Vergessenes Kleinod
: Nikolaiviertel soll digitaler werden

Das Nikolaiviertel ist seit Jahren von Baustellen umzingelt / Gewerbetreibende und Anwohner nehmen die Entwicklung nun selbst in die Hand
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Wie vor 33 Jahren: Heiko Bötefür verkauft Skatkarten. Die Einrichtung des "Grand Hand" stammt noch von der Eröffnung aus DDR-Zeiten.

    Wie vor 33 Jahren: Heiko Bötefür verkauft Skatkarten. Die Einrichtung des "Grand Hand" stammt noch von der Eröffnung aus DDR-Zeiten.

    Maria Neuendorff
  • Altberliner Flair: Das Viertel rund um die historische Nikolaikirche wurde zu DDR-Zeiten in Teilen originalgetreu rekonstruiert. Wer durch die Gassen nicht weit vom Alexanderplatz schlendert, kann viele kleine schöne inhabergeführte Geschäfte entdecken.

    Altberliner Flair: Das Viertel rund um die historische Nikolaikirche wurde zu DDR-Zeiten in Teilen originalgetreu rekonstruiert. Wer durch die Gassen nicht weit vom Alexanderplatz schlendert, kann viele kleine schöne inhabergeführte Geschäfte entdecken.

    Maria Neuendorff
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Eigentlich ist der Weg in die Wiege Berlins nur ein Katzensprung. Doch durch die Sandwüsten und Bauzäune wirkt er wie ein Spießrutenlauf. Seit vielen Jahren ist das Nikolaiviertel von Baustellen eingekesselt. "Das hat das Restaurant im Rathaus in die Pleite getrieben“, sagt die Angestellte eines Ladens, der in der kolonnadenartigen Ladenpassage gegenüber der U5–Baustelle Kuckucksuhren verkauft. Neben reich verzierten Bierkrügen stehen auch Mini–Modelle der bunten Bürgerhäuser zum Mitnehmen bereit.

Hier am historischen Kern der Stadt ließ die DDR in den 80er–Jahren Alt–Berlin rekonstruieren und reicherte sie mit hübschen verschnörkelten Plattenbauten an. Seit 2018 steht die kleine Stadt in der Stadt unter Denkmalschutz und gilt als prominentestes Beispiel einer veränderten Baupolitik der DDR sowie für die Rückbesinnung auf die urbanen Qualitäten gewachsener Stadtteile.

Ein wirklich schöner Ort, an dem die Straßen „Am Nussbaum“ oder „Eiergasse“ heißen und man in Gaststätten wie „Mutter Hoppe“, „Zur Gerichtslaube“ und „Zille Destille“ wirklich so etwas wie Altberliner Flair finden kann, wenn sie nicht gerade dicht und einer neuen Pasta–Kette Platz machen.

Im „Grand Skat“ mit seinen urigen dunklen Holzregalen findet man alles noch heimelig rustikal vor wie bei der Eröffnung vor 33 Jahren. „Wir haben nicht nur die Einrichtung behalten, sondern auch alles wieder aufgebessert“, erzählt Petra Dentel, die das Fachgeschäft für Skat– und Schachspiele vor sieben Jahren übernommen hat. Bei ihr kann man nicht nur über hundert Jahre alte Brettspiele kaufen, sondern seine Könige und Damen auch reparieren lassen. Dentel und ihr Neffe laden die Anwohner regelmäßig zum Kaffeetrinken und organisieren Spieleabende. Wer nach einem Tipp fragt, bekommt die Kaffeestube oder das „Café  zur Alten  Zicke“ empfohlen. "Wir müssen zusammenhalten“, sagt die 61–jährige Ladenbesitzerin.

Und so gibt es inzwischen mehrere Vereine und einen Mieterbeirat, die die Belange der rund 2000 Bewohner vertreten und die versuchen, sich in Politik und Verwaltung Gehör zu verschafft. Ein Anliegen ist, dem neuen Bahnhof „Rotes Rathaus“ der verlängerten U5 den kleinen Zusatz „Nikolaiviertel“ auf die Schilder zu schreiben. Denn obwohl das Quartier mit fünf Museen, einem kleinen Theater, 30 Restaurants und Cafés und 40 Geschäften nur wenige Schritte vom Alexanderplatz ein touristisches Kleinod ist, scheint es im Stadtmarketing in Vergessenheit geraten zu sein. So nehmen Gewerbetreibende, Anwohner und Kulturschaffende die Entwicklung nun selbst in die Hand und nehmen derzeit am stadtweiten Wettbewerb „MittendrIn Berlin!“ teil.  Von 28 Mitbewerbern hat man es schon in die zweite Runde der letzten acht geschafft. Den Gewinnern winken bis zu 30 000 Euro Fördergelder.

Die Projektidee ist, das Viertel in das digitale Zeitalter zu bringen. Zum Beispiel mit einer App, mit der Touristen nicht nur Toiletten finden, sondern auch Denkmäler und Standbilder entdecken. „Wir haben viele historische Objekte, zu denen es keine Beschreibung gibt“, erklärt Annett Greiner–Bäuerle von der Interessengemeinschaft Nikolaiviertel.

Über digitale Angebote, die zusammen mit Technischen Hochschulen entwickelt werden sollen, könnten sich aber auch die rund 2000 Bewohner vernetzten. „Viele sind schon älter und könnten sich zum Beispiel Hilfe beim Einkaufen anbieten“, erklärt Greiner–Bäuerle. Denn im Viertel kann man zwar Krippen aus dem Erzgebirge, aber kein frisches Brot kaufen. Durch die Baulöcher mussten zudem viele einen Parkplatz in der Rathauspassage anmieten. „Wenn mal jemand im Urlaub ist, könnte er seinen freien Parkplatz über die APP zur Verfügung stellen.“