Veranstaltungen
: Der Fluch der vollen Hallen - Messebetreiber vor dem Abgrund

Durch Corona brach ihr Geschäft weg. Mit Digitalangeboten und Hygiene-Konzepten wollen Messebetreiber ihre Veranstaltungen wiederbeleben.
Von
Dorothee Torebko
Berlin
Jetzt in der App anhören

Virtuelle Treffpunkte statt leibhaftiger Begegnungen: Messen suchen neue Konzepte.

Illustration: Francesca Coati

Ottmanns Nürnberger Messe ist nur ein Beispiel von vielen. Seit gut fünf Monaten sind Großveranstaltungen wegen der hohen Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus verboten. Für Messestädte wie Nürnberg, Hamburg und Berlin ist das katastrophal. Denn seit Jahren ist die Messewirtschaft auf Wachstumskurs. Fünf der zehn größten Gesellschaften der Welt haben ihren Sitz in Deutschland. Sie erwirtschaften jährlich vier Milliarden Euro Umsatz. Messen sind Jobmotoren und kurbeln die regionale Wirtschaft an. Hotels, Restaurants, Verkehrsunternehmen, Messebauer und Dolmetscherdienste profitieren von ihnen. Die Organisation der Events sichert 231 000 Beschäftigten die Arbeit.

Bernd Aufderheide ist Chef der Hamburg Messe mit internationalen Fachmessen wie der Internorga für Hotellerie und Gastronomie und der Weltleitmesse für maritime Wirtschaft SMM. Er ist sich sicher, dass der persönliche Austausch zurückkehrt. Einige Messetypen würden eher stattfinden können als andere. „Technologie-Messen etwa könnten in zwei bis drei Jahren wieder auf dem Niveau von vor Corona sein“, erklärt er. Bei Publikumsmessen wie die Grüne Woche in Berlin würde es noch dauern.

Doch wie bringt man die Besucher wieder in die Hallen? Gibt es keine Scheu vor Ansteckung? „Es gibt drei Themen, die die Kunden davon abhalten, zu Messen zu kommen“, erläutert Nürnbergs Messechef Ottmann, Vizevorsitzender des Branchenverbands AUMA. „Dabei geht es immer um Vertrauen.“ Erstens muss das Vertrauen da sein, dass die Menschen sicher zum Veranstaltungsort kommen. Zweitens muss sich eine Messe für sie geschäftlich lohnen. Drittens müssen sie sicher sein, dass sie gesund wieder nach Hause kommen.

Am dritten Punkt, dem Hygienekonzept, tüfteln die Messe-Betreiber seit ein paar Wochen. Denn schon im September sollen die ersten Fachmessen veranstaltet werden. Zu deren Konzepten zählt, dass Abstandsregeln eingehalten, keine Tickets vor Ort verkauft werden sollen, außerdem soll auf Abendveranstaltungen verzichtet und Besucher per Personentracking nachverfolgt werden können.

Der FAMAB Kommunikationsverband, eine Interessenvertretung der Veranstaltungsbranche, hat im Juni bereits ein Hygienekonzept getestet, das mit Virologen erarbeitet wurde. „Das Konzept hat sich bewährt, da genügend Abstand gehalten wurde“, sagt Geschäftsführer Jan Kalbfleisch. Die Offenbacher Halle war für 2000 Menschen ausgelegt, mitsamt Crew waren 200 Menschen vor Ort. Sogar einen Sensor auf der Tanzfläche gab es, der bei zu engem Beieinanderstehen rot aufleuchtete. Kommende Woche soll die nächste Auflage mit doppelt so vielen Menschen erfolgen. Ist das wirtschaftlich? Kalbfleisch will sich nicht festlegen: „Es ist auf jeden Fall deutlich aufwendiger als vor Corona.“

Digitale Systeme können Messebetreibern bei der Einhaltung der Hygienekonzepte helfen. Messebetreiber können mit der heutigen Technik Besucherströme lenken. Intelligente Systeme können erfassen, wie viele Menschen in einer Halle sind. Sind zu viele vor Ort, kann die Halle geschlossen werden.

Doch nicht nur bei der Hygiene hilft die Digitalisierung. Während die Hannover Messe in dieser Woche noch ausschließlich digital stattfand, setzen Messen künftig auf Hybrid-Veranstaltungen, also auf die Kombination von analoger und digitaler Welt. „Die Messe wird künftig noch stärker ins Digitale verlängert“, erläutert Hamburgs Messe-Chef Bernd Aufderheide. Bei der auf den Februar verschobenen internationalen Marinemesse SMM etwa wird es Präsenzveranstaltungen geben, dazu werden Informationen im Internet zur Verfügung gestellt. Auch die Nürnberger Messe wird beide Welten miteinander verbinden. „Corona ist in dieser Hinsicht ein Transformationsturbo“, sagt Ottmann.

Bedeutet die Digitalisierung das Ende der klassischen Messe? Nein, erklären die Betreiber. „Digitale Angebote ergänzen Messen, sie können aber kein Ersatz für reale Messen sein“, sagt Ottmann. „Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen den persönlichen Austausch vor Ort brauchen“, betont Aufderheide. Und Kalbfleisch meint: „Bei unserer Veranstaltung ist uns die Gier nach Begegnung aufgefallen.“

In das Jahr 2021 gehen die Messebetreiber trotzdem mit gemischten Gefühlen. „Ich setze darauf, dass relativ schnell ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird und dass die Menschen auch weiterhin die Vernunft mitbringen, die nötig ist für die Eindämmung der Pandemie“, sagt Aufderheide. „Wenn das funktioniert, werden wir 2021 zwar noch nicht die geplanten Gewinne erzielen, aber zumindest erste wesentliche Schritte zurück zur Normalität finden.“

4

Milliarden Euro Umsatz machen die fünf erfolgreichsten deutschen Messegesellschaften mit ihren Veranstaltungen jedes Jahr. Sie gehören damit weltweit zu den Top Ten. 231 000 Beschäftigte verdienen mit Messen ihr Geld. Durch Corona sind viele davon in Kurzarbeit oder ohne Job.