roter Streifen, der um das Fußgelenk gebunden werden – fast wie ein Festivalarmband.