Weihnachtsmarkt in Berlin 2023
: Drag Bingo und schlüpfrige Geschenke – das bietet die Christmas Avenue

Die Christmas Avenue 2023 am Nollendorfplatz in Berlin lockt mit Drag-Kunst und besonderen Speisen. Ein Besuch auf dem wohl ungewöhnlichsten Weihnachtsmarkt in Berlin.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Die Arbeitskollegen Oliver (53) und Laura (26) sind direkt nach Feierabend auf den „LGBTIQ Winterdays“-Weihnachtsmarkt nach Berlin-Schöneberg gekommen, um Glühwein zu trinken und beim Drag Bingo mitzuspielen.

    Die Arbeitskollegen Oliver (53) und Laura (26) sind direkt nach Feierabend auf den „LGBTIQ Winterdays“-Weihnachtsmarkt nach Berlin-Schöneberg gekommen, um Glühwein zu trinken und beim Drag Bingo mitzuspielen.

    Maria Neuendorff
  • Die „LGBTIQ-Winterdays“ sowie der „Christmas Avenue“-Weihnachtsmarkt in Berlin finden seit vier Jahren traditionell unter dem Hochbahnviadukt am Bahnhof Nollendorfplatz statt.

    Die „LGBTIQ-Winterdays“ sowie der „Christmas Avenue“-Weihnachtsmarkt in Berlin finden seit vier Jahren traditionell unter dem Hochbahnviadukt am Bahnhof Nollendorfplatz statt.

    Maria Neuendorff
  • Das Drag Bingo auf dem „Christmas Avenue“-Weihnachtsmarkt am Berliner Nollendorfplatz wird immer dienstags ab 18.30 Uhr von Travestiekünstler*in Margot Schlönzke moderiert.

    Das Drag Bingo auf dem „Christmas Avenue“-Weihnachtsmarkt am Berliner Nollendorfplatz wird immer dienstags ab 18.30 Uhr von Travestiekünstler*in Margot Schlönzke moderiert.

    Maria Neuendorff
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Unter der Hochbahn am Nollendorfplatz leuchtet es schon vor dem Totensonntag in Regenbogen-Farben. Die Buden unter dem festlich geschmückten Hochbahnviadukt haben bereits seit Mitte November geöffnet. Bis zum 25. November nennt sich der kleine, aber sehr besondere Weihnachtsmarkt aus Respekt vor dem christlichen Kalender noch „LGBTIQ Winterdays“ und wird dann am 27. November von der „Christmas Avenue“ abgelöst.

An diesem Dienstagabend liegen zwischen Glühweintassen und umweltfreundlichen Tellern mit Streetfood bunte Zettel für das Drag-Bingo bereit. Margot Schlönzke, Travestiekünstler*in aus Berlin, heizt auf der kleinen Bühne dem Publikum schon vor der ersten Zahl ordentlich ein. „Wer fünf Richtige in einer Reihe hat, schreit bitte und schüttet der Nachbar*in seinen Glühwein ins Gesicht“, sagt die Moderatorin mit den toupierten Haaren.

„Wer versehentlich Bingo ruft, kommt auf die Bühne und zieht sich nackt aus“, heißt es in einer weiteren Ansage. Zu gewinnen gibt es unter anderem einen Besuch in der Schwulensauna, Gleitgel oder den exklusiven Gin, der ein paar Schritte weiter an einer der Holzbuden auch verkauft und verköstigt wird.

„Wir waren letztes Jahr eher zufällig hier. Aber heute sind wir extra wegen des Bingos da“, erzählt Laura (26), die mit zwei Kollegen nach Feierabend auf dem Schöneberger Weihnachtsmarkt angedockt hat. Besonders begeistert sind die drei nicht nur von Drag Queen Margot, sondern auch vom „Pinken Glühwein“ (ab 4,50 Euro ohne Schuss), für den Rosé verwendet wird. Im Glühhaus, vor dem sich schnell längere Schlangen bilden, gibt es auch warme Cocktails wie „Hot Aperol“ oder „Vanille Vodka Winterpunsch“.

Wettergeschützt unter der Hochbahn

Laura und ihre Kollegen können vor allem die Süßkartoffel-Pommes-Tüte mit Chilli-Cheese (6,50 Euro) und den Crêpe mit Kinderschokolade (4 Euro) empfehlen. „Vor allem ist der Markt auch wetterunabhängig“, sagt Oliver (53) und zeigt auf die beleuchteten und mit einem Netz abgehangenen Hochbahngleise über ihm, die die Besucher vor Regen und Schnee schützen. Auch die Rindenmulch-Späne auf dem Boden sorgen dafür, dass die Füße nicht zu schnell zu Eisklumpen werden.

Laura schätzt vor allem die lockere Atmosphäre und das nette Publikum. „Hier darf jeder sein, wie er ist“, findet die junge Frau. „Die Christmas Avenue ist nicht nur ein Ort, der Glühweinduft und festliche Lichter bietet, sondern wahrlich ein lebendiges Symbol für Inklusion, Diversität und Zusammengehörigkeit“, meint auch Jörn Oltmann (Bündnis 90/Die Grünen), Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, in seinem Grußwort. „Hier sind alle Menschen willkommen. Es ist ein besonderer Ort der queeren Community, offen für alle, die gemeinsam das Fest der Liebe feiern wollen.“

Neben schwulen Pärchen sieht man vor allem ein gemischtes Publikum, Eltern mit Kindern, Mädelstruppen und viele Touristen aus aller Welt, die an den Abenden zu Konzert- und DJ-Musik mitwippen. „Die Leute haben schon jetzt so richtig Lust auf Weihnachtsmarkt“, berichtet Paul Astor, der an seinem Stand Zeichnungen von nackten Männern verkauft, die er am Badestrand und in seinem Atelier portraitiert hat. „Als ich meine Bilder vor ein paar Jahren das erste Mal auf der Christmas Avenue in Köln aufgebaut habe, kam gleich der Staatsanwalt mit einer Gefährder-Ansprache“, erzählt der 44-jährige Maler.

Doch im Schöneberger Regenbogenkiez störe sich keiner an seinen frechen Kühlschrankmagneten und schlüpfrigen Postkarten mit männlichen Körperteilen. 70 Prozent der Käuferinnen seien sogar weiblich, berichtet der in Leipzig geborene Künstler, der seit 14 Jahren in Berlin lebt. Auf den ersten Blick eher unauffällig wirkt sein „Sweet Memories“-Kartenspiel in einer mit Goldrand verzierten Verpackung. „Da drin vermuten erst mal viele Räucherstäbchen oder Schweizer Pralinen und entdecken nach dem Auspacken dann eine ganz andere Süßigkeit“, freut sich Paul Astor und zeigt 32 Memo-Karten mit Penissen in allen Hautfarben, Formen und Erregungszuständen.

Künstler Paul Astor hat aus den Portraits nackter Männer unter anderem eine Art Memory-Spiel geschaffen, das er neben seinen Original-Bildern auf dem Weihnachtsmarkt am Nollendorfplatz in Berlin verkauft.

Maria Neuendorff

Nur zwei Stände weiter gibt es diese auch in Kerzenform zu kaufen. Die Kunstdrucke, Aufkleber und T-Shirts des Berliner Künstlerlabels Roy Draws sind dagegen etwas zurückhaltender. „Boys Cry“ (Jungen weinen) steht zum Beispiel auf einem Einhorn.

Zu essen gibt an den wenigen, aber ausgewählten Buden unter anderem Kräuterknödel mit Kürbis-Ingwer-Ragout (9 Euro), Gulasch vom Landschwein mit Pilzen und Knödel (11 Euro) und hausgemachten Kassler mit Kartoffeln und Grünkohl. (12 Euro).

Kolumbianische Spezialitäten auf der Christmas Avenue

Am Stand von „Colombian Station“ werden glutenfreie kolumbianische Gerichte feilgeboten, die laut Standbetreiber nach einem Familienrezept zubereitet werden. Die Streetfood-Caterer, die sonst auf dem Donnerstagsmarkt in der Markthalle Neun zu finden sind, belegen dabei gebratenen Maisteig mit verschiedenen Beilagen, einschließlich vegetarischen und veganen Optionen.

Die zehn Euro pro Gericht wirken im Vergleich zu den Portionen sehr happig. Allerdings macht der runde, mit Butter bestrichene Maisfladen, nachdem er mit saftigem Pulled Pork und Schafskäse belegt wurde, dann doch ganz gut satt und ist wirklich ein geschmackliches Erlebnis.

„Bingo“, ruft dann auch endlich ein 22-jähriger BWL-Student aus Potsdam und wird von der Drag Queen nach vorne gebeten. Ausziehen muss er sich nicht, sich dafür aber auf der Bühne ein paar intime Fragen gefallen lassen: „Schon vergeben oder noch Single?“, lautet die wichtigste an diesem Abend.

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Öffnungszeiten und Bühnenprogramm

„LGBTIQ-Winterdays“ und „Christmas Avenue“ am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg, geöffnet bis 23. Dezember 2023, Montag bis Donnerstag von 16 bis 22 Uhr, Freitag bis Sonntag von 15 bis 22 Uhr, am 26. November (Totensonntag) bleibt der Markt geschlossen. Der Eintritt ist frei.

Montags gibt es von 18 bis 20 Uhr eine Happy Hour, ab 19 Uhr mit DJ Sasha, dienstags das Drag Bingo mit Margot Schlönzke, mittwochs ab 19 Uhr „Christmas Karaoke“. Ansonsten legen an den Abenden meist Berliner DJs auf. Das gesamte Programm unter christmas-avenue.