Schwere Vorwürfe
: Patientin auf dem Boden abgelegt

Mario Dreesen erhebt nach der OP seiner schwergewichtigen Mutter Vorwürfe gegen das Klinikum Niederlausitz.
Von
Kathleen Weser,
Verena Ufer,
Christina Wessel,
Bettina Friedenberg
Lauchhammer
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Skandal in der Niederlausitz: Über Stunden musste die frisch operierte Frau in Lauchhammer auf einer Matratze im Patientenzimmer liegen – weil sie mit etwa 180 Kilogramm zu schwer war, um sie ins Bett zu heben.

Mario Dreesen

Eine frisch operierte übergewichtige Frau ist im Klinikum Niederlausitz in Lauchhammer mehrere Stunden auf dem Boden eines Krankenzimmers abgelegt worden. Der Fall wiegt im doppelten Sinn schwer.

Mario Dreesen aus Schwarzheide war verzweifelt. Seine Mutter musste nach einer Operation im Klinikum Niederlausitz mehrere Stunden lang auf dem Boden eines Krankenzimmers liegen. Der Grund: Hauseigene Mittel zum Umlagern adipöser Patienten standen zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht zur Verfügung. „Das Klinikum Niederlausitz wirbt für sich als Haus mit einer etablierten Adipositas–Chirurgie und ganzheitlicher Behandlung fettleibiger Patienten“, erregt sich Dreesen. Deshalb habe sich die Mutter für die planbare Operation auch den Medizinern dieses nahe gelegenen Krankenhauses anvertraut.

Zwischen den Feiertagen zum Jahreswechsel hatte die Frau aus Schwarzheide (Oberspreewald–Lausitz) massive Blutungen bekommen. Das operative Entfernen der Gebärmutterschleimhaut ließ sich nach Aussagen des Sohnes nicht mehr aufschieben. Freitag vergangener Woche ist die Ausschabung, der von Frauenärzten am häufigsten durchgeführte Routine–Eingriff, in Lauchhammer vorgenommen worden. Einen Tag später sei die Patientin vom Aufwachraum auf die Station für Frauenheilkunde verlegt worden. Die Frau, die etwa 180 Kilogramm auf die Waage bringt, aber war ohne einen Patientenkran oder Hebelifter und auch mit vereinter Muskelkraft des Pflegepersonals nicht aus dem Rollstuhl in das Bett zu legen. „Deshalb ist meine Mutter einfach auf dem Boden abgelegt worden“, sagt der Sohn. Er habe sich massiv beschwert über die menschenunwürdige Behandlung. Der offensichtliche Mangel an geeigneten technischen Hilfsmitteln zum Aufnehmen schwergewichtiger Patienten sei ihm nicht begründet worden. Ein Schwerlast–Tragetuch, das ebenfalls für die Umbettungen von Menschen bis 250 Kilogramm Gewicht geeignet und für etwa 200 Euro zu erwerben ist, sei nach Auskunft eines Stationsarztes gerade in der Wäscherei gewesen.

Erst nach Rücksprache des Angehörigen mit seinem Anwalt und der Androhung juristischer Schritte ist in Lauchhammer schließlich die Feuerwehr gerufen worden. Die Einsatzkräfte hätten die Frau innerhalb von Sekunden mit den einfachsten Hilfsmitteln der Klinikstation in das Bett umgelagert, berichtet ihr Sohn. Die Feuerwehr bestätigt seine Darstellung. Dreesen wirft dem Klinikum vor, offensichtlich gewinnbringende Operationen anzunehmen, aber anfallende Kosten zu eigenen Lasten zu meiden — um jeden Preis und zum Nachteil für Patienten.

Die Klinik sieht das anders: Krankenhauschef Hendrik Karpinski und Pressesprecherin Daniela Graß betonen, die Patientin habe sich nach der Operation bereits auf dem Weg der Genesung befunden. Zwei Tage nach dem Eingriff sollte sie am 29. Dezember entlassen werden. Dabei zeigten sich bereits erste Probleme. Pressesprecherin Grass: „Leider war es nicht möglich, einen Patiententransport zu organisieren, der in der Lage war, einen Patienten mit rund 200 Kilogramm zu transportieren.“ Ein Grund, warum Dreesens Mutter den Aufenthalt in der Klinik verlängern musste. Am Entlassungstag habe die Patientin mit ihren Angehörigen die Krankenhaus–Caféteria besuchen wollen. Nach ihrer Rückkehr im Zimmer, sei sie nicht mehr in der Lage gewesen, auf das Krankenhausbett zu gelangen. In der Stellungnahme heißt es dazu: „Trotz der massiven Anstrengung von drei Ärzten und drei pflegerischen Mitarbeitern gelang es nicht, die Patientin zurück in das Bett zu heben.“

Die Klinik widerspricht den Darstellungen von Mario Dreesen in mehreren Punkten. Demnach habe eine Notärztin — und nicht der Sohn der operierten Frau — die Feuerwehr um Hilfe bei der Umlagerung der nach Angaben des Sohnes 180 Kilo schweren Frau gebeten. Dreesen hatte gesagt, dass die Einsatzkräfte erst auf Initiative der Angehörigen kamen, um die Frau in ein Bett zu heben.

Vorbereitende Maßnahmen zur Aufnahme der adipösen Frau seien nach Klinikangaben deshalb nicht möglich gewesen, weil es sich um einen Notarzteinsatz handelte. Das medizinische Personal habe vorab keine Kenntnis von der Krankengeschichte haben können. Weiter heißt es in der Stellungnahme: „Das bei Aufnahme verwendete Schwerlasttuch war nach dem Anfangsgebrauch aus hygienischen Gründen nicht mehr verwendbar.“ Das Klinikpersonal habe die Patientin deshalb „mit ihrem Einverständnis auf einer Matratze gelagert“. Laut Stellungnahme sei das eine gängige Handhabe in Krankenhäusern: „Ein zeitweiliges Liegen auf einer Matratze auf dem Boden ist als sogenannte ,Bodennahe Pflege’ als pflegerisches Konzept in der Praxis bekannt.“ Für eine kurze Übergangszeit sei das Vorgehen angemessen.

Klinikchef Hendrik Karpinski äußerte seine Bedenken an der Veröffentlichung des Vorfalls durch Mario Dreesen folgendermaßen: „Sorge bereitet mir insbesondere, wie der veröffentlichte Streit über ein so sensibles Thema jetzt noch für die Patientin angemessen und würdevoll versachlicht werden kann.“ Er hätte sich gewünscht, dass sich die Angehörigen mit ihrer Kritik direkt an die Klinikverantwortlichen gerichtet hätten.

Noch im alten Jahr, am Silvestertag, ist die Mutter von Mario Dreesen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ihr Sohn bereut es nicht, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. „Ich bin froh, dass ich nun von vielen Leuten angesprochen werde, die uns in unserer Kritik unterstützen. Für meine Mutter und andere Patienten ist das Ganze nicht schön gewesen“, sagt er. Deswegen sei er an die Öffentlichkeit gegangen und hoffe, dass andere auch so vorgehen. „Das müssten noch viel mehr Leute tun!“