Regionale Konzepte: Osten braucht bessere Bildung
Das schnelle 5G–Funknetz braucht Deutschland nicht flächendeckend. Zuerst müsse es in den Städten entstehen, sagt Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz–Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). In dem Bericht zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands seit dem Mauerfall, der am Montag vorgestellt wurde, sehen die Forscher die Städte als Wohlstands–Zentren. „Wir müssen in den Städten investieren und sehen, wie wir mit dem Land umgehen,“ meint Gropp. Dafür müssten lokale Strategien entwickelt werden. Den Begriff Land sieht sein Kollege Gerhard Heimpold differenziert: Im Umland großer Städte wie Berlin ist Entwicklung fast ein Selbstläufer. Hier müsste es unter anderem um die Einrichtung gemeinsamer Gewerbegebiete gehen. In anderen Regionen, wie zum Beispiel Eisenhüttenstadt, hat sich Industrie entwickelt. Da ist es aus Sicht der Forscher unter anderem wichtig, dass die Energiepreise nicht zu sehr steigen. Fraglich ist für Heimpold aber, wie es mit entlegenen Regionen weitergehen soll, wo die Bevölkerung schrumpft. Dort sei es vor allem für ältere Menschen oft besser, in die Mittelzentren zu ziehen. Für Gropp ist es ein Fehler, weiter so wie bisher auf gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land zu bestehen. Ländliche Räume müssten für sich definieren, was sie attraktiv macht und diese Vorzüge stärken.
Handlungsbedarf sehen die Experten vor allem in der Bildung im Osten. Hier ist der Anteil der Schulabbrecher besonders hoch – annähernd doppelt so groß wie in den westdeutschen Ländern. Bundesweit verließen 2016 rund 5,7 Prozent der Absolventen die Schule ohne einen Hauptschulabschluss. Im Landkreis Prignitz waren es 14,2 Prozent — Negativrekord im Osten. Am besten schnitt hier Potsdam ab mit 3,6 Prozent.
„Die Bildungsausgaben müssen auf allen Ebenen erhöht werden“, sagt Gropp. Aus Sicht der Forscher braucht es eine bessere Ausstattung der Schulen, Lehrer müssten sich mehr um Problemfälle unter den Schülern kümmern können, frühkindliche Bildung gestärkt werden. Aber auch lokale Hochschulen seien für die Entwicklung der Wirtschaft wichtig. Vor allem deshalb, weil im Osten zunehmend Fachkräfte fehlen. Bis zur Jahrtausendwende lag der Anteil von Beschäftigten mit Hoch– und Fachschulabschluss in sämtlichen ostdeutschen Flächenländern über dem Bundesdurchschnitt. Dieser Vorsprung ist fast überall mittlerweile verloren gegangen. Das liegt auch daran, dass Frauen und Männer, die ihren Bildungsabschluss in der DDR erworben haben, aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Der Anteil von Hoch– und Fachschulabsolventen ist nach Daten des IWH in dieser Gruppe höher als in Westdeutschland. Auch die Prognosen der Bevölkerungsforscher sehen im Bezug auf Fachkräftegewinnung nicht gut aus: Sie rechnen damit, dass die Zahl der Erwerbsfähigen in den ostdeutschen Flächenländern um rund 37 Prozent, im Westen um rund 18 Prozent zurückgeht bis zum Jahr 2060. Vom Zuzug aus dem Ausland profitiert der Osten allerdings bisher kaum. „Ostdeutschland muss attraktiver für qualifizierte Zuwanderung werden, Weltoffenheit zeigen und Erscheinungen von Fremdenfeindlichkeit entschieden entgegentreten“, schreiben die Forscher.

