Städteranking 2024: Berlin vs. Wien – fünf Gründe, warum sich eine Jury irrt

Berlin zwischen Tag und Nacht: Ein Party-Boot auf der Spree. Gibt es etwas Schöneres als den Sommer in Berlin?
Hannibal Hanschke / dpaIn manchen Dingen nehmen sich die Städte Wien und Berlin nicht viel. Zum Beispiel in der Kunst des miesepetrigen Auftretens. Während in ganz Österreich und Teilen Deutschlands, jeder weiß, dass in Wien die größten Grantler leben, hat sich die „Berliner Schnauze“ über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Auch bei der Nominierung einer Wurst zum ernstzunehmenden Fast-Food-Konzept zeigen beide Städte eine verblüffende Ähnlichkeit. Während Wien mit seinem Käsekrainer auftrumpft, besticht Berlin mit Currywurst. Doch es gibt mindestens fünf Dinge, in denen Berlin dem Städtchen an der Donau überlegen ist.
1. Club- und Feier-Kultur
Schon fast ein Klischee, dennoch: Niemand wird allen Ernstes bestreiten können, dass die Berliner Club-Landschaft und Feierkultur in seiner schrillen und teils skurrilen Vielfalt dem „Angebot“ der Stadt Wien überlegen ist. Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei. Egal ob Hip-Hop und Salsa-Partys (zum Beispiel Havanna-Club), Reggae und Dancehall (unter anderen im Yaam) oder Elektro und Techno (Ritter Butzke, about blank, und viele mehr): von Montag bis Sonntag kann in der (Party-)Hauptstadt durchgefeiert werden. Clubs wie das Sisyphos oder das Berghain erklären gleich das ganze Wochenende zur Party und lassen die Bässe nonstop wummern.
In Wien hingegen schlägt man sich noch mit der Sperrstunde herum. Bars müssen in der österreichischen Hauptstadt um vier schließen. Ab dann, so heißt es auf österreichisch, geht es sich nicht mehr aus, ein Bier zu bestellen. Clubs schicken die Party-Truppe spätestens um 6 Uhr früh ins Bett.
2. Einkaufen in der Späti-Hauptstadt
Überhaupt die Öffnungszeiten! Wer nach Feierabend in Wien einkaufen gehen will, muss sich sputen, denn die Geschäfte schließen früh. Während es in Berlin völlig normal ist, dass Supermärkte unter der Woche bis 21 Uhr, 22 Uhr, teilweise sogar bis Mitternacht geöffnet sind, müssen sich die Wiener, die noch Einkaufen gehen wollen, werktags von der Arbeit quasi freistellen lassen für den Nachmittag. Die meisten Geschäfte schließen gegen 18.30 Uhr.
Zum Lebensgefühl der Berliner Freiheit zählt jedoch auch, noch weit nach Mitternacht irgendeinen Späti betreten zu können, um sich noch ein Wegbier zu holen, oder um sich Nudeln für den späten Nach-Mitternachts-Snack zu organisieren. In Wien hat man nach solchen Geschäften bis vor kurzem vergeblich gesucht. Erst nach und nach etablieren sich Spätis auch in der verschlafenen Donaustadt. Mittlerweile gibt es immerhin drei Stück. Daumen hoch!
3. Natur-Erlebnis dank Bäumen, Parks, Seen und Bergen
Wien hat natürlich fantastische Parkanlagen, Gärten, Hausberge und Donauauen. Eine Grüne Stadt ist Wien trotzdem nicht. Das zeigt sich besonders drastisch im Sommer. Wenn die Sonne wochenlang eine drückende Hitze in der Stadt verbreitet, fällt einem auf, dass die Straßen kaum mit Bäumen versehen sind. Während Berlin über 430.000 Straßenbäume verzeichnet sind, kommt Wien auf gerade einmal 98.000. Und wer es liebt, im Sommer naturnah Baden zu gehen, kommt eher in Berlin und dem seenreichen Umland voll auf seine Kosten.
Mit dem Prater nimmt es der Treptower Park allemal auf und während die Wiener Hausberge eher außerhalb der Stadtgrenzen liegen, begeistert in Berlin der Teufelsberg mit seiner zentrumsnahen Lage. Und wenn auch die Donau ein mächtiger Strom ist, gewährt ein Spaziergang an der naturbelassenen Havel im Grunewald Momente tiefer Entspannung in der Natur.
4. Öffentlicher Nahverkehr: Alle lieben die BVG
Berliner lieben ihren Nahverkehr, insbesondere ihre BVG (Berliner Verkehrsbetriebe). Und das zu Recht. Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die Bewohner und Gäste durch Streckensanierungen und Zwischenfällen konfrontiert werden, hat Berlin laut Umfrage des Magazins Time-Out den beliebtesten öffentlichen Personennahverkehr der Welt. Dafür gibt es Gründe. Für nur 26 Euro im Monat können Berliner mit Bus, Bahn und mit dem Schiff (!) kreuz und quer durch ihre Stadt fahren und mit dem Deutschlandticket die Vorzüge nutzen, in alle Himmelsrichtungen gut angebunden zu sein. Vor allem Brandenburg lockt mit seinen Schlössern, Seen und pittoresken Städten und Dörfern.
Darüber hinaus ist das Verkehrsnetz selbst eine Sehenswürdigkeit! Zum Beispiel die architektonische Gestaltung der U-Bahnhöfe, die alle in ihrem eigenen Stil gehalten, den Stempel ihrer Architekten und der jeweiligen Zeitepoche tragen, in denen sie gestaltet wurden. Von klassischem Gründerzeitstil (Heidelberger Platz) bis hin zu psychedelisch anmutenden Bahnhöfen wie dem U-Bahnhof Paulsternstraße kommt jede Stilrichtung vor.
5. Kultur und Alternative Szene
Klar, Wien ist eine Kulturmetropole. Berlin muss sich gegenüber der österreichischen Hauptstadt dennoch nicht verstecken. Allein im Bereich Musiktheater überflügelt Berlin die Österreicher. Denn in der Stadt an der Spree gibt es allein drei Opernhäuser, während die Wiener mit zwei auskommen müssen. Berlin ist neben seinen Museen mit spektakulären Ausstellungen und Sonderausstellungen auch für seine progressiven Theaterhäuser international bekannt. Viele Museen können in der Stadt im Übrigen am ersten freien Sonntag kostenlos besucht werden.
Was Berlin als Kulturmetropole Wien überflügel lässt, ist die große alternative Szene. Ob Pop-Up-Galerien, Jazz-Jam-Sessions, Off-Theater-Szenen oder Moden-Shows oder experimentelle Fusions-Küchen: Das kulturelle Angebot ist unüberschaubar groß und bietet noch der nischigsten Nische ein Potpourri an Veranstaltungen und Treffpunkten.
Typisch Berlin
Platz 19 unter den Lebenswertesten Städten der Welt? Im Gegensatz zum Wohnungsmarkt wird Berlin in dem Ranking von „The Economist“ weiter unter Wert gehandelt. Wer einmal einen Sommer in der Stadt verbracht hat, wird sich dieser Meinung nur anschließen können. Ob Hip im Prenzlauer Berg, oder bürgerlich im Westend, ob naturnah im Grunewald oder urban am Kottbusser Tor, ob Museum, Techno-Rave oder Shisha-Bar: Berlin ist für jeden ein Hit. Da wundert es nicht, dass Icke und Er in einem ihrer Lieder singen: „Ick brauch' keen Hawaii/ Denn det jefällt mir hier/ Ick bleib' in Berlin/ Berlin is mein Revier“. Nach Wien würde ich trotzdem nochmal fahren.

