Politisch aktiv war Leopold Esselbach allerdings schon lange vorher. Wenige Wochen nach Grenzöffnung, im Dezember 1989, übernahm er die Moderation des Runden Tisches im ehemaligen Bezirk Frankfurt (Oder). Dabei war das gar nicht sein Gebiet. Als Generalsuperintendent war er für die Gemeinden von der Uckermark bis Neuruppin zuständig. 30 Jahre kümmerte er sich als Pfarrer in Chorin und Neuruppin um die Gläubigen, kannte viele Menschen und fühlte sich ihnen verbunden. "Wir waren damals Vertrauenspersonen und es kam alles Mögliche, worum wir uns kümmern sollten", sagt er.
Doch die Gesprächsleitung am Runden Tisch sah er als Herausforderung an. Der Umgang mit demokratischen Strukturen war fast allen Akteuren neu. "Wir Kirchenleute hatten durch unsere Synoden auch zu DDR-Zeiten ein wenig Erfahrung", blickt er auf diese aufregende Zeit zurück. Alle zwei Wochen machte er sich von Eberswalde nach Frankfurt auf den Weg, oft wurde stundenlang bis tief in die Nacht diskutiert. Neben der politischen Arbeit, die Leopold Esselbach ehrenamtlich versah, sollten auch die kirchlichen Aufgaben weiter erfüllt werden. Wie er das damals alles geschafft hat? "Wir haben gar nicht darüber nachgedacht. Alle waren ungeheuer engagiert – fast euphorisch", meint er heute.

Dreiköpfige Kommission

Weniger euphorisch waren die zukünftigen Brandenburger jedoch später, als es um die Aufarbeitung der eigenen, ganz persönlichen Vergangenheit ging. Der damalige Innenminister Alwin Ziel (SPD) hatte Esselbach gebeten, die künftigen Polizisten des Landes zu überprüfen. Wer heute meint, dass diese Aufgabe mit einem gründlichen Aktenstudium über jeden Einzelnen verbunden war, der irrt. "Oft hatten wir nur ein einzelnes Blatt", erinnert sich der Kirchenmann. Eine dreiköpfige Kommission entschied über Wohl und Wehe. Mit dabei war auch Detlef Graf von Schwerin, der 1991 Polizeipräsident von Potsdam wurde, außerdem Andreas Schuster als Vertreter der Polizeigewerkschaft. Schuster selbst musste sich Jahre später wegen seiner Aktivitäten in der Staatssicherheit rechtfertigen.
Von der Polizeiführung gab es vorsortierte Fragebögen, Selbstauskünfte der Beamten dienten als Gesprächsgrundlage. "Viele Stasi-Akten waren zu diesem Zeitpunkt nicht auffindbar", beschreibt er die Situation, die oft für alle Seiten unbefriedigend war. "Mir ging es vor allem darum, ob jemand wahrhaftig war. Wenn jemand seine Stasi-Tätigkeit bereut hat, haben wir oft Milde walten lassen." Ein Fall ist ihm in Erinnerung: Ein Polizist hatte sich klar zu seiner Stasi-Vergangenheit bekannt. Aber er war ein Spezialist bei der kriminalistischen Aufklärung. "Da sagte Herr von Schwerin schon vorher: Der ist unersetzlich – es gibt nur den einen."
Einige Polizisten quittierten von selbst den Dienst – die meisten aber durften bleiben. Es herrschte das Prinzip: "Zweite Chance statt Rache". Klar war, dass das Land auf viele Volkspolizisten nicht verzichten konnte und wollte – schließlich sollten Recht und Ordnung aufrecht erhalten bleiben.
Das war ein Fakt, der vor etwa zehn Jahren in den Fokus der Kritik geriet. Detlef Graf von Schwerin erklärte 2013, dass ihn der Umstand, dass es keine gründliche Aufarbeitung gab, sehr belastet habe. In Brandenburg wurden so viele Stasi-Mitarbeiter wie in keinem anderen Bundesland in den Staatsdienst übernommen. Und auch Leopold Esselbach musste sich bereits 2011 der Kritik stellen und gab damals zu, dass er sich manchmal überfordert gefühlt habe. Und nicht selten stellte sich später heraus, dass viele inoffizielle Stasi-Mitarbeiter und Polizisten bei der Befragung gelogen hatten.
Später hat Esselbach auch die Mitarbeiter des Rundfunks in Brandenburg auf ihre Stasi-Verbindungen überprüft. "Da haben wir längere Gespräche geführt und wir hatten nicht das Gefühl, wir mussten jemanden durchwinken, weil er gebraucht wurde." In der Bewertung aus heutiger Sicht hat er damals von Trotz bis Einsicht alles erlebt. "Am häufigsten versuchten die Befragten, die Sache herunterzuspielen." Sätze wie: "Ich habe ja niemandem geschadet" oder "Ich habe ja niemandem Unrecht getan" – waren eine selbstverständliche Reaktion. Aber es gab auch echtes Bedauern und Unrechtsbewusstsein.
Bei den Entscheidungen war ihm immer bewusst, dass er über die Zukunft des Gegenüber mitentschied. "Aber mein Einfluss war oft nicht so groß", sagt er bescheiden. Mit dem Abstand von 30 Jahren meint er: "Ich habe den Eindruck, die Macht der Staatssicherheit wird bis heute überschätzt, während die Macht der wirklichen SED-Parteifunktionäre unterschätzt wird. Aus meiner Sicht waren  das die Täter."
Auch die Mitglieder des Kreistages Seelow wurden von Leopold Esselbach befragt. Stasi-Akten habe es allerdings nur in den seltensten Fällen gegeben. "In Frankfurt sind in der Modrow-Zeit noch viele Akten verschwunden – aber das ist mir erst sehr viel später bewusst geworden", erklärt Esselbach. Seine eigene Akte hat er nach Jahren eingesehen – große Enttäuschungen habe es nicht gegeben. Ein Kollege habe über ihn berichtet, aber eher Belangloses an die Stasi weitergegeben.

AfD-Erfolg ist unverständlich

Wenn Esselbach an die Gründerjahre Brandenburgs zurückdenkt, war es eine gute, aber auch schwierige Zeit. "Ministerpräsident Manfred Stolpe verstand es, im Land eine Stimmung aufzubauen, die gnädig mit der DDR-Vergangenheit umging. Deshalb war das Klima hier oft freundlicher." Doch der wirtschaftliche Niedergang habe alle belastet. Aber er sagt auch: "Die Menschen wollten schnell die D-Mark. Damit war klar, dass unsere Betriebe am Ende waren." Dennoch ist vieles aus seiner Sicht gut gelaufen. Den meisten Menschen gehe es heute besser, als zu DDR-Zeiten.  Die Unzufriedenheit vieler versteht er nicht. "Ich bin betroffen, dass die AfD hier über 20 Prozent der Stimmen bekommen hat."
Im kirchlichen Rahmen habe sich aus seiner Sicht nicht so viel geändert. Auf den Dörfern habe es auch zu DDR-Zeiten nicht viele Besucher im Gottesdienst gegeben. In der Stadt Neuruppin, wo er seit 1996 gemeinsam mit seiner Frau im Ruhestand lebt, gab es viel Zuzug und die Kirchengemeinde wuchs. Privat ist der 89-Jährige stolz auf drei Töchter, neun Enkel und elf Urenkel. Bescheiden wird Leopold Esselbach, wenn es um die Bewertung der eigenen Arbeit in den 1990er-Jahren geht: "Vielleicht konnte ich ein bisschen was bewegen."

Zur Person


Geboren ist Leopold Esselbach 1931 in Karbitz (Chabařovice) bei Usti nad Labem im heutigen Tschechien.

Von 1960 bis 1970 war er Pfarrer in Kloster Chorin. 1970 wechselte er nach Neuruppin, bis er 1983 Generalsuperintendent in Eberswalde wurde.

Seit 1996 lebt Leopold Esselbach mit seiner Frau in Neuruppin im Ruhestand. cd