Verhandlungstag 2 im Prozess gegen den Attentäter von Halle. Der Angeklagte Stephan B. erscheint diesmal ohne Mundschutz im Gerichtssaal und lässt sich minutenlang ungerührt von den Kameras filmen und fotografieren. Er genießt sichtlich die Aufmerksamkeit der Medien. Später, wenn das Gericht das von Stephan B. mit seiner Helmkamera aufgenommene Video vom Tatgeschehen am 9. Oktober 2019 zeigt, wenn zu sehen ist, wie er kaltblütig zwei junge Menschen ermordet, dann wird er sogar grinsen. Fassungslos fragt man sich in diesem Moment: Was ist das für ein Mensch?
Ja, es ist eine ungeheure Zumutung, der die Prozessbeteiligten und Zuschauer an diesem Vormittag vom Gericht ausgesetzt werden. Aber das von Stephan B. aufgenommene und damals live über die Computerspielerplattform Twitch im Internet gestreamte Video vom Anschlag ist ein wichtiges Beweisstück.

Manche verlassen beim Video den Saal

Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens stellte es daher den Anwesenden im Magdeburger Gerichtssaal auch anheim, den Raum zu verlassen, bevor das Video über die im Saal aufgehängten Monitore flimmert. Aber zunächst bleiben alle sitzen. Erst nach etwa 20 Minuten, als zu sehen ist, wie B. auf den um sein Leben flehenden Kevin Schwarze im Döner-Imbiss feuert, verlassen einige den Saal. Andere schauen weg, bedecken sich die Augen. Bei den Nebenklägern stehen Seelsorger bereit. Sie sollen sich um die Hinterbliebenen kümmern.
Es fehlen die Worte, will man das Video bewerten. Erschütternd, entsetzlich, grausam, menschenverachtend, traumatisierend … Stephan B. filmte es, damit andere ihm zuschauen beim Morden, ihn feiern als "weißen Krieger". Als Zuschauer des Videos nimmt man wie in einem Ego-Shooter-Spiel die Perspektive des Schützen ein. Man sieht die Waffe, den Rauch, der bei jedem Feuerstoß aus der Laufmündung entweicht, die Opfer, wie sie getroffen zu Boden stürzen oder davonlaufen. Aber das hier ist kein Spiel, das ist wirklich passiert.
Das knapp 36 Minuten lange Video beginnt damit, wie sich der Attentäter auf einem Parkplatz auf den Anschlag vorbereitet und seine Waffen bereitlegt. Dann fährt er zur Synagoge an der Humboldtstraße, steigt aus, das Gewehr in den Händen. Man sieht Autos vorbeifahren, aber offenbar reagiert niemand auf das Geschehen. B. zündet einen Sprengsatz, um die verschlossenen Türen zum Synagogengelände aufzubekommen, und schießt auf die Türschlösser. Dann feuert er der zufällig vorbeikommenden Jana Lange in den Rücken, die daraufhin bäuchlings auf die Fahrbahn fällt und liegenbleibt. Dann geht B. zu der wehrlos am Boden liegenden Frau, jagt ihr einen langen Feuerstoß in den Rücken. Und ständig fahren Autos vorbei, manche hupen. Aber niemand hält an, niemand verlangsamt das Tempo.
Dann verschwindet B. kurz auf dem Hinterhof eines Nebengebäudes. Als er wiederkommt, steht endlich ein Auto auf der Fahrbahn, ein Mann beugt sich über die – bereits tote – Frau am Boden. B. legt an, aber die Waffe blockiert. Der Mann ergreift die Flucht. Der Attentäter steigt ins Auto, fährt los. Man hört ihn fluchen. "Ich hab’s verkackt, scheiß drauf. Versager", schimpft er. Und er klagt fast weinerlich: "Einmal Verlierer, immer Verlierer."
Nach kurzer Fahrt erreicht er die Ludwig-Wucherer-Straße, eine mehrspurige, stark befahrene Verkehrsachse mit Straßenbahngleisen. Wieder schultert er sein Gewehr, läuft quer über die Straße zum Kiez-Döner auf der anderen Fahrbahnseite. Als er den Imbiss erreicht, beginnt er sofort zu feuern. Er geht in den Laden, die beiden einzigen Gäste an einem der Tische springen auf, verstecken sich hinter Getränkekühlschränken. B. will schießen, aber die Waffe blockiert erneut.
Einer der beiden Gäste flieht, nur Kevin Schwarze bleibt hinter dem Kühlschrank sitzen. Man hört ihn wimmern und flehen. "Bitte, bitte nicht", ruft der 20-Jährige mit erstickter Stimme. Dann tritt B. an ihn heran, feuert aus nächster Nähe auf ihn. Anschließend verlässt er den Laden, überquert die Straße und geht zu seinem Auto. Noch einmal kehrt er zurück in den Imbiss und geht zu dem 20-Jährigen, der getroffen am Boden liegt. Noch einmal schießt B. auf ihn, und noch einmal. Dann hört man ihn sagen: "Der lebt ja immer noch." Und er schießt noch mal.

Gefühlskälte macht fassungslos

Nachdem das Video zu Ende ist, fragt Bundesanwalt Kai Lohse den Angeklagten, was er empfunden habe beim Anschauen der Bilder. "Na, da lief schon ziemlich viel schief", sagt B. nur und lacht kurz auf. Seine unglaubliche Gefühlskälte macht wohl jeden im Saal fassungslos.
Bundesanwalt Lohse fragt B. noch, ob er den Angriff auf die Synagoge heute als Fehler betrachte. Nein, sagt B. bestimmt. Juden, Muslime und Schwarze – "das sind meine Feinde, die versuchen, die Weißen auszurotten", sagt er.

47 Zeugen sagen vor Gericht aus


Das Gericht hat im Halle-Prozess zunächst Verhandlungstage bis Mitte Oktober geplant. Es wurden 43 Nebenkläger zugelassen, darunter der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki. Die Zahl erhöht sich voraussichtlich noch. Am Mittwoch wurde bekannt, dass ein Ehepaar, das sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge befand, als Nebenkläger gelistet werden will. Bislang sind 147 Zeugen benannt, darunter 68 Ermittlungsbeamte. Der Prozess dürfte also lange dauern. dpa