30 Jahre nach der Wiedervereinigung scheint eine unsichtbare Grenze Deutschland zu durchziehen. Auf der einen Seite gibt es mehr Besitz - auf der anderen weniger. Auf der einen Seite wird mehr verdient - auf der anderen weniger. Doch werden die Unterschiede kleiner. Wie steht es mittlerweile um die Deutsche Einheit?

Halten die Menschen Deutschland für zusammengewachsen?

Knapp zwei Drittel finden: Das Zusammenwachsen von Ost und West ist noch nicht abgeschlossen - der Unterschied der Lebensverhältnisse sei zu groß. Wo früher die DDR war, halten sogar 83 Prozent die Wiedervereinigung für unvollendet. In Westdeutschland sind es dagegen nur 59 Prozent. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur.

Wie sind die Lebensverhältnisse wirklich - etwa beim Einkommen?

Der Verdienst im Osten liegt im Schnitt tatsächlich deutlich hinter jenem im Westen. Allerdings klafft er bei Frauen und Männern im Osten oft weniger stark auseinander als im Westen. Vollzeit arbeitende Männer kamen im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt etwa in Bayern im Schnitt auf knapp 60 000 Euro, Frauen auf gut 48 000 Euro. Im benachbarten Thüringen waren es nur 41 000 Euro bei den Männern und 39 000 Euro bei den Frauen. In Mecklenburg-Vorpommern kamen Männer im Schnitt auf gut 40 000 Euro, Frauen auf 39 000 - in Schleswig-Holstein waren es gut 49 000 beziehungsweise knapp 43 000 Euro.

Ist die Republik beim Vermögen gespalten?

Die Unterschiede sind groß. Nimmt man das Geld- und Immobilienvermögen und die Schulden privater Haushalte zusammen, kommt man für das frühere Bundesgebiet 2018 auf einen Durchschnitt von netto rund 182 000 Euro pro Haushalt. Zehn Jahre zuvor waren es erst 132 000. Auch bei den Haushalten in Ostdeutschland gab es zwar einen Anstieg. Allerdings ging es hier laut Statistischem Bundesamt nur von 54 600 im Jahr 2008 auf 88 000 zehn Jahre später nach oben.

Wie viele Menschen in Ost und West sind länger arbeitslos?

Insgesamt gab es Ende vergangenen Jahres rund 1,025 Millionen arbeitslose erwerbsfähige Hartz-IV-Bezieher im Westen und gut 348 000 im Osten. Dabei stecken in vielen ostdeutschen Regionen Arbeitslose oft länger in Hartz IV fest als in weiten Teilen Westdeutschlands. So waren in Ostdeutschland knapp 189 000 Arbeitslose seit vier Jahren und länger auf die Grundsicherung angewiesen - 54,1 Prozent der arbeitslosen Hartz-IV-Bezieher. In Westdeutschland waren es mit 468 000 dieser Menschen nur 45,6 Prozent, wie eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt.

Erreichen die Menschen in Ostdeutschland bei Rente Westniveau?

Nein. In den ostdeutschen Länder erhalten die Rentner im Schnitt geringere Bezüge. In Thüringen sind es bei den Männern im Schnitt 1292 Euro, in Sachsen-Anhalt 1299, in Mecklenburg Vorpommern 1306 und in Sachsen 1309 Euro. Dann kommt Brandenburg mit im Schnitt 1343 Euro. Die Westländer liegen alle darüber - bis zu Nordrhein-Westfalen mit 1522 und dem Saarland mit im Schnitt 1545 Euro brutto im Monat nach 35 Versicherungsjahren. Eine Sonderrolle nimmt die ehemalige Hauptstadt der DDR ein. Rentner in Berlin-Ost kommen mit im Schnitt 1454 Euro auf für Ostverhältnisse recht hohe Altersbezüge, da hier viele Rentner mit Ansprüchen aus ehemaligen Zusatz- und Sonderversorgungssystemen der DDR wohnen.

Wie haben sich die Renten in den vergangenen Jahren entwickelt?

Es gab einen deutlichen Angleichungsprozess. Ende 2019 lag die durchschnittliche Altersrente nach mindestens 35 Versicherungsjahren im Osten bei 1320 Euro und im Westen bei 1457 Euro.
Fünf Jahre zuvor waren es im Osten noch 1110 Euro und im Westen 1277 Euro - ein Plus von rund 19 Prozent im Osten und 14 Prozent im Westen. Grund: Die höheren Rentenanpassungen im Osten wegen der positiven Lohnentwicklung.

Wie sehen die Gewerkschaften die soziale Lage im Ost-West-Vergleich?

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann beklagt: „Auf dem Arbeitsmarkt besteht leider auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch keine Einheit: Die Einkommen im Osten sind erheblich niedriger, die Arbeitszeit ist deutlich länger.“ Das sei nicht vermittelbar und sorge bei den Beschäftigten in Ostdeutschland zu Recht für Verdruss.
„Überall dort, wo es Tarifverträge gibt, ist die Lücke fast geschlossen“, sagte Hoffmann der dpa. Für den Gewerkschaftschef sind also mehr Tarifbindung der Schlüssel für höhere Löhne.

Ist Ostdeutschland unterm Strich weniger attraktiv?

Zumindest nicht, wenn man die Wanderungsbewegungen zwischen Ost und West anguckt. So gibt es den jahrelangen Trend einer stärken Wanderung nach Westen als nach Osten schon seit einigen Jahren nicht mehr - vielmehr ging es 2019 für 91 000 Menschen von West nach Ost und für 90 000 von Ost nach West. In Ostdeutschland gibt es beispielsweise auch mehr Natur - 11,7 der Fläche ist hier mit Gebäuden, Straßen oder Schienen bedeckt. Im Westen sind es 15,5 Prozent.