Waffenverbotszonen in Berlin
: Sinn oder Unsinn? Ein Besuch am Leopoldplatz im Wedding

Am Leopoldplatz in Berlin-Wedding wurden trotz neuer Waffenverbotszone an einem Tag 14 Messer konfisziert. Einige Personen dürfen Messer ganz legal bei sich tragen. Ein Besuch.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Sven Dittrich leitet das neue Platzteam im Info-Point, das den Leopoldplatz in Berlin sicherer und sauberer machen soll.

Waffenverbot in Berlin: Sven Dittrich leitet das neue Platzteam im Info-Point, das den Leopoldplatz in Berlin sicherer machen soll. Was sagt er zu Verboten und deren Auswirkungen?

Maria Neuendorff
  • 14 Messer wurden in der neuen Waffenverbotszone Leopoldplatz in Berlin-Wedding konfisziert.
  • Seit 15. Februar 2025 gilt Waffenverbot in drei Berliner Zonen, Bußgelder bis zu 10.000 Euro.
  • Die Polizei kontrolliert nun anlasslos; Info-Point-Mitarbeiter klären Bürger auf.
  • Kritik: Gewerkschaften fordern generelles Messerverbot statt lokaler Zonen.
  • Drogenprobleme am Leopoldplatz nehmen durch neue Projekte ab.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Auf dem Leopoldplatz in Berlin-Wedding herrscht am Nachmittag Gewusel. Die U-Bahneingänge spülen die Menschen auf den Platz und an die Bushaltestellen. Manche hasten auch gleich weiter in die umliegenden Straßen, die vor allem von arabischen Imbissen, Spätis und Kneipen gesäumt sind.

In den Hauseingängen und unter den überquellenden Abfallkörben sammelt sich Müll. Kippen und Kronkorken liegen auf dem Asphalt. Ein paar Männer hocken auf Steinbänken und betrachten das Treiben an den Marktständen.

Eine konfus wirkende Frau lässt sich von den Helfern des neuen Info-Points die City-Toilette aufschließen. Alle paar Minuten ertönen Sirenen. Ein Polizeiwagen parkt auf dem Platz. „Der Leopoldplatz ist eine tickende Zeitbombe, eine Gefahr für Berlin, für Anwohner und unsere Kolleginnen und Kollegen“, sagt Frank Teichert von der Polizeigewerkschaft DPolG Berlin.

Waffenverbot in Berlin – Bußgelder bis zu 10.000 Euro

An nur einem Tag, am 18. Februar 2025, wurden in der Waffenverbotszone Leopoldplatz 14 Messer beschlagnahmt. Und das, obwohl diese dort seit dem 15. Februar gänzlich verboten sind. Seit diesem Stichtag gilt in drei genau definierten Bereichen am Leopoldplatz sowie am Görlitzer Park und dem Kottbusser Tor in Kreuzberg Waffenverbot. Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und kann mit Bußgeldern bis zu 10.000 Euro bestraft werden.

Die gelben Zettel mit den durchgestrichenen Pistolen und Messern kleben auf dem Info-Point-Mobil, das seit November mitten auf dem Leopoldplatz parkt. Die Schichten teilen sich im Auftrag des Bezirksamtes Mitte vier Mitarbeiter, bei denen die Anwohner unter anderem ihre Sorgen und Nöte loswerden können.

„Viele fragen derzeit auch, ob sie noch ein Taschenmesser auf dem Leopoldplatz bei sich tragen dürften“, berichtet Sven Dittrich, Leiter des Platzdienstes. Er erklärt dann den Fragenden, dass es unter anderem verboten sei, das Taschenmesser griffbereit in der Hosentasche zu haben. Es müssen mindestens mehrere Handgriffe nötig sein, um es zu benutzen, betont Dittrich. Ein kleines geschlossenes Taschenmesser tief im Rucksack auf dem Rücken zu tragen, sei ok.

Generell gilt allerdings in den neuen Verbotszonen: Messer, Schusswaffen, Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen, Pfeilabschussgeräte, Armbrüste, Hieb- und Stoßwaffen sind verboten. Die Flyer in deutscher Sprache mit den Regeln, die im Info-Mobil auslagen, sind längst vergriffen, es gibt nur noch einige wenige in türkischer Sprache.

Waffenverbotszone Berlin – auch Reizgas ist verboten

„Zu uns kommen auch die Gastronomen aus den umliegenden Lokalen“, berichtet Dittrich. Wer ein Messer für die tägliche Arbeit nutzt, wie zum Beispiel der Steakhaus-Koch, dürfe es auch weiterhin mit sich führen, berichtet Dittrich.

Eine Person hält ein Küchenmesser in der Hand, das an einem Marktstand verkauft wird, während Polizeibeamte Flyer in unterschiedlichen Sprachen verteilen und Menschen auf dem Leopoldplatz in Berlin-Wedding über das neue Gesetz aufklären.

Eine Person hält ein Küchenmesser in der Hand, das an einem Marktstand auf dem Leopoldplatz in Berlin-Wedding verkauft wird, der seit dem 15. Februar 2025 zur Waffenverbotszone erklärt wurde.

dpa/Annette Riedl

Auch auf dem Wochenmarkt am Leopoldplatz gibt es weiterhin ganze Messersets mit Klingen, weit länger als vier Zentimeter, zu kaufen. Wer so ein Messer verpackt und in der Einkaufstüte direkt nach Hause in die eigene Küche trägt, habe ebenfalls keine Strafen zu befürchten, erklärt der Platz-Manager.

Doch was ist mit dem Zweck der Selbstverteidigung? „Da ist selbst Reizgas grundsätzlich verboten“, betont Dittrich. Erlaubt wäre höchstens ein Mittel mit der offiziellen Bezeichnung: „Tierabwehrspray.“

Als Berliner, der selbst im Kiez lebt, weiß Dittrich nur allzu gut von der „latenten Aggression“, die einem auch rund um den Leopoldplatz immer wieder begegnen kann. „Das ist aber kein Grund für mich, selbst eine Waffe bei sich zu tragen“, findet er persönlich.

Drogenszene neben dem Spielplatz

Als Vorsitzender der Bürgerinitiative „WIR am Leo“, für die er sich in seiner Freizeit zusätzlich engagiert, spricht der 46-Jährige auch gerne von einem „subjektiven Unsicherheitsgefühl“. Dieses sei vor allem aufgrund der Trinkerszene am Leopoldplatz sehr hoch.

Dass die Probleme immer weiter zunehmen, sei aber auch auf einen veränderten Drogen-Konsum zurückzuführen. „Dass Crack plötzlich so offen konsumiert wird, ist ja in ganz Deutschland neu“, sagt Dittrich, der seit 18 Jahren im Kiez lebt. Als Anwohner werde man zwar nicht direkt angegriffen, aber trotzdem regelmäßig Zeuge von Auseinandersetzungen mit Messern, Elektroschockern, Schlagstöcken und Macheten. „Die Taten spielen sich zwar innerhalb der Szene ab, aber manchmal auch direkt neben dem Spielplatz.“

Polizeibeamtinnen und Beamten verteilen Flyer in unterschiedlichen Sprachen und klären Menschen auf dem Leopoldplatz in Berlin über das neue Gesetz auf.

Polizeibeamte verteilen Flyer in unterschiedlichen Sprachen und klären Menschen auf dem Leopoldplatz in Berlin über das neue Gesetz auf.

dpa/Annette Riedl

Nur eine U-Bahnstation weiter gibt es in einer Art Zigarettenladen neben Schusswaffen auch Messer ab 15 Euro zu kaufen.

Die Berliner Polizeigewerkschaft GdP verweist darauf, dass es paradox ist, in Berlin drei lokale Verbotszonen zu schaffen, obwohl es stadtweit immer wieder zu Messergewalttaten kommt.

Erst vor kurzem verletzte eine Transfrau einen Jugendlichen nach verbalem Streit in Neukölln mit einem Messer, und ein Mann überfiel in Lankwitz eine Tankstelle mit einer Machete. In Lichtenberg stach ein Mann einem anderen ins Gesicht. In Wedding wurde jemand mit dem Messer an der Schulter verletzt.

Messerverbot in Berlin – Polizei-Gewerkschaft spricht von „Placebo“

Und dann war da noch am 21. Februar die antisemitisch motivierte Tat am Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte, bei der ein spanischer Tourist niedergestochen wurde.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht von einem „Placebo für die innere Sicherheit“ und verlangt ein generelles Trageverbot von Messern in der Öffentlichkeit. Der Anlass seien vor allem die „schockierenden Vorfälle von Brokstedt, Solingen, Aschaffenburg und an unserem Kollegen Rouven in Mannheim“.

Die neuen Messerverbotszonen seien aber keine Antwort auf diese grauenhaften Morde. „Keine dieser Taten hätte sich mit einer Messerverbotszone verhindern lassen“, betont GdP-Landeschef Stephan Weh. „Kein Terrorist und auch kein Schwerstkrimineller lässt sich von Verbotsschildern abhalten, so schön sie auch gestaltet sind.“

Messerverbotszonen könnten zwar ein Signal senden, seien aber allerhöchstens ein ergänzendes Element zur Bekämpfung von Jugendgruppengewalt. Ein generelles Verbot wäre dagegen einfacher durchsetzbar, klar verständlich für die Bevölkerung und weniger personalintensiv für die Polizei“, erklärt Weh.

Messerverbot in Berlin – Polizei darf ohne Anlass kontrollieren

Sven Dittrich darf und will das als von der Stadt angestellter Platz-Wächter im orangefarbenen Bauwagen nicht bewerten. Doch dass die Polizei durch die neue Regelung auch anlasslos die Menschen auf dem Leo kontrollieren könne, findet er erst einmal nicht verkehrt.

Und auch, dass man derzeit generell das Thema Gewalt auf Straßen und Plätzen in den Fokus nehme, könne nicht von Nachteil sein.

Seit man beispielsweise das Suchtproblem am Leopoldplatz enttabuisiert habe, offen darüber spreche und verschiedene Projekte ausprobiere, habe sich die Gesamtsituation verbessert, berichtet er. „Davor waren hier am Abend rund 150 Drogenkonsumenten zeitgleich am Platz“, erinnert sich Dittrich. „Momentan sind es vielleicht noch 30 bis 50. Das nimmt schon Dampf aus dem Kessel.“

Die Messerverbotszone sei dabei nur eine von vielen Stellschrauben, mit der man versuchen müsse, den Platz sicherer zu machen.