Reportage: Tesla-City - Ein Besuch in Grünheide

Märkische Idylle: Blick auf Grünheide mit dem Werlsee und dem Peetzsee
euroluftbild.de/Robert GrahnEinen Ortskern, wie man ihn aus märkischen Dörfern kennt, zimmerten sie allerdings nicht. Das sorgt bis heute dafür, dass Grünheide für Besucher nicht so richtig greifbar ist. Das unscheinbare neue Rathaus mit kleinem Marktplatz übersieht man bei der Durchfahrt leicht. Wo es steht, war bis vor gut 20 Jahren noch Wald, in dem einst Napoleons Soldaten gerastet haben sollen.
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Wer vom Rathaus in den Ortsteil Freienbrink will, muss erst einmal acht Kilometer durch den Wald. Den 4100-Einwohner-Ort zu Fuß ablaufen, geht kaum. Wasser und Wald machen die Wege lang.
Genau das lieben die Menschen seit etwa 100 Jahren, als der Ort einen rasanten Aufschwung nahm. Großindustrielle aus Berlin kamen und bauten schicke Villen, Künstler und Verleger folgten. Urlauber ließen die Einwohnerzahl in den Sommermonaten auf 20 000 steigen. Ausflugsschiffe und der Bahnanschluss sorgten für Zulauf nicht nur aus Berlin. Über 40 Gaststätten mit teilweise großen Sälen gab es.
Paul Mayer, Lektor des ab 1933 einige Zeit in Grünheide ansässigen Verlagsgründers Ernst Rowohlt, beschrieb die Dorfgemeinschaft als "ungemein trinkfreudig“, was wohl aber vor allem auf Rowohlt selbst zutraf. Seine Kontaktaufnahme zu Leuten im Ort sei über „viele Pilsner“ erfolgt, erinnerte sich Mayer. Eine dieser Koryphäen sei der Leiter der Polizeihundeschule gewesen, genauer gesagt: der „Staatlichen Zucht- und Abrichteanstalt“.
Die damalige Einrichtung auf dem heutigen Gelände des Schulstandorts „Löcknitzcampus“ hat eine teilweise düstere Geschichte. "Im Ersten Weltkrieg wurden hier neben Polizei- und Fährtenhunden zunehmend Sanitätshunde ausgebildet, im Zweiten Weltkrieg aber auch Hunde für die Konzentrationslager“, sagt Lothar Runge, Ortschronist und Vorsitzender des Heimatvereins. 1911 gegründet, wurde die Anstalt insbesondere ab 1939 immer weiter ausgebaut. Zum Missfallen mancher Bürger. Sie beklagten sich über die Sperrung von Wegen sowie über Lärm und Gestank.
Ebenfalls ein dunkles Kapitel sind jene Ereignisse, die Grünheide ab Mitte der 1970er-Jahre zeitweise in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit rückten. Der Chemiker und frühere NS-Widerstandskämpfer Robert Havemann (1910–1982) stand in seinem Grünheider Haus ab 1976 unter Hausarrest, weil er das SED-Regime kritisiert hatte. "Bis zu 200 Leute haben ihn systematisch überwacht. Die Stasi hat extra ein Haus gekauft und Bungalows errichtet, um ihn auf Schritt und Tritt zu verfolgen“, erzählt Lothar Runge.
Die Straße vor Havemanns Haus wurde Belagerungsgebiet, die Zufahrt versperrt, Anwohner streng kontrolliert. Als westliche Journalisten Kontakt zu Havemann aufnehmen wollten, wurden sie abgedrängt. Die Berichte darüber sind Teil der deutsch-deutschen Geschichte. Aber auch das gehört zur Ortschronik: Anfang September 1989 wurde hier die Bürgerbewegung Neues Forum gegründet.
Das recht umfangreiche Kapitel Stasi in Grünheide wurde in den vergangenen Jahren genauso wie andere Ereignisse in sechs Büchern zur Heimatgeschichte aufgearbeitet. „Ein Schuldirektor hatte viele Daten zur Historie gesammelt, aber nie etwas veröffentlicht. Wir haben uns gesagt: Das muss man auch mal aufschreiben und der Nachwelt zeigen“, erzählt Lothar Runge.
Im Hier und Heute gehören Handball und Karneval zu den Attraktionen im Ort. Beides mit langer Tradition. Die Männer des Grünheider SV spielen seit einigen Jahren in der Oberliga Ostsee-Spree, der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Und die Frauen stehen derzeit in der Verbandsliga auf Platz eins, könnten also erstmals in die Brandenburgliga aufsteigen. Als herausragend gilt insbesondere die Nachwuchsarbeit im Grünheider Handball.
„Ihr braucht ne Teslapause? Kommt vorbei!“ So wirbt der Karnevalsverein für seinen am Sonnabend beginnenden Festmonat. Gefeiert wird im Stile der 80er-Jahre-Partys mit allem was dazu gehört: Funkenmariechen, Männerballett, Büttenreden. Um eine solche Rede gab es Mitte der 1980er-Jahre mal Riesenärger. Der Stasi war sie zu frech, also nahm sie den Redner mit. Es handelte sich allerdings um den Grünheider Feuerwehrchef. Nach drei Tagen reisten seine Kollegen zur Stasi nach Fürstenwalde, drohten mit Amtsniederlegung und verlangten erfolgreich die Freilassung des Mannes. Eine typische Grünheide-Geschichte.
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Einst siedelten hier germanische Stämme
Die Groß-Gemeinde Grünheide grenzt im Norden an Woltersdorf und Rüdersdorf, im Osten an die Märkische Schweiz, im Süden an Fürstenwalde und im Westen an Erkner. Dort leben rund 8600 Menschen auf einem recht großen Gebiet von 127 Quadratkilometern. Die Bevölkerungsdichte ist mit 68 Einwohnern pro Quadratkilometer ziemlich gering.
Die Groß-Gemeinde ist allerdings auch nur der Zusammenschluss von sechs zuvor eigenständigen Dörfern, die wiederum noch zahlreiche Ortsteile haben. Zum eigentlichen Ort Grünheide mit seinen 4100 Einwohnern gehören noch Altbuchhorst, Fangschleuse, Freienbrink, Schmalenberg und Klein Wall.
Für die Region prägend ist eine Seenplatte vom Priestersee und Werlsee über den Baberowsee bis zum Liebenberger See. Bedeutend ist außerdem die Löcknitz, ein 33 Kilometer langer Nebenfluss der Spree.
Das Gebiet war früh Siedlungsgebiet germanischer Stämme. Der Begriff "Grüne Heyde" wurde erstmals von Kurfürst Joachim II. verwendet, der 1543 seinen Bruder Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin hierher zur Jagd in sein Jagdhaus auf einer Insel im Werlsee einlud. Der Dreißigjährige Krieg entvölkerte die Gegend völlig. Erst 1662 genehmigte Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, die Ansiedlung einer Sägemühle. Daher gilt 1662 als Gründungsjahr von Grünheide.