Stadtentwicklung: „Charta City West 2040“ sieht für Berlin Pkw-Maut und grüne Dächer vor

Im Umbruch: Mit Dachbepflanzungen und weniger Verkehr soll die Stadtökologie in der westlichen Innenstadt verbessert werden. Die neue Charta City West beinhaltet aber auch Ziele in den Bereichen Einzelhandel, Kultur, Architektur und Soziales.
Maria Neuendorff/MOZGratis können sie die Affen und Flamingos beobachten und nach dem Shoppen die Seele baumeln lassen.
Wenn es nach den Mitgliedern des „WerkStadtForums City West“ geht, soll es in den kommenden Jahren mehr solcher luftigen Oasen in der Berliner Innenstadt geben. Die Begrünung und Öffnung der Dächer für die Allgemeinheit ist aber nur ein Punkt in der neuen „Charta City West 2040“, die am Mittwoch im Europacenter vorgestellt wurde. Ein 16-köpfiges Kuratorium erarbeitet seit September 2019 mit rund 50 Vertretern der Stadtgesellschaft Visionen für die westliche Berliner Innenstadt sowie den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.
30.000 Fahrradstellplätze
„Wir haben uns dabei zu durchaus mutigen Zielsetzungen durchgerungen“, erklärt Wolff Uwe Ritke vom Forum mit Blick auf das Thema Mobilität. So wolle man rund um den Kurfürstendamm künftig auf 50 Prozent der Parkplätze verzichten und dafür 30.000 Fahrradstellplätze schaffen. Auch eine "dynamische City-Maut“ wäre denkbar, um den Kudamm, die Tauentzienstraße, den Kaiserdamm sowie die Kantstraße vom Kfz-Verkehr zu entlasten, lautet eines der insgesamt 79 Ziele.
Um den Lieferverkehr für die Geschäfte zu gewährleisten, soll ein Netz von Logistik-Hubs aufgebaut werden. Als Standorte für diese Zwischenlager schlagen die Planer unter anderem das ICC, den Hardenbergplatz, den Adenauerplatz und den S-Bahnhof Jungfernheide vor. Autonome und elektrische Cargo-Shuttles könnten den Warentransport zwischen den Hubs, Einzelhandelsstandorten und den Wohnquartieren sicherstellen. Bei Neubauvorhaben ab 5000 Quadratmeter sollen Drohnenanflugplätze für die Paketanlieferung geprüft werden.
Für diesen Punkt lud das Kuratorium Experten des Fraunhofer Instituts ein. Zu den insgesamt sieben Werkstattgesprächen kamen zudem 50 Vertreter aus Politik, Handel, Architektur, Immobilien, Kultur, Mobilität und Wissenschaft zu Wort. Auch das Kuratorium bildet ein breites Spektrum der Stadtgesellschaft ab. So nahm beispielsweise der Bauhistoriker Wolfgang Schäche die Identität der westlichen Innenstadt in den Blick, während der Landschaftsarchitekt Stefan Jäckel die Stadtökologie beleuchtete. Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche, sprach wiederum die sozialen Themen an.
Denn eines scheint klar: Mit der Charta wollen die Initiatoren die City West zu einem Ort machen, an dem auch ärmere Menschen wohnen und leben können. „Diese müssen die Chance haben, Stadt zu konsumieren, ohne Geld dafür aufzubringen“, heißt es beispielsweise unter Punkt 41 der Charta. Helfen sollen dabei unter anderem ein Anteil an Sozialwohnungen bei Neubauten und die Schaffung konsumfreier öffentlicher Orte und Veranstaltungen. Auch an zentralen Standorten soll es öffentliche Plätze mit Tribünen für die Off-Kultur und wissenschaftliche Ausstellungen geben, in den Erdgeschossen auch Räume für soziale Projekte und für die Kreativszene bereitgehalten werden.
„Die City West ist ein Labor dafür, wie die Stadt der Zukunft aussehen kann“, sagt Oliver Schruoffeneger (Grüne). Der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf will die Charta nun im Stadtplanungsausschuss vorstellen. „Als nächstes muss man schauen, welche Instrumente die Politik hat, die Ziele umzusetzen.“
Bürgerbeteiligung erwünscht
Das WerkStadtForum ist eine Initiative vom Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, der AG City, der Industrie- und Handelskammer (IHK), dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) sowie dem Deutschen Werkbund.
Die 40-seitige Charta mit allgemeinen Erklärungen und 79 konkreten Visionen für die City West, die Experten aus verschiedenen Bereichen zusammen erarbeitet haben, können sich Interessierte unter www.werkstadtforum.de als pfd-Datei herunterladen. Dazu gibt es einen rund 70-minütigen Film zum Thema, der auch die Werkstattarbeit beleuchtet. Auf der Beteiligungsplattform https://mein.berlin.de des Landes Berlin können sich Bürger zu den einzelnen Punkten äußern.⇥neu
