Wiederverwertung: Momox will mit Kleidern wachsen
Getragene Kleider aus halb Europa liegen und hängen hier. Zu klein gewordene Kinder-T-Shirts, unbenutzte Markenturnschuhe, Winter-Mäntel füllen Hunderte Regale und Reihen von Kleiderständern. Auf 10 000 Quadratmeter Fläche lagert Momox in der Berliner Speckgürtel-Gemeinde Neuenhagen (Märkisch Oderland) gebrauchte Kleider, Schuhe, Taschen, Accessoires. Die Sachen kauft Momox im Internet von Privatleuten in Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien und Großbritannien und verkauft sie wieder – nach Europa, aber auch Kanada und die USA.
Gestartet ist das Unternehmen 2004 als Händler von Büchern und Medien aus zweiter Hand. Die Geschäftsidee hatte der Fürstenwalder Christian Wegner, der sich aber zum Jahresende aus dem Unternehmen zurückziehen wird. Seit 2013 handelt Momox auch mit gebrauchten Kleidern. Über eine eigene Online-Plattform sollen Kunden einfach Abgelegtes anbieten können.
Was Momox für einige Euro ankauft, geht zunächst nach Polen. In der Nähe von Stettin betreibt die Firma drei Standorte mit 550 Mitarbeitern. Sie prüfen die Waren und fotografieren jeden Artikel für die firmeneigene Verkaufs-Plattform ubup oder Fremdportale wie eBay. Von Stettin werden die Kleider nach Neuenhagen transportiert und dort versandfertig gemacht.
150 Mitarbeiter arbeiten in Neuenhagen. Dazu gehört Franziska Jähnigen. Auf ihrem hell beleuchteten Arbeitstisch liegt ein grünes Kinder-Shirt. Die 34-Jährige hat ein kleines Loch am Rücken entdeckt. Das Shirt landet in einer Kiste. Aussortiert. Seit drei Jahren ist die junge Mutter bei Momox beschäftigt. „Ich nähe selbst gerne“, sagt sie. Ihre Chefin Melissa Hohnhorst ist seit acht Jahren dabei. Die gelernte Raumausstatterin ist besonders darauf geschult, Plagiate zu erkennen. Etwa 300 gefälschte Artikel gehen täglich ein. Schriftzüge, Etiketten, selbst die Art der Nähte verrät Hohnhorst, was echt ist. „Wenn geringste Zweifel bestehen, dann lehnen wir den Artikel ab“, sagt sie. Der Kunde kann sich mangelhafte Sachen gegen Beteiligung am Porto zurückschicken lassen oder verzichten. Dann werden sie recycelt – zum Beispiel zu Putzlappen.
Was die letzten Qualitätschecks besteht, wird registriert, mit Anhänger versehen, in Tüten verpackt und dann in Regalen geparkt. Auf zwei Etagen stehen Holzregale voller Kartons. Das ist die Welt der „Stocker“ und „Picker“. Die "Stocker“ sortieren die versandfertig gemachten Waren zunächst in die Regale ein. Die „Picker“ ziehen später mit Bestelllisten auf Smartphones durch die Regalreihen und suchen die Artikel für den Versand zusammen. Vier Artikel bestellt ein Kunde im Schnitt, jeden für durchschnittlich 21 Euro. Rund 96 000 Pakete verlassen jeden Monat per Lkw das Logistikzentrum. Etwa vier Wochen lagern die Waren, bis sie verkauft sind. Ein im Frühjahr angekaufter Wollpullover bleibt aber auch schon mal bis Herbst im Lager.
Gesteuert wird das Gebrauchtwaren-Imperium aus einem sanierten alten Fabrikgebäude am Berliner Ostbahnhof. IT-Experten und Marketingfachleute sitzen hier in Großraumbüros. In einem davon hat auch Heiner Kroke seinen Stehtisch, inmitten in einer Gruppe von Schreibtischen. Der 50-Jährige war Manager bei eBay und dem Internetauktionshaus Ricardo, bevor er 2013 Geschäftsführer von Momox wurde. Damals startete der Handel mit Kleidern. Doch Bücher, sagt Kroke, sind nach wie vor das Kerngeschäft des nach eigenen Angaben größten Re-Commerce-Unternehmens in Europa. „Wir wachsen in allen Kategorien, auch bei Büchern und CDs. Aber im Bereich Bekleidung wachsen wir am stärksten.“ 1700 Mitarbeiter arbeiten für Momox an sechs Standorten – drei davon in Polen, weitere in Berlin, Neuenhagen und in Leipzig, wo vor allem das Buch- und Mediengeschöft angesiedelt ist. 200 Millionen Euro Umsatz hat Momox 2018 gemacht. Davon stammen zehn Prozent aus dem Geschäft mit Second-Hand-Kleidung. Dieses Segment ist um 50 Prozent im Vergleich zu 2017 gewachsen.
Der Trend zum Online-Kauf, ein gewachsenes Umweltbewusstsein, ein verändertes Image von Second-Hand-Ware sind Treiber des Wachstums. „Es gelingt sehr gut, alles zu verkaufen“, sagt Kroke. Der Anteil des Unverkäuflichen liege um drei Prozent bei Büchern und einem Prozent bei Kleidern. Die Kunden sind vor allem Frauen und kommen aus allen Schichten. Rund 2000 Marken gehören zum Angebot, allerdings keine Luxusmarken. Bekleidung wird 70 bis 90 Prozent unter dem Preis der Neuware verkauft. Um damit Geld zu verdienen, setzt Momox unter anderem Software ein. Sie errechnet im Halbstundentakt die Preise für An- und Verkauf neu, je nach Angebot und Nachfrage. 13,7 Millionen Euro Vorsteuergewinn hat das Unternehmen 2018 insgesamt eingefahren, mehr als drei Mal so viel wie 2017.
Platz für weitere Halle
Chef Kroke ist mit dem Modegeschäft „sehr zufrieden. Wir stehen in diesem Bereich noch am Anfang. Aber wir sehen hier ein unglaubliches Wachstumspotenzial." Das internationale Geschäft macht derzeit 30 Prozent aus. Kroke kann sich vorstellen, in weitere Länder zu gehen. In Neuenhagen will das Unternehmen erweitern, für eine zusätzliche Leichtbauhalle wäre auf dem Areal Platz. „Wir sind mit den Behörden im Gespräch“, sagt Kroke. Schwieriger ist es, noch mehr Personal zu finden. Das Geschäft mit Gebrauchtem erfordert viel Handarbeit. Automatisieren lohnt kaum. Am Zaun von Momox in Neuenhagen werben Plakate für neue Mitarbeiter. In Polen sei es derzeit schwieriger als in Brandenburg, Mitarbeiter zu finden, erklärt Heiner Kroke. Vor drei Jahren, als die Stettiner Niederlassungen eingerichtet wurden, war das anders.
In Neuenhagen hat Momox in den letzten zwölf Monaten 50 Mitarbeiter neu eingestellt, 30 sollen bis Februar dazukommen. Die Gemeinde ist gut mit der S-Bahn zu erreichen. Nur das letzte Stück Weg bis zur Momox-Halle ist ein Problem. Momox hat jetzt einen Shuttledienst bis zum Bahnhof eingerichtet. Den nutzt auch Mitarbeiterin Melissa Hohnhorst. Sie lebt in Berlin, erzählt sie. Ein Auto besitzt sie nicht.




