Schule in Berlin-Spandau: Gewalt unter Schülern – wie der Alltag der Schulleiterin aussieht

Karina Jehniche ist Schulleiterin an der Christian-Morgenstern-Grundschule in Spandau. Sie beobachtet eine stetig zunehmende Gewaltbereitschaft an Schulen in Berlin.
Jessica NeumayerDie Christian-Morgenstern-Grundschule im Ortsteil Staaken ist eine Brennpunktschule in Berlin-Spandau. Sie liegt in einem Gebiet, in dem besonders viele sozial benachteiligte Menschen leben. Die Probleme an Brennpunktschulen sind vielfältig. Schulleiterin Karina Jehniche hat an ihrer Schule täglich mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zu tun.
Die größte Herausforderung stelle der unterschiedliche kulturelle Hintergrund vieler Familien dar, sagt die Schulleiterin. 52 Nationen kommen unter ihrem Schuldach zusammen. Problematisch sei unter anderem die unterschiedliche Priorisierung von Bildung in den Familien. „Manche sehen es nicht als notwendig an, eine gute Schulbildung zu haben“, sagt sie.
Bildungsunterschiede an Brennpunktschule in Spandau
90 Prozent der Kinder auf ihrer Schule hätten einen Migrationshintergrund, fasst Jehniche zusammen. Bei einer Klassenstärke von 25 bis 27 Kindern heißt das zumeist, dass nur ein bis drei Kinder pro Klasse keinen Migrationshintergrund haben.
Ebenso klein sei die Zahl der Kinder, die bei der Einschulungsuntersuchung eine uneingeschränkte Schulempfehlung erhalten, berichtet Jehniche. Fast jeder Erstklässler habe den Vermerk, dass ein zusätzlicher pädagogischer Bedarf bestehe. Oftmals sei eine Untersuchung auch nicht möglich, weil das Kind kein Deutsch spricht. Es wurden sogar schon Erstklässler eingeschult, die noch Windeln trugen.

Die Gewaltbereitschaft von Kindern habe in den letzten Jahren zugenommen, sagt Karina Jehniche, Schulleiterin der Christian-Morgenstern-Grundschule in Spandau. Auch immer jüngere Kinder können ihrer Konflikte nur noch mit Gewalt klären. (Symbolbild)
Oliver Berg/dpa„Das können die Kinder nie wieder aufholen“, bedauert die Schulleiterin. „Sie werden ihr Leben lang den anderen Kindern hinterherrennen.“ Angesetzt werden müsse daher schon bei der frühkindlichen Bildung. Es reiche nicht nur, das letzte Kita-Jahr verpflichtend zu machen. „Spätestens ab dem dritten Lebensjahr muss es auch eine Pflicht für die Kita geben.“ Aber dafür werden auch genug Kitaplätze gebraucht.
An Lehrkräften mangelt es ebenso. Bei erhöhtem pädagogischen Bedarf wird auch mehr Personal benötigt. „Der Lehrermangel im Randgebiet Spandau ist besonders hoch“, sagt die Schulleiterin.
Die Schule könne gar nicht all das auffangen, was nötig wäre. Dennoch sieht Jehniche ihre Schule nicht nur als Bildungs-, sondern auch als Erziehungseinrichtung. „Kinder müssen den richtigen Umgang mit Konflikten auch erst lernen.“ Dafür sei eine angemessene Begleitung notwendig.
An der Christian-Morgenstern-Grundschule komme es nahezu täglich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, berichtet die Schulleiterin. „Der Weg von verbaler zu körperlicher Gewalt ist wahnsinnig kurz. Da reicht oft schon ein Blick, um zu provozieren.“
Zunehmende Gewaltbereitschaft an der Grundschule
Bei über 600 Schülerinnen und Schülern und 120 Pädagoginnen und Pädagogen kommen viele Menschen auf einem kleinen Raum zusammen. Konflikte seien dabei normal und gehören dazu, weiß die Leiterin. Sie hat jedoch über die letzten Jahre beobachtet, dass nicht die Konflikte an sich problematisch sind. Die Gewaltbereitschaft der Schülerinnen und Schüler nehme stetig zu.
„Die Intensität wird doller.“ Es zeigen sich zudem immer jüngere Kinder gewaltbereit. „Nach einem Streit einen Kompromiss zu finden, wird immer schwieriger“, sagt Jehniche. Diese Beobachtungen habe sie nicht nur an ihrer Schule gemacht, sondern auch aus dem Austausch mit anderen Schulleitungen erfahren.
Problematischer als die Kinder seien oft die Eltern. Diese animieren ihren Nachwuchs, sich zu wehren – und das meist nicht nur mit Worten. Durch die Verdichtung im Quartier und das Leben in eigenen Gemeinschaften ist es besonders schwierig, kulturelle Kreise aufzubrechen.
Eine bessere Durchmischung könnte hier schon Abhilfe schaffen, sagt Jehniche. „Ein Gebiet sollte nicht über lange Zeit ein Brennpunkt sein.“ Dabei spreche nichts gegen eine multikulturelle Gesellschaft. „Wir müssten die Chancen, die sich dadurch bieten, nur besser nutzen.“
Konfliktlotsen als effektives Mittel zur Gewaltprävention
An der Christian-Morgenstern-Schule hat sich ein Projekt zur Gewalt-Prävention bewährt. „Konfliktlotsen gab es hier schon, bevor ich die Schule 2015 übernommen habe“, sagt Jehniche, die zuvor an einer Schule in Marzahn-Hellersdorf tätig war.

Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klassen können an der Christian-Morgenstern-Grundschule eine Ausbildung als Konfliktlotsen machen. Das Projekt zur Gewaltprävention hat laut Schulleiterin Karina Jehniche an der Brennpunktschule schon viel bewirkt. (Symbolbild)
picture alliance/dpa„Als der Schulbetrieb nach der Corona-Pandemie wieder normal lief, kamen die Kinder selbst zu mir und haben darum gebeten, dass das Projekt wieder aufgenommen wird.“ Seitdem können sich Kinder der fünften und sechsten Klasse freiwillig für eine Ausbildung als Streitschlichter melden.
Rund 15 Konfliktlotsen gibt es an der Schule. „Die Kinder werden über mehrere Wochen ausgebildet.“ Am Ende gibt es eine Prüfung. Mit Weste und Ausweis sorgen sie in den Pausen dafür, dass Meinungsverschiedenheiten nicht eskalieren. „Kinder haben ein viel deutlicheres Gefühl, wo Hilfe gebraucht wird“, sagt Jehniche.
Konflikte seien für alle Stress. Die Mehrheit der Kinder wolle in der Pause nicht streiten, sondern mit Freunden spielen. „Kinder verstehen manchmal mehr als Erwachsene.“ Daher können sie auf ganz anderen Ebenen vermitteln. „Dabei werden sie aber auch nie alleine gelassen.“ Ein Schulsozialarbeiter ist immer dabei.
„Es ist kein Allheilmittel, aber eine gute Möglichkeit, Konflikte zu verhindern.“ Zudem schaffe es Selbstbewusstsein und Selbsterfahrung unter den Lotsen. Manchmal werden gezielt Kinder angesprochen, die besonders auffällig sind, verrät Jehniche. „Wir hatten so ein Kind, das jetzt viel ruhiger ist.“ Durch die Ausbildung als Streitschlichter habe es fürs Leben gelernt.



